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Lüneburg will Zukunftsstadt 2030 werden. Wie das mit Blick auf die Bereiche Wohnen und Jugendkriminalität gelingen kann, erläutert Professor Dr. Hans-Joachim Plewig. Foto: t&w
Lüneburg will Zukunftsstadt 2030 werden. Wie das mit Blick auf die Bereiche Wohnen und Jugendkriminalität gelingen kann, erläutert Professor Dr. Hans-Joachim Plewig. Foto: t&w

Die neue Bescheidenheit beim Wohnen

Lüneburg. „Zukunftsstadt“ lautet der Titel eines Wettbewerbs, der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgelobt wurde und zum Ziel hat, Visionen für eine nachhaltige Gesellschaft zu entwickeln. Im Wettbewerb stehen 52 Landkreise, Städte und Gemeinden, darunter auch die Stadt Lüneburg. In 25 Handlungsfeldern will sie in Zusammenarbeit mit der Universität und Lüneburger Bürgern zeigen, wie die Stadt die Herausforderungen der Zukunft meistern will. Eines dieser Handlungsfelder wirft den Blick auf soziale Innovationen im Bereich von Wohnen und Leben – und das Thema Jugendkriminalität. Prof. Dr. Hans-Joachim Plewig, Professor für soziale Nachhaltigkeit und Strafrecht an der Leuphana und Richter am Landgericht Hamburg, erläutert im LZ-Gespräch mit Redakteur Ulf Stüwe, warum beides für die Zukunftsstadt Lüneburg wichtig ist.

Herr Plewig, wie groß ist die Wohnung, in der Sie leben?
Joachim Plewig: 90 Quadratmeter.

Wie passt das zu dem von Ihnen propagierten Ziel der sozialen Nachhaltigkeit?
Plewig: Ganz offen gesagt: kaum oder gar nicht, je nachdem, wie streng ich mich selber betrachte. Die Wohnung ist für mich zu groß – übertragen auf das Maß, das wir uns zukünftig leisten können im Hinblick auf die Ressourcen wie Energie und Erstellungsaufwand. Natürlich wissen wir aus dem Blick der Nachhaltigkeit, dass wir künftig mit weniger auskommen müssen.

Mit weniger auskommen müssen – ist das soziale Nachhaltigkeit?
Plewig: Die Parole lautet „Weniger ist mehr“. Sie besagt, dass wir mit weniger ausgesprochen zufrieden sein können – wenn wir unseren Lebensstil und unsere echte Zufriedenheit vergleichen. Übertragen auf das, was mit sozialer Nachhaltigkeit gemeint ist, bedeutet das: Sie befasst sich mit den Themen, die sich aus unserer Verfassung als Sozialstaat ableiten. Dieser Sozialstaat stellt enorme Mittel für die soziale Sicherheit der Bürger zur Verfügung. Dazu zählen insbesondere das friedliche, abgesicherte Zusammenleben und unser Zusammenhalt. Deswegen müssen wir schauen, dass das Sozialleben der Menschen weiterhin gelingt und die Menschen angemessene Rahmenbedingungen dafür haben.

„Wir müssen uns von bestimmten Ansprüchen verabschieden.“ Prof. Dr. Hans-Joachim Plewig

Sie fordern in diesem Zusammenhang mehr Gemeinschaftsfähigkeit, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein. Was heißt das?
Plewig: Es ist erkennbar, dass wir aufgrund der demographischen Entwicklung vor einem riesigen Problem stehen. Immer mehr junge Menschen müssen einen einzelnen alten Menschen versorgen – Stichworte dafür sind: Zugang zum Arbeitsmarkt, Renten und Pensionen, Gesundheitsversorgung und manches mehr. Diese Rechnung geht in absehbarer Zeit nicht mehr auf. Der in Deutschland weit ausgestaltete Sozialstaat stößt ganz klar an seine Grenzen. Damit entsteht eine riskante Situation. Um den sozialen Zusammenhalt weiter gewährleisten zu können, ist individuelle Verantwortung unerlässlich. Das verlangt von uns: Wir müssten uns von bestimmten Ansprüchen und individualistischen Verhaltensweisen verabschieden.

Mit anderen Worten: Nachhaltigkeit ist nur möglich auf Kosten persönlicher Freiheit?
Plewig: Das muss ganz eindeutig bejaht werden. Es ist ein schwieriges Thema, weil alle Nachhaltigkeitsforderungen stets im Sinne von „Du musst verzichten“ formuliert werden. Das aber stößt enorm an unsere Konsumgewohnheiten, an unseren Wohlstand, unser Wohlbefinden und unser Lebensgefühl an. Deshalb ist die emotionale Auseinandersetzung mit diesem Thema außerordentlich schwierig. Gelingen kann sie nur, wenn wir an die Zukunft unserer Kinder und Enkel denken und die notwendigen Veränderungen gerne und mit Überzeugung vornehmen. Dennoch: Von bestimmten Konsumgewohnheiten werden wir Abstand nehmen müssen.

Um Lüneburg zur Zukunftsstadt zu machen, soll auch das Thema Jugendkriminalität in den Blick genommen werden. Was hat das mit Nachhaltigkeit zu tun?
Plewig: Sehr viel, denn es geht immer darum, die junge Generation zu integrieren. Bei jeder neuen Generation gibt es junge Menschen, die mehr oder weniger Regeln nicht beachten, Regeln austesten oder aufgrund persönlicher Lebensumstände kaum in der Lage waren, sich angemessen im Kindergarten, in der Schule und in der Freizeit zu verhalten. Sie machen Probleme, aber sie erfahren auch Hindernisse, in die Gesellschaft integriert zu werden. Diese Probleme können in Jugendkriminalität münden. In der Folge wird dann immer wieder überlegt, was präventiv möglich ist und wie wir sanktionieren müssen. In beiden Fällen spielt die Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle. Denn es geht vor allem darum, wie wir wirksam vorbeugen können.

Wie soll das gehen?
Plewig: Wir brauchen mehr Erkenntnisse über die Wirksamkeit von Sanktionen im Jugendstrafrecht. Also: Welche Maßnahmen versprechen einen langfristig konstruktiven Weg? Was wir aber schon wissen, ist, dass bislang die einzelnen Institutionen viel zu isoliert nebeneinander arbeiten. Das gilt schon für den Kindergarten neben der Schule, das gilt für die Schule neben dem Jugendamt und das gilt für Schule und Sozialarbeit gegenüber Polizei und Justiz.
Nachhaltig wirksames Ziel ist die Integration dieser Institutionen, um Maßnahmen „vernetzt“ zu organisieren. Und dabei sind wir automatisch bei der Aufgabe, dass dies ein Gemeinschaftsziel sein muss. Nichts kann dies besser verdeutlichen als die neuen Herausforderungen durch die jetzt ankommenden Flüchtlinge.

Wie meinen Sie das?
Plewig: Es geht darum, die Lage ganz rational einzuschätzen und daraus Zielsetzungen abzuleiten, die möglichst auch nachhaltig sein sollten. Wir haben dafür einen Anhaltspunkt aufgrund von dreißig, vierzig Jahren Integrationsversuchen mit nach Deutschland eingewanderten Gastarbeitern, speziell Türken und dann ab 1990 Deutsch-Russen. Uns steht umfassendes Informationsmaterial auf den Ebenen Familien, Kindergärten, Schulen, Jugendämtern, Polizei und Justiz bis hin zu Gefängnissen zur Verfügung. Wir wissen, welche riesigen Probleme wir hatten und nach wie vor haben. Wir wissen daher recht genau, wo wir bisher an Grenzen gestoßen sind. Jetzt sind wir ganz kurzfristig gezwungen, dazu entweder ein nachhaltiges, integratives Konzept zu entwickeln oder taumelnd hier und da Versuche zu starten, Löcher zu stopfen und isolierte Maßnahmen zu ergreifen. Das aber wird jede Kommune und auch Lüneburg in enorme Krisen stürzen, die dann vielleicht Politik, Verwaltung und uns Mitbürger überfordern.

Im Februar sollen die ersten Ergebnisse vorgestellt werden, die Sie jetzt mit Ihren Erstsemester-Studenten erarbeiten. Was wollen Sie bis dahin erreicht haben?
Plewig: Die Studenten werden in den ersten Semesterwochen in das jeweilige Thema inhaltlich eingeführt. Dann sollen sie informelle „Paten“ als Informanten finden, die innerhalb der Stadt und der Umgebung nicht nur Sachkenntnisse besitzen, sondern vor allem realistisch-visionär denken und Szenarien entwickeln können, wie es in unserer Stadt weitergehen müsste. Diese Recherchen werten die Studenten aus. Am Ende steht eine Empfehlung, die der Stadt übergeben wird.

Auftaktveranstaltung im Museum

Wie sollte Lüneburg in fünfzehn Jahren aussehen? Das von verschiedenen Partnern getragene Projekt „Zukunftsstadt Lüneburg 2030+ – Nachhaltige Visionen für unsere Stadt“, mit dem sich Lüneburg an dem bundesweiten Wettbewerb „Zukunftsstadt“ beteiligt, will darauf Antworten geben. Die genauen Ziele des Projekts, seine 25 Handlungsfelder und die Vorgehensweise werden im Rahmen einer öffentlichen Auftaktveranstaltung am 20. Oktober von 19 bis 21 Uhr im Lüneburger Museum vorgestellt.

Professor Dr. Daniel Lang, Dekan der Fakultät Nachhaltigkeit an der Leuphana, wird das Projekt skizzieren. Professor Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, spricht über die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Christoph Steiner, Chefredakteur der Landeszeitung, moderiert das anschließende Podiumsgespräch.