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Jascha Volkmann steht fassungslos in seiner Wohnung. Der ungebetene Besucher hat ein Chaos zurückgelassen. Foto: t&w
Jascha Volkmann steht fassungslos in seiner Wohnung. Der ungebetene Besucher hat ein Chaos zurückgelassen. Foto: t&w

Der ungewöhnliche Einbrecher von Soderstorf — Seltener als ein Sechser im Lotto

mm/off Soderstorf. Die Fensterscheibe ist zersplittert, am Boden liegen Scherben, an manchen sind Blutspuren zu erkennen. Stühle und eine große Pflanze sind umgekippt. Der Heizkörper gibt volle Hitze ab, der Thermostat ist abgebrochen. Überall ist sandiger Dreck verteilt. Eine Spur der Verwüstung verläuft durch das Wohnzimmer von Jascha Volkmann. Der 27-Jährige steht an dem kaputten Fenster, er kann nicht fassen, was sich in seiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung abgespielt haben soll, als er nicht zu Hause war. „An einen Scherz habe ich gedacht“, sagt er. Am SonntagMittag erhielt er den Anruf von der Feuerwehr mit der unglaublichen Nachricht: Ein Hirsch war in seiner Wohnung. Mitten in Soderstorf.

Wenige Stunden danach haben sich Dutzende Anwohner um das Haus an der Hauptstraße versammelt. Dass mal ein Fuchs umher streunt oder Rehe im Garten grasen, das kennen sie zur Genüge. Die Nachricht aber, dass ein Hirsch ins Wohnzimmer gesprungen sein soll — sowas haben sie hier noch nicht erlebt.

Volkmanns Nachbarin hat den Hirsch gesehen. Nach ihrer Schilderung sitzt sie am Küchentisch, nahe dem Fenster, „plötzlich gibt es ein lautes Scheppern und Klirren“, erzählt Michaela Schellenberg. Sie springt auf, schaut nach draußen, sieht das Loch im Fenster zur Nachbarwohnung. Und den Hirsch. Sie spurtet zur Wohnungstür ihres Nachbarn, klingelt, keiner macht auf. Sie hört „wie der Hirsch noch wilder wird“. Das Tier springt durch das zerbrochene Fenster wieder nach draußen — und läuft davon.

Jascha Volkmann ist auf dem Weg zu seiner Freundin. Als sich die Leitstelle bei ihm meldet, kehrt er auf der Stelle um. Als er ankommt, ist der Hirsch längst weg, das Chaos da. Der Mieter informiert Jäger Jörg Eberitzsch aus Rehlingen. Er macht sich auf die Suche nach dem Tier — und findet dessen Fährte am Dorfausgang Richtung Schwindebeck auf einem abgeernteten Maisacker.

„Da war eine Fluchtfährte, ich habe gesehen wie das Tier gespreizt gelaufen ist“, berichtet er der LZ später. Nach einiger Strecke sei der Hirsch wieder „normal gelaufen“. Schweiß, also Blut, habe er nicht entdeckt. „Das heißt, das Tier war nicht schwer verletzt“, sagt Eberitzsch. Aber es war ein Hirsch, da sei er sich zu „99,9 Prozent sicher“. Nur wie kam der ins Dorf, warum sprang er in die Wohnung? Irgendetwas müsse das Tier in Panik versetzt haben, meint Eberitzsch.

Eine Erklärung, die auch Kreisjägermeister Hans Christoph Cohrs für wahrscheinlich hält. „Was genau in dem Tier vorgegangenen ist, kann man natürlich nie wissen“, sagt er, „aber auch ich vermute, etwas hat es in Panik versetzt. Sonst ist ein solcher Vorfall nicht zu erklären.“ Für den Landwirt und Jäger steht fest: „Dass einem so etwas passiert, ist unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto.“ Der einzige ähnliche Vorfall, der ihm einfällt, ereignete sich vor Jahren in Barskamp. „Da sind Wildsauen in Panik durch das Dorf gerannt, wobei ein Tier durch ein Schaufenster gesprungen ist und den Laden verwüstet hat.“

Sein Tipp, sollte jemanden doch mal etwas Vergleichbares passieren: „Alle Türen auf, um dem Tier einen Fluchtweg zu bieten. Und auf jeden Fall aus dem Weg gehen, ein ausgewachsener Hirsch bringt schon mal 180 Kilogramm auf die Waage.“ Wichtig außerdem: „Den Jäger vor Ort informieren, damit er nachsuchen kann und sich das Tier nicht schwer verletzt durch den Wald schleppt.“

Der durchgedrehte Hirsch hat seinen „Einbruch“ wohl weitestgehend unversehrt überstanden. Die Wohnung von Jascha Volkmann nicht. Und auf dem Schaden könnte er womöglich noch sitzen bleiben. Er habe schon mit der Versicherung telefoniert, „die sieht keinen Vandalismus“. Eines ist dem Mieter dennoch sicher: ein Platz im Soderstorfer Geschichtsbuch.

One comment

  1. Hallo,

    grundsätzlich gibt es für so einen Fall Versicherungsschutz. Entweder über den Einschluss unbenannter Gefahren (hier ist die entsprechende Klausel sorgsam zu lesen) oder aber über einen Allrisk-Deckung.