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Ein Bild erinnert an Sylvia, Miriam und Marco Schulze. Das Foto steht neben der Eingangstür ihres Hauses in Drage, abends zünden Anwohner zur Erinnerung Kerzen an. Foto: ca
Ein Bild erinnert an Sylvia, Miriam und Marco Schulze. Das Foto steht neben der Eingangstür ihres Hauses in Drage, abends zünden Anwohner zur Erinnerung Kerzen an. Foto: ca

Familie Schulze: Auch 100 Tage danach keine Spur, kein Zeichen +++ mit digitaler Chronik

Vor drei Monaten verschwand Familie Schulze aus Drage – Vermutlich lebt keiner mehr von ihnen

ca Drage. Der Himmel drückt an diesem Nachmittag grau und beinahe traurig auf Drage. Eine Stimmung, ein bisschen so, wie sich die Nachbarn fühlen, wenn sie auf das Haus der Familie Schulze schauen. Morgen vor exakt drei Monaten ist sie verschwunden. Marco Schulze (41) wurde gefunden, er trieb bei Lauenburg tot in der Elbe. Von Mutter Sylvia (43) und ihrer Tochter Miriam (12) fehlt jede Spur. „Es gibt so viele Spekulationen und keine Antwort“, sagt eine Anwohnerin. „Es belastet, dass man nicht weiß, wo die beiden sind.“ Erst wenn das geklärt sei, könne wohl wieder „Normalität“ in das kleine Viertel mit seinen zwei Dutzend Häusern an der Hein-Block-Straße einziehen.

So wie den Nachbarn geht es auch Michael Düker in seinem Büro in Buchholz. Der Hauptkommissar leitet die Ermittlungen der Sonderkommission Schulze. „Wir stehen vor einem Rätsel“, sagt der Beamte. „Wir haben nichts Neues, und wir kommen nicht weiter.“ Jeder Hinweis, jede Spur sei ausermittelt – und endete im Nichts. Die Soko gehe zwar davon aus, dass Mutter und Tochter tot sind, „aber solange wir keine Leichen haben, können wir auch nicht ausschließen, dass sie irgendwo anders sind. So unwahrscheinlich das auch ist.“ Der Kommissar bleibt bei der Theorie, die nach allen Ermittlungen, Gesprächen mit Zeugen und Psychologen am wahrscheinlichsten erscheint: ein erweiterter Suizid. Danach hat der Vater Frau und Tochter getötet und sich anschließend selber das Leben genommen.

Chronologie eines mysteriösen Falls

Die Tragödie beginnt am 22. Juli. An dem Mittwoch wird die Mutter noch gesehen, am Tag darauf will ein Zeuge den Vater im Dacia der Familie erkannt haben. Am 24. Juli meldet der Chef eines Supermarktes in Geesthacht seine Mitarbeiterin Miriam Schulze als vermisst. Die Polizei schaut im Haus nach und hat sofort den Verdacht, dass etwas nicht stimmt. Es wirkt, als seien die Schulzes plötzlich aufgebrochen: nichts weggeräumt, die Katze unversorgt.

Am 25. Juli beginnen Feuerwehr und Polizei mit der Suche nach den dreien, weitere Suchen werden folgen, zuletzt am Montag in der Elbe bei Hoopte – auch die brachte kein Ergebnis. Am 27. Juli startet die Öffentlichkeitsfahndung, vier Tage später, am 31. Juli, entdecken Spaziergänger bei Lauenburg einen Toten in der Elbe. Es ist Marco Schulze. Später stellt sich heraus: Er hat sich mit einem 25-Kilo-Betonblock in den Fluss gestürzt und sich ertränkt. Kurz darauf finden Helfer sein Fahrrad in der Elbe. Die Polizei nutzt die TV-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“, um Hinweise zu erhalten. Sie geht einer Spur nach, die nach Holm-Seppensen führt. Dort lebt eine ältere Tochter der Familie. Eine Zeugin will die Schulzes am Mühlenteich gesehen haben. Spürhunde schlagen an, die Schulzes waren da. Alle drei. Die Polizei sucht und sucht. Und findet nichts.

In Drage mäht ein Nachbar den Rasen. Seine Familie sei eng mit den Schulzes befreundet gewesen. Die Töchter hätten damals, also in den Sommerferien, zusammen auf einen Reiterhof fahren wollen. Am Mittwoch hätten die Töchter bis 14 Uhr Kontakt über Whatsapp gehabt. Plötzlich habe sich Miriam Schulze nicht mehr gemeldet. „Da haben wir uns nichts gedacht“, sagt der Mann. Erst als Marco Schulze am nächsten Tag die Mülltonne nicht wie gewohnt reingeholt habe, sei er stutzig geworden. Aber er habe nichts Ungewöhnliches bemerkt. Am Freitag habe die Familie die Polizei informiert.

„Wir hätten bemerkt, wenn etwas nicht stimmt“

„Wir kennen uns seit zehn Jahren“, sagt der Nachbar. Man habe häufiger miteinander gesprochen, Silvester gefeiert. „Wir hätten bemerkt, wenn etwas nicht stimmt“, sagt er. „Doch da war nichts.“ Nie hätte Marco zum Mörder werden können: „Nie!“ Klar, es habe mal Ehestreit gegeben, wie bei jedem. Nichts Dramatisches. Marco sei doch ein „Kümmerer“, wie hätte er den beiden etwas antun können? „Erweiterter Suizid? Dann hätte er die beiden umgebracht und dann sich selbst.“ Alle wären gemeinsam gefunden worden. Seine These: Die Schulzes könnten Opfer eines Verbrechens geworden sein. Vielleicht haben sie etwas beobachtet, das sie nicht hätten sehen dürfen.

Eine von vielen Spekulationen, die auch Michael Düker kennt. Genauso wie die Thesen von Sekten-Kontakten, der untreuen Ehefrau, die in Südamerika mit einem Millionär ein neues Leben führt, und der Idee, Mutter und Tochter hätten sich in ein Kloster zurückgezogen, um Ruhe zu finden. Aber für nichts haben die Ermittler der zeitweilig mehr als 20 Köpfe zählenden Soko Belege gefunden. Das Leben der Schulzes ist komplett durchleuchtet. „Wir haben alles untersucht: Familie, Freunde, Finanzen, Friseur. Da gibt es nichts.“

Düker hat eine Erklärung, aber über die schweigt er. Sagt nur: „Der Tag vor dem Verschwinden war anders als sonst. Irgendetwas hat die Familie bedrückt.“ War es so schlimm, dass Marco Schulze keinen Ausweg mehr sah? Noch eine Spekulation. Das weiß auch Düker. Für ihn bleiben so viele offene Fragen: Wa­rum hat sich Marco Schulze bei Lauenburg in die Elbe gestürzt? Er hatte keinen Bezug dorthin. Es gab auch keinen erkennbaren Grund, zum Mühlenteich in Holm-Seppensen zu fahren, wo die Familie kurz vor ihrem Verschwinden gesehen wurde. „Hinweise und Spuren sind da eindeutig“, sagt Düker. „Und die Zeugin ist glaubhaft.“

Soko ist geschrumpft

Noch immer gehen Anrufe ein bei der Kripo in Buchholz. Aber die Qualität hat mehr mit Wahrsagerei und Eingebungen zu tun. Das übliche Kuriositätenkabinett. Dafür braucht man keine Soko mehr, die ist drastisch zusammengeschrumpft. Nun bleibt nur noch Warten. Denn Düker glaubt nicht, dass Miriam und Sylvia Schulze noch leben. Möglicherweise entdecke irgendwann ein Pilzsammler ihre Leichen. In Drage gehen Spaziergänger und Nachbarn am „Geisterhaus“ vorbei, wie manche das schlichte Einfamilienhaus inzwischen nennen. Eine Frau sagt: „Für mich ist das anders, das sind nur Steine. Mir geht es um die Menschen.“

Die Erinnerung wird ein bisschen blasser, aber sie verschwindet nicht. Der Mann mit dem Rasenmäher erzählt, dass Freundinnen aus der Nachbarschaft der verschwundenen Miriam in psychologischer Betreuung seien. Die Mädchen belaste das Los der Zwölfjährigen. Wenn Mutter und Tochter gefunden würden, könne das Dorf abschließen und seinen Frieden finden, glauben Nachbarn, die alle nicht mit Namen erwähnt werden wollen.

Noch ist es nicht so weit. Noch ist die Erinnerung da. Und irgendwer zündet abends eine Kerze an neben einem Foto der Familie. Es wirkt, als könne sie so den Weg zurück nach Hause finden – und alle anderen den Weg zurück in die Normalität.

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