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Damit Blinde passende Bilder im Kopf entwerfen können, brauchen sie gelegentlich Hilfe. Harry Härter schätzt die Hilfe von Claudia Kuchler. Foto: t&w
Damit Blinde passende Bilder im Kopf entwerfen können, brauchen sie gelegentlich Hilfe. Harry Härter schätzt die Hilfe von Claudia Kuchler. Foto: t&w

„Woche des Sehens“: Der andere Blick auf die Dinge +++ mit Veranstaltungshinweisen

us Lüneburg. „Es ist, als hätte man sich eine weiße Plastiktüte über den Kopf gezogen.“ Harry Härter ist blind. Nur Konturen und Kontraste kann er wahrnehmen, bei diffusem Herbstlicht besser als bei strahlendem Sonnenschein. Ganz schlimm ist es im Winter, wenn Schnee liegt, dann verschwimmt alles. Vor sieben Jahren erkrankte er an einem Zeckenbiss, innerhalb von Monaten ging danach die Sehstärke auf beiden Augen gegen null. Ein Einschnitt in sein Leben, den er sich so nie hätte vorstellen können. Für den 69-Jährigen aber noch lange kein Grund, sich zurückzuziehen.

„Ich will mit den Menschen auf Augenhöhe bleiben“, erklärt Harry Härter seine Motivation, immer wieder den Kontakt zu seinen Mitmenschen zu suchen. Einmal pro Woche kommt er dazu ins Geschwister-Scholl-Haus am Bockelsberg, nimmt dort Teil an der Englisch-Gruppe, um alte Sprachkenntnisse wieder zu aktivieren. Zusammen lesen sie Texte, diskutieren darüber. Lesen heißt hier dann meist vorlesen, so ist auch Harry Härter dann Teil des Geschehens und Teil der Gruppe. Selbst Karikaturen sind Gegenstand des gemeinsamen Austauschs. Wie das geht? „Einer der Teilnehmer beschreibt, was er sieht, so kann auch ich mir dann ein Bild machen. Natürlich auf Englisch.“

Sich ein Bild machen. Immer wieder taucht dieser Satz auf. Denn es ist vielleicht die größte Herausforderung, vor der viele Menschen stehen, deren Sehstärke stark eingeschränkt oder gar nicht mehr gegeben ist. Sie sind daher in besonderer Weise auf die Unterstützung anderer angewiesen.

Doch nicht immer kommt sie so an, wie sie vielleicht gemeint ist. „Viele freuen sich, wenn ihnen angeboten wird, sie über die Straße zu führen, doch sie sollten vorher gefragt werden“, sagt Sascha Paul. Einfach am Ärmel ziehen und mitnehmen, sei nicht der richtige Weg, erläutert der Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenverbands Niedersachsen (BVN), Regionalverein Nord-Ost-Niedersachsen. „Blinde sind zunächst mal Menschen, dann kommt lange nichts, erst dann, dass sie sehbehindert sind.“

Sie als solche wahr- und anzunehmen, dazu soll die „Woche des Sehens“ beitragen, die noch bis zum 15. Oktober stattfindet. In Lüneburg wird dazu am Mittwoch, 14. Oktober, von 16 bis 18 Uhr im Geschwister-Scholl-Haus ein Vortrag zum Thema „Auf Augenhöhe auch mit Sehverlust“ angeboten, ein weiterer widmet sich dem Thema der gemeinsamen Veranwortung von Arzt, Patient und Angehörigen. „Denn auch, wenn das Sehvermögen nachlässt, ist ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben möglich“, sagt Sascha Paul. Am Donnerstag dann ist „Tag des weißen Stocks“. Dazu werden am Bahnhof Info-Blätter verteilt, in denen über vermeidbare Hürden und Hindernisse aufgeklärt wird.

Harry Härter jedenfalls ist glücklich, das Mehrgenerationenhaus für sich gefunden zu haben: „Ich bin hier voll inte­griert.“ Dass dies nicht von allein geschehe, weiß er aber auch: „Man wird nicht gesucht, sondern muss schon selbst nach draußen gehen.“ Für Claudia Kuchler ist das Angebot ihres Hauses eine Selbstverständlichkeit. „Außerdem lernen wir selbst, einen anderen Blick auf die Dinge zu werfen“, sagt die Leiterin des Geschwister-Scholl-Hauses. Einen anderen Blick auf die Dinge werfen – manchmal ist es auch für Sehende nicht leicht.

Aktion am Bahnhof

Der Regionalverein Nord-Ost des Blinden- und Sehbehindertenverbands Niedersachsen beteiligt sich an der bundesweiten Aufklärungskampagne des 50. internationalen Tages des weißen Stocks. In Lüneburg verteilt der Verband am Donnerstag, 15. Oktober, am Bahnhof Postkarten. Es wird damit auf die Wichtigkeit des Freihaltens von Leitstreifen und die Gefahren des Abstellens von Gegenständen auf den Leitstreifen aufmerksam gemacht. An gefährlich abgestellte Fahrräder werden Karten angehängt und Passanten auf die Gefahren aufmerksam gemacht.

In der Zeit von 8 bis 10 Uhr werden Betroffene und in der Blindenarbeit Engagierte an den Bahnhöfen hierfür unterwegs sein. Im Boden verlegte Platten mit Noppen und Rippen haben verschiedene Funktionen: Sie leiten, warnen und stoppen. In Reihe verlegte Platten mit Rippen, sogenannte Leitstreifen, zeigen eine sichere Strecke an. Sie sind beispielsweise auf Bahnsteigen zu finden, natürlich mit ausreichendem Abstand von der Bahnsteigkante. Wer dort sein Gepäck abstellt und so die Leitstreifen blockiert, zwingt blinde und sehbehinderte Menschen zu Umwegen, die gefährlich werden können.