Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Michael Dornfeld mag an seinem Job in der Mensa, dass er so vielfältig ist. Er schätzt Melanie Ziggert, die ihn als Gruppenleiterin am Arbeitplatz seit acht Jahren begleitet. Foto: t&w
Michael Dornfeld mag an seinem Job in der Mensa, dass er so vielfältig ist. Er schätzt Melanie Ziggert, die ihn als Gruppenleiterin am Arbeitplatz seit acht Jahren begleitet. Foto: t&w

Loewe-Stiftung Lüneburg: Begleitung zur Selbstständigkeit

as Lüneburg. Wenn kurz nach 13 Uhr die Schüler der Christianischule zum Mittagessen in die Mensa strömen, steht Michael Dornfeld hinterm Tresen und gibt das Essen aus. Der 45-Jährige mag seinen Job in der Mensa. Morgens Brötchen schmieren, die in der Pause verkauft werden, Obst und Gemüse schnippeln, Salat und Nachtisch fürs Mittagessen vorbereiten und dann die Essens-ausgabe. „Ein sehr abwechslungsreicher Job. Gut, dass ich ihn habe, denn er schafft Struktur in meinen Tag. Und von Frau Ziggert fühle ich mich gut begleitet.“ Melanie Ziggert ist Gruppenleiterin für das Team der Loewe-Stiftung, das die Mensa in der Christianischule betreibt. Eines von vielen Arbeits- und Wohnangeboten, die die Loewe-Stiftung Menschen mit einer psychischen Erkrankung macht. „Ziel ist es, sie zu einem selbstbestimmten Leben zu begleiten“, sagt Dr. Stefan Porwol, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, die seit 40 Jahren besteht.

Gegründet wurde die Einrichtung 1975 von Gerda Feldmann, das Stiftungskapital in Höhe von 100 000 Mark wurde von dem Lüneburger Unternehmer-Ehepaar Johann und Erika Loewe gewährt. „Frau Feldmann war zuvor sehr in der Lebenshilfe engagiert gewesen. Doch in jener Zeit erkannte man, dass Menschen mit einer psychischen Behinderung anders zu therapieren und zu unterstützen sind als Menschen mit einer geistigen Behinderung“, erläutert Dr. Porwol. Winfried Feldmann war damals Landtagsabgeordneter, er trug Sorge dafür, dass auch Gelder vom Land flossen. „So konnte die ehemalige Herderschule in ein Wohngebäude umgewandelt werden, dazu kamen Schwedenhäuser. Die offizielle Einweihung des Sonnenhofes war am 13. Juni 1976. In weiteren Schritten wurde der gegenüberliegende Bauernhof in Wohnplätze umgewandelt, 2004 erfolgte der Neubau eines Wohnheimes auf dem Gelände des Hänelschen Hofes.

„Die anfänglichen Bedenken in der Bevölkerung Ochtmissens sind längst einer freundschaftlichen Nachbarschaft gewichen.“
Dr. Stefan Porwol (Vorstandsvorsitzender)

Parallel dazu wurden Arbeitsplätze geschaffen. „Der Kerngedanke war: Menschen, die bei uns wohnen, brauchen auch Beschäftigung“, erläutert Katja Puhlmann, Geschäftsführerin der Loewe-Stiftung. Zu Beginn gab es nur einen landwirtschaftlichen Betrieb. „Dort habe ich auch gearbeitet“, blickt Michael Dornfeld zurück. Er kam Anfang 1989 zur Loewe-Stiftung, nachdem er vier Jahre zuvor eine massive Krise gehabt hatte. Bevor er einen Wohn- und Therapieplatz im Sonnenhof bekam, sei er in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Delmenhorst gewesen. Durch einen dortigen Betreuer erfuhr er von der Einrichtung in Ochtmissen. Auch wenn die erste Zeit nicht leicht gewesen sei aufgrund der neuen Umgebung und der vielen kleinen Schritte, die er im Rahmen der Therapien machte, ist für Michael Dornfeld die Loe­we-Stiftung die richtige Entscheidung gewesen, aufgrund der vielfältigen Angebote.

Zum Team des Hofladens gehören (v.l.) Angelika Manzke, dann folgen Max Ruge und Michael Jerdianu, die begleitet und unterstützt werden von Gruppenleiterin Nadine Bauer und FSJ‘ler Tobias Bade (r.). Foto: t&w
Zum Team des Hofladens gehören (v.l.) Angelika Manzke, dann folgen Max Ruge und Michael Jerdianu, die begleitet und unterstützt werden von Gruppenleiterin Nadine Bauer und FSJ‘ler Tobias Bade (r.). Foto: t&w

So haben Bewohner, bei denen sich der psychische Zustand stabilisiert, die Möglichkeit, in eine eigene Wohnung zu ziehen und können dabei auf eine ambulante Betreuung zurückgreifen. Michael Dornfeld hat diesen Schritt im Jahr 2000 getan. „Der Betreuer, den ich zwischenzeitlich hatte, hat mich zum Beispiel bei Antragsstellungen unterstützt, bei Arztbesuchen begleitet und war da, wenn ich seelisch schlecht drauf war.“ Das habe es ihm leichter gemacht, ein Stück selbstständig zu werden. Ein Jahr zuvor hatte er bereits angefangen, im Hofladen der Stiftung zu arbeiten, wo die angebauten Produkte verkauft wurden. Danach sind viele andere Arbeitsbereiche entstanden. „Die Tischlerei, Bäckerei, die Malerei, die Schälküche und Küche, die anfänglich zur Selbstverpflegung für unsere Bewohner diente“, berichtet Katja Puhlmann. Inzwischen werden dort pro Tag 1000 Essen für Schulzentren und Kitas hergestellt, der Kartoffelschälbetrieb beliefert die Uni-Mensa, große Hotels und Altenheime. Dazu betreibt die Loewe-Stiftung die Mensen in der Christiani-Schule und in der Schule am Katzenberg in Adendorf. „Wir verstehen uns inzwischen als moderner Dienstleister“, sagt Porwol.

Wer nicht so belastbar ist, dass er arbeiten kann, für den gibt es eine Tagesstruktur durch Angebote wie Ergotherapie, handwerkliche Tätigkeiten, Kochen oder Gesprächstherapie. Zum einen am Standort in Ochtmissen, zum anderen in einer Tagesstätte in der Töbingstraße. Insgesamt 560 Menschen werden derzeit in unterschiedlichen Betreuungsformen begleitet und unterstützt von 100 Mitarbeitern, die teilweise in Teilzeit arbeiten. Darunter auch zwölf Auszubildende. „Die anfänglichen Bedenken in der Bevölkerung Ochtmissens sind längst einer freundschaftlichen Nachbarschaft gewichen. Wir freuen uns darüber, dass unser Hofcafé und -laden sowie die Poststelle wesentliche Teile des Dorflebens sind“, sagen Puhlmann und Porwol, für die die Loewe-Stiftung 40 Jahre gelebte Inklusion ist.