Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Für Alexander Schwake (l.) ist klar: Er möchte auf Wurst nicht verzichten. Jasper Kahrs ist Veganer und mag Fleisch nicht mal anfassen. Foto: be
Für Alexander Schwake (l.) ist klar: Er möchte auf Wurst nicht verzichten. Jasper Kahrs ist Veganer und mag Fleisch nicht mal anfassen. Foto: be

Es geht um die Wurst

mm Lüneburg. Fleisch oder kein Fleisch? Das ist derzeit die große Frage an der Lüneburger Universität. Zwar gibt es dort schon Musik-Festivals, bei denen sich Besucher ausschließlich fleischlos ernähren, sowie eine „Bio-Mensa“ des Studentenwerks mit vegetarischen und veganen Speisen. Dieses Angebot ist der studentischen Liste „QuattroFAK“ jedoch nicht ausreichend. Die Vertreter wollen mehr fleischlose Ernährung durchsetzen.

Listenvertreter Jasper Kahrs, 24, der Kulturwissenschaften studiert, nennt Beispiele für das Anliegen: „Für ein Kilogramm Rindfleisch werden im Durchschnitt 16 Kilo Getreide benötigt. Das sind Lebensmittel, die Menschen genauso gut auch essen könnten. Das wäre für die Ökobilanz besser, weil es dadurch einen geringeren Ausstoß von Methan geben würde, auch Böden würden weniger belastet. Eine soziale Konsequenz von Fleischkonsum ist, dass Getreide aus Afrika importiert wird, wodurch dort die Preise steigen und die Menschen vor Ort sich das Getreide nicht mehr leisten können.“

Seine Unterstützer fordern in einem Antrag, den sie bei der morgigen Sitzung ins Studentenparlament einbringen wollen, „kein Geld mehr aus dem studentischen Haushalt für die Bezahlung tierischer Produkte bereitzustellen“. Von dieser Neuregelung betroffen wären studentische Veranstaltungen vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA), von Fachschaften, studentischen Gruppen oder Initiativen, die keine Anträge auf Kostenerstattung für Fleisch mehr stellen dürften. Bis jetzt erhalten sie Geld aus einem Topf, in den jeder Student pro Semester 17 Euro einzahlt. Bald nicht mehr für Fleisch? Diese Vorstellung bringt die Liste „Bildung wählen!“ auf die Barrikaden, ihre Vertreter wollen einen Fleischverzicht verhindern.

Einer von ihnen ist Alexander Schwake, der 24-Jährige studiert Betriebswirtschaftslehre. Er sagt: „Der Antrag bevormundet in einer Weise, die wir bis jetzt an der Universität noch nicht kannten, er ist unpraktikabel und fehlgeleitet. Es geht um Geld, das der Studentenschaft zur Verfügung steht. Jeder von uns zahlt eine kleine zweistellige Summe, damit der AStA und die Studentenschaft sich selbst verwalten können. Nun sollen Antragsteller kein Geld mehr für Fleisch bekommen, das beträfe Festival-Veranstalter sowie die Fachschaften von Betriebswirtschaftslehre bis hin zu Umweltwissenschaften. Ihnen soll aber nicht nur vorgeschrieben werden, kein Fleisch mehr zu essen, sondern auch keinen Honig zu verwenden, keine Eier und am Ende auch keine Milch zum Kaffee zu stellen. Da wird eine rote Linie überschritten.“

Wie die Abstimmung über den Antrag letztlich verlaufen wird, ist ungewiss. Jasper Kahrs und Alexander Schwake haben im Vorfeld ein Streitgespräch geführt.

Schwake: „Ich fühle mich benachteiligt, wenn ich zu einer Veranstaltung komme und dort kein Fleisch essen kann.“

Kahrs: „Von Benachteiligung würde ich nicht sprechen. Du kannst Dein individuelles Bedürfnis in dem Moment zwar nicht erfüllen, aber benachteiligt wirst Du dadurch nicht, Dich zwingt ja niemand, zu dieser Veranstaltung zu gehen.“

Schwake: „Also werde ich ausgeschlossen?“

Kahrs: „Wenn Dir Fleisch zu essen so wichtig ist, dass Du deshalb nicht zu einer Veranstaltung gehst, weil sie fleischlos ist, ist das eine Abwägung Deiner persönlichen Werte und Interessen.“

Schwake: „Also ist es in Deinem Sinne, dass Studenten Veranstaltungen fernbleiben, weil es dort kein Fleisch mehr gibt?“

Kahrs: „Grundsätzlich sind alle Menschen willkommen, und es bleibt eine individuelle, bewusste Entscheidung. Das mit Benachteiligung gleichzusetzen, geht nicht. Jeder kann seine persönliche Entscheidung treffen.“

Schwake: „Hab ich eine freie Wahl, wenn mir vorgeschrieben wird, dass ich vegetarisch oder vegan essen soll?“

Kahrs: „Die Einzelperson hat immer noch eine freie Wahl, was sie essen möchte. Die Frage ist, was die Gremien, die Teil der verfassten Studentenschaft sind, unterstützen, mit dem Geld, was ihnen zur Verfügung steht. Bei Veranstaltungen können studentische Gruppen zum Selbstkostenpreis immer noch Fleisch anbieten. Es geht nur darum, dass Gelder, die wir verwalten, nachhaltig verwendet werden sollen.“

Schwake: „Die Fachschaften sind aber auf die verwalteten Gelder angewiesen, es gibt kaum externe Mittel. Das heißt, bei den Ersti-Tagen, bei denen jeder Student durch die Fachschaften die Universität kennenlernt, lernt er zuerst, dass es Probleme mit Nahrung gibt. Man kann nicht sagen, wir können keine Wurst anbieten, weil wir dafür keine Gelder bekommen, das geht mir zu weit.“

Kahrs: „Das sehe ich genauso, das können wir nicht machen. Es geht bei dem Antrag vor allem auch darum, eine Diskussion anzuschieben und die auch in die Stadt zu tragen.“

Schwake: „Also machen wir Politik um des Diskussionswillens und am Ende gibt es kein Ergebnis? Das ist Politik, die keiner unterstützen möchte, man dreht sich nur im Kreis. Ich bezweifle, ob eine Antragstellung der richtige Weg ist, um eine Diskussion anzuschieben. Vielleicht sollte das lieber über Veranstaltungen, Events und Informationen versucht werden. Sonst geht ein Antrag auf einmal durch, auch wenn er das nicht soll.“

Kahrs: „Der Antrag wird nicht so durchgehen, da haben wir ja auch noch ein Wörtchen mitzureden.“

Schwake: „Also zieht Ihr den Antrag zurück?“

Kahrs: „Wir ziehen den Antrag auf keinen Fall zurück.“

Schwake: „Und wenn es auf einmal doch eine Mehrheit für den Antrag gibt?“

Kahrs: „Dafür wird es keine Mehrheit geben.“

Schwake: „Also unterstützt Ihr Euren eigenen Antrag nicht?“

Kahrs: „Das ist genau das, was ich schon gesagt habe. Wir haben nie damit gerechnet, dass der Antrag so durchkommt. Wir haben ihn gestellt, um einen Diskurs anzuregen. Und um eine tatsächliche Position zu finden. Wenn wir die im Parlament beschließen, hat der AStA eine Arbeitsgrundlage, die es im Moment nicht gibt. Auf dieser ließen sich dann Informationsveranstaltungen realisieren zum Thema Konsum von tierischen Produkten. Das ist das Minimalziel des Antrags.“

Schwake: „Wir meinen aber, dass es keiner weiteren Strukturen bedarf, um die Projekt- oder Geldvergabe zu regeln. Die Gelder werden nach einem Schlüsselprinzip an die Fachschaften ausgegeben, je nachdem, wie viele Leute dort studieren. Für die Projektfördervergabe muss sich jeder einzelne Antragsteller persönlich vorstellen, eine Zustimmung erfolgt im demokratischen Prozess. Wenn der AStA Bedarf anmeldet, Informationsveranstaltungen zu Ernährungsfragen durchzuführen, soll es die geben.“