Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Renate Künast wirbt an der Lüneburger Universität für gute Ernährung. Foto: phs
Renate Künast wirbt an der Lüneburger Universität für gute Ernährung. Foto: phs

Essen als politische Bewegung

mm Lüneburg. Eine Universität kann der Ort sein, wo Revolutionäres geschieht. Es ist der Ort, wo viele Menschen zusammenkommen, sich Gedanken darüber machen, wie die Welt verändert werden könnte. Auch an der Leuphana Universität. Wie gestern zum Auftakt der Vorlesungsreihe „L3: Lebensstile, Landwirtschaft, Lebensmittel — Wie jetzt, nur besser?“ Zu der eine prominente Gastrednerin erscheint: Renate Künast, die ehemalige Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Sie möchte eine revolutionär anmutende Idee präsentieren.

Zukunftsszenario: „Wie ernährt sich eine Weltbevölkerung mit neun Milliarden Menschen?“ Diese Frage wirft Renate Künast in den voll besetzten Hörsaal. Die Antwort gibt sie selbst: „Regional“. Sie fragt weiter: „Was wäre, wenn wir immer so weitermachen? Es noch mehr Chemieeinsatz gäbe, noch mehr Belastung von Boden und Wasser, noch mehr resistente Keime und Fettleibigkeit?“ Eine Antwort lässt die Grünen-Politikerin lieber aus, stattdessen schlägt sie vor: „Wir brauchen ein Food-Movement.“ Eine Essensbewegung also. Wie damals die Anti-Atomkraftbewegung.

Aber wie geht sowas? Anders einkaufen, zum Beispiel. „Nicht der Schnäppchenideologie folgen“, sagt Künast. Die Anti-Atomkraftbewegung sei nicht durch eine Struktur oder einen gewählten Vorstand entstanden, sondern weil viele Menschen aufbegehrten, weil sie Atomkraft nicht wollten. Der Zeitpunkt, an dem sich eine neue Bewegung bildet, „könnte jetzt sein“, sagt Kü­nast. Applaus bekommt sie dafür nicht, ein Nicken hie und da in den Reihen.

Es sollte mehr über „gute Ernährung“ diskutiert werden, sagt Künast weiter. In Schulen, Kantinen und Mensen. Mit dem Ziel: „Eine neue Agrar- und Ernährungswende zu schaffen“. Sie zielt auf 2020 und 2042 — wichtige Daten. Denn 2020 wird für die 28 EU-Mitgliedsstaaten wieder festgesetzt, zu welchen Bedingungen Agrargelder fließen. Und 2042 ist ein Geburtstag: Die Agenda 21 wird 50 Jahre alt. Es ist das von den Vereinten Nationen 1992 in Rio de Janeiro festgesetzte entwicklungs- und umweltpolitische Aktionsprogramm des 21. Jahrhunderts. Das sei, so Kü­nast, ein guter Zeitpunkt, bis zu dem Ernährung anders gedacht werden könnte: „Nachhaltig, ökonomisch und sozial“. Sie endet nicht, ohne den Studenten und einer neuen Bewegung noch eine Empfehlung für kommende Bundes- und Europawahlen mit auf den Weg zu geben: „Wählt Essen“.

„Dürfen wir Tiere essen?“ Zu dieser Frage referiert Konstantinos Tsilimekis von der Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt bei der nächsten Vorlesung am Montag, 26. Oktober, um 19.30 Uhr im Glockenhaus.