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Blechspielzeug ist heute kaum noch im Handel. Einige Originale und Repliken gehören noch zu Manfred Herklotz‘ Schätzen. Ebenso die vielen Teddybären. Foto: be
Blechspielzeug ist heute kaum noch im Handel. Einige Originale und Repliken gehören noch zu Manfred Herklotz‘ Schätzen. Ebenso die vielen Teddybären. Foto: be

Hänsel und Gretel am Ende des Weges

cec Lüneburg. Paradiesische Zustände herrschten in Manfred Herklotz‘ Kindheit. Wie viele andere Kinder wurde er vom Vater regelmäßig mit zu dessen Arbeitsplatz genommen. Im Unterschied zu seinen Altersgenossen langweilte er sich aber nicht bei Zwangsbeschäftigungsmaßnahmen im Büro. Im Gegenteil: Auf ihn wartete ein 150 Quadratmeter großes Musterzimmer voller Spielzeug. „Alles ganz für mich allein – wie im Schlaraffenland“, erzählt Herklotz mit schelmischem Lächeln. Ganz nebenbei bereitete es ihn bestens auf seine Zukunft vor, mit Warenkunde musste sich der spielerprobte junge Mann zumindest nicht mehr groß auseinandersetzen, als er 1973 den Spielzeughandel seines Vaters übernahm. Jetzt schließt er zum Jahresende aus Altersgründen und mangels Nachfolger den letzten Ableger des Familienunternehmens: „Hänsel & Gretel“, das älteste Spielwarenhaus in Lüneburg.

Bereits vor dem Krieg unterhielt sein Großvater in Leipzig einen Spiel-, Kurzwaren- und Textilhandel, den er nach Kriegsende mit seinem Sohn in Lüneburg wieder hochzog. Anfänglich ein mühsames Geschäft, erinnert sich sein Enkel: „Die ersten Einkaufsreisen gingen mit dem Rucksack nach Süddeutschland, wo die überwiegende Zahl der Lieferanten saß. Hier kauften sie ein, was nicht viel Platz wegnahm, aber Geld brachte, Zwirn, Kämme, all die Zubehördinge, die nach dem Krieg verschwunden waren. Der Markt war leergefegt.“

Sukzessive erweiterte sich das Sortiment, nachdem die Produktionen bei den großen Herstellern wieder anliefen. Neben der dominanten Spielzeugstadt Nürnberg wuchsen weitere Fabrikanten in Neustadt/Coburg und im Bayerischen Wald, sie produzierten Holzspielzeug, das nach und nach Blechspielzeuge ablöste.

Einige Wechsel in den Vorlieben von Herstellern, Eltern und Kindern hat Herklotz während seines Berufslebens miterlebt, nicht alle sieht er positiv. Immer mehr Technik schon beim Spielzeug für die Kleinsten ist aus seiner Sicht nicht förderlich für die Entwicklung. Wenn schon Dreijährige mit dem Vorschulcomputer statt mit einem anderen Kind spielen, gehe das auf Kosten der Kommunikation. „Und sie ist ja gerade das, was das Spielen so wertvoll macht. In einer Auseinandersetzung mit einem Partner lernen wir auf spielerische Art Elementares für das spätere Leben, beispielsweise Geben und Nehmen.“ Andere Entwicklungen wiederum würden die Kreativität bremsen. Habe der Lego-Grundkasten der 1950er-Jahre die Phantasie herausgefordert, würden die heutigen Motivkästen mit vorgegebenen Bausätzen wenig Spielraum lassen. „Die Hersteller argumentieren, die Kinder wollen es so, aber die kennen es ja nicht mehr anders. Das ist ein Kreislauf“, ist sich der Experte sicher.

Als revolutionär hat Herklotz hingegen den Zauberwürfel in Erinnerung. „Als der auf den Markt kam, wurde er von der gesamten Branche unterschätzt. Originale und Plagiate wurden uns aus der Hand gerissen, weil nicht genug Ware da war.“ So eine Welle sei selten, vielleicht alle zwanzig, dreißig Jahre. „Vergleichbar war das mit den Hula-Hoop-Reifen der 50er-Jahre, da hatte auch keiner mit gerechnet.“

64 Jahre ist Herklotz alt, 64 Jahre alt ist auch das Unternehmen. Mehrfach wechselten die Standorte, nach Geschäften in der Grapengießerstraße, der Schrangenstraße, An der Münze und der Heiligengeiststraße zog sich die Familie irgendwann ganz aus der Innenstadt zurück, betrieb nur noch das Zweitgeschäft am Ziegelkamp. „Die Mieten in der Stadt waren mit Spielzeug nicht mehr zu erwirtschaften.“

Abschied von der Tradition nimmt Herklotz mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Auf der einen Seite tut es mir weh, das Familienunternehmen schließen zu müssen, auf der anderen Seite ist es eine Notwendigkeit.“ Fehlen werden ihm seine Stammkunden, die teilweise in der dritten Generation bei ihm kaufen. Einer hat ihm neulich einen Kassenzettel von 1958 mitgebracht. Auf die Rente geht der Spielefachmann aber mit offenem Gemüt zu: „Ich bleibe ein Kind auch im Alter. Ich finde es wichtig, dass jeder Mensch sich kindliche Züge bewahrt.“