Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Umwelt-Kongress
Umwelt-Kongress in Lüneburg: Der Unternehmer Alfred T. Ritter, diskutiert mit Moedratorin Monika Griefahn, der Medizinerin Dr. Françoise Wilhelmi de Toledo und dem Wissenschaftler Jakob von Uexküll (v.l.). Foto: be

Wissenschaftler diskutieren bei Umwelt-Kongress in der Universität

ca Lüneburg. Viele sehen Deutschland schon jetzt an der Grenze, noch mehr als die wohl inzwischen eine Million Flüchtlinge könne das Land nur schwerlich aufnehmen. Doch es dürften noch viel mehr aus ihrer Heimat fliehen, nicht vor Krieg und politischer Verfolgung, sondern vor dem Klimawandel. Bis zu 200 Millionen Menschen könnten es sein, die sich in den kommenden Jahrzehnten allein in Afrika auf den Weg machen — der Stifter des alternativen Nobelpreises, Jakob von Uexküll, entwarf am Sonnabend in der Uni ein Szenario, das zur Umkehr animieren will. Mehr als 500 Teilnehmer hatten sich zu einem Kongress mit dem Titel Cradle to Cradle getroffen. Das Motto umschreibt die Idee von der Wiege bis zur Bahre, kurz zusammengefasst: Schon bei der Produktion einer Ware sollten die Inhaltsstoffe so ausgewählt werden, dass sie wieder verwendet werden können, ein absoluter Kreislauf.

Hinter dem Treffen steht ein gleichnamiger Verein, in dem wiederum der Verfahrenstechniker und Chemiker Prof. Dr. Michael Braungart und seine Frau Monika Griefahn die prägende Rolle spielen, sie war unter Gerhard Schröder Umweltministerin in Niedersachsen. Zu der Veranstaltung waren namhafte Referenten eingeladen, darunter Niedersachsens aktueller Umweltminister Stefan Wenzel und der Zukunftsforscher Matthias Horx. Einer, der vor allem einem musikbegeisterten Publikum geläufig sein dürfte, hatte seinen Termin in der Abschlussrunde allerdings verschwitzt.

So saßen dort neben von Uexküll und der Moderatorin Monika Griefahn der Unternehmer und Schokoladenfabrikant Alfred T. Ritter und Dr. Françoise Wilhelmi de Toledo, Mitinhaberin und Medizinische Leiterin der Buchinger Fasten-Kliniken in Überlingen/Bodensee und im spanischen Marbella.

Ritter stellt nicht nur quadratische Schokolade her, sondern engagiert sich auch im Bereich Solarenergie sowie bei der Produktion von Dämmstoffen. Ein Beispiel: Ritter hat im mittelamerikanischen Nicaragua 2500 Hektar Weideland aufgekauft. Das verwandelt er nach eigener Aussage zurück in Mischwald und Kakaoplantage. Die Folge: Die Qualität des Bodens verbessere sich, die Artenvielfalt nehme zu. Zudem seien aus ehemals 18 Jobs mittlerweile rund 300 geworden.

Kakao und Kaffee werden in Jutesäcken nach Europa gebracht. Die Jute und Hanf nutzt Ritter wiederum, um daraus Dämmmaterial herzustellen. Das sei ein langlebiges Naturprodukt, das nicht schimmle und schließlich einfach abbaubar sei. Hier werde das Prinzip des Cradle to Cradle gut umgesetzt.

Selbst die Medizinerin de Toledo musste einen Moment nachdenken, um einen Bezug zwischen ihrer Arbeit und dem Motto der Veranstaltung zu finden. Am Ende erklärte sie das Fasten als Reinigungsprozess gilt, der auch die Geschmacksknospen auf der Zuge des Probanden wieder so sensibel mache, dass er ein Verlangen nach guten Produkten verspüre. In ihren Kliniken werde vegetarisch und frisch gekocht.

Von Uexküll gab der Plauderstunde einen politischen Anstrich. Er verwies darauf, dass Konzerne und ihre Mitstreiter, die ein Interesse daran haben, fossile Brennstoffe weiter zu verwenden, in den Parlamenten Lobby-Arbeit betrieben. Sie würden es verstehen, Entscheidungen in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Der 71-Jährige plädierte dafür, dass sich die Politik freimacht vom Wunsch des Konsumenten und im Sinne der Bürger agiert. Beispiel: In den USA wurden Studenten gefragt, ob sie einen Freizeitpark besuchen würden, wenn dieser in einem Nationalpark eingerichtet werde. Die meisten hätten Ja gesagt. Doch als die Interviewer auf die Problematik für die Natur hinwiesen, hätten sich die Studenten dafür ausgesprochen, die Anlage gar nicht erst zu bauen.

Wer sich engagieren wolle, müsse dies über soziale Netzwerke hinaus tun. Botschaften bei Twitter und Facebook reichten nicht aus. Im „arabischen Frühling“ sei zwar digital informiert worden, sagt von Uexküll, aber das Innenministerium in Tunesien hätten die Menschen schon selbst erstürmen müssen.