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Menschen gruseln und berühren ist okay, sie festzuhalten tabu: Auch in ihrer Rolle als Erschrecker hält sich Silke Müller-Gluthe an Regeln. Foto: emi
Menschen gruseln und berühren ist okay, sie festzuhalten tabu: Auch in ihrer Rolle als Erschrecker hält sich Silke Müller-Gluthe an Regeln. Foto: emi

Gruseln an Halloween: Die Frau, die Fürchten lehrt +++ mit Video

emi Soltau. Im normalen Leben ist Silke Müller-Gluthe Krankenschwester. Aber wann immer es der Dienstplan zulässt, streift sich die 37-Jährige derzeit alte, zerfetzte Kleidung über, lässt sich Kunstblut ins Gesicht pinseln und setzt gruselige Kontaktlinsen ein. Rund 40 Minuten dauert die Verwandlung – und aus der treusorgenden, dreifachen Mutter wird ein schauriger Zombie, vor dem die Menschen zittern. Im zweiten Jahr arbeitet Silke Müller-Gluthe nun als „Live-Erschrecker“ bei den „Halloweeks“ zu Halloween im Heide Park Soltau. Und es macht ihr immer noch höllischen Spaß.

Gruseln macht Spaß

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„Ich liebe es, einmal jemand anders sein zu können“, sagt die Kielerin. Sie sitzt im weißen Fetzennachthemd vor dem Garderobenspiegel, weißes Gesicht, dunkle Augenringe, eine klaffende Wunde an der rechten Wange. „Als Krankenschwester und Mutter bin ich immer lieb und nett, hier kann ich rumschreien und richtig böse sein.“ Die Faszination am Grauen begleitet Silke Müller-Gluthe schon seit ihrer Jugend. Ihre Leidenschaft lebt sie aus, seit sie die Frauen und Männer der „Boo-Crew“, einer unabhängigen Gruppe von Live-Erschreckern, im Grusellabyrinth in Kiel gesehen hat. Die 37-Jährige bewarb sich bei der Hobby-Horrorcrew aus Hamburg und wurde zum Casting eingeladen.

Bei der Bewerber-Auswahl gibt es laut Müller-Gluthe verschiedene Rollenvorgaben, zum Beispiel: „Spielt, dass euer Arm ab ist, dass ihr aus dem Matsch kommt, dass ihr Zombies seid.“ Nur wer mindestens 18 Jahre alt ist und sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen lässt, wenn das Gegenüber zu lachen beginnt, wird engagiert. Weiterbilden können sich die Erschrecker in regelmäßigen Schmink- und Schauspielworkshops.

gruseln„Dabei lernt man zum Beispiel, fies zu lachen oder aus dem Bauch zu schreien“, erzählt die 37-Jährige. „Letzteres ist wichtig, damit man nicht zu schnell heiser wird.“ Schließlich sind Silke Müller-Gluthe und ihre Kollegen bis zu sechs Stunden am Stück im Einsatz – mit kurzen Pausen dazwischen. „Manche Menschen zucken zusammen, wenn man einfach ganz still steht wie eine Puppe“, sagt die Erschreckerin, „manche zucken zusammen, wenn man direkt und schnell auf sie zugeht.“ Ihr wirksamster Trick: „So tun, als ob man an den Menschen vorbeiläuft, und sie dann doch erschrecken.“

Wer ihr nächstes Opfer sein wird, erkennt die 37-Jährige am Blick. „Wenn ich Unsicherheit in den Augen sehe, weiß ich, dass es funktioniert.“ Kinder werden grundsätzlich nicht erschreckt. Aber auch Erwachsene haben im Notfall nichts zu befürchten. „Es gibt auch Situationen, in denen wird sofort abgebrochen. Dann spielt man nicht mehr seine Rolle, sondern führt denjenigen zum Notausgang.“ Den hat auch jeder der elf Räume im „Inferno“, einer Horror-Attraktion der „Boo-Crew“. Die Zimmer tragen Namen wie Dunkelgang und Nebelhölle und sind bevölkert von Zombies und Dämonen.

Auch Silke Müller-Gluthe fürchtet sich manchmal vor ihren Kollegen. Eigentlich sei sie total schreckhaft, sagt sie. Und was verursacht bei den meisten Menschen das perfekte Gänsehautgefühl? „Dunkelheit, gruselige Musik und ein Gegner, der nicht klar erkennbar ist.“ Die Hobby-Erschreckerin ist längst zum Profi geworden.