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Erneut beschäftigt sich das Landgericht mit einem versuchten Mord am Reihersee.  Foto: nh
Erneut beschäftigt sich das Landgericht mit einem versuchten Mord am Reihersee. Foto: nh

Reihersee-Prozess: Das lange Leiden des Opfers

ca Lüneburg. Er dachte, er sei der Vater des werdenden Kindes. Das durfte nicht sein, mit einem Kumpel verabredete sich Maximilian D., um seine schwangere Freundin am Reihersee zu überfallen, zu verprügeln und so das Kind „abzutreiben“ oder gar Mutter und Kind zu töten. Das war Ende August 2013. Wie durch ein Wunder überlebte die junge Frau die Attacke. Gestern nun eine Überraschung: Die inzwischen 21-Jährige sagte vor dem Landgericht aus: Der 25-Jährige sei gar nicht der Vater ihres inzwischen geborenen Kindes. Das habe sie damals nur angenommen.

Das Verfahren muss in Teilen neu aufgerollt werden. Der Hintergrund: Das Landgericht hatte die Täter im März 2014 wegen versuchten Mordes zu je zwölf Jahren Haft verurteilt. Doch der Bundesgerichtshof hatte der Revision stattgegeben, die Maximilian D. und sein Verteidiger beantragt hatten und die Lüneburger Entscheidung in Teilen gekippt. D. hatte damals einen Befangenheitsantrag gegen einen psychiatrischen Sachverständigen gestellt. Den Antrag hatte die Kammer abgelehnt, dies aus Sicht des BGH aber nicht ausreichend begründet. Möglicherweise wäre am Ende ein anderes Strafmaß für D. denkbar gewesen. Eben darüber muss nun die 3. Große Strafkammer befinden.

Was am Reihersee geschah, steht für die Kammer aufgrund des Urteils in weiten Zügen fest. Danach hatte D. seine ehemalige Freundin zu Hause in Brietlingen abgeholt und war mit ihr an den See gefahren. Dort, so hatte er es vorher mit seinem Kumpel Michel T. verabredet, wartete dieser. Auf dem Spaziergang fielen beide über die Frau her. T. soll mit einer Baseballkeule zugeschlagen haben, D. soll der jungen Frau Nase und Mund zugehalten, sie zudem gewürgt haben. Nur weil sie sie sich totstellte, überlebte die damals 19-Jährige den Angriff. Später fanden Zeugen das zurückgelassene Opfer.

Die Frau schilderte gestern, wie sie D. kennengelernt habe. Man habe sich vier-, fünfmal getroffen. Es sei klar gewesen, dass es sich um „etwas Lockeres“ handelt. Die beiden hätten miteinander geschlafen, der Kontakt versandete. Erst als sie dachte, schwanger zu sein, habe sie sich wieder an D. gewandt: „Ich wollte, dass er sich um das Kind kümmert.“ Der sei geschockt gewesen, habe von Abtreibung gesprochen: „Aber das kam für mich nicht infrage.“

Inzwischen habe sie eine Tochter zur Welt gebracht, D. sei aber nicht der Vater, sagte die junge Frau. Wer das sei, wolle sie nicht sagen. Körperlich seien die meisten Wunden und Narben weitgehend ohne ernste Folgen verheilt. Allerdings habe sie Angst, in der Dunkelheit das Haus zu verlassen, schließe sich ein. Auf Feldwege könne sie nicht mehr gehen. Das Geschehen versuche sie in einer Gesprächstherapie zu verarbeiten, alle zwei Wochen habe sie einen Termin. Ihrer Tochter gehe es gut: „Wir bekommen alles hin.“ Sie habe einen Partner und ist wieder schwanger.

Maximilian D. habe sich nach der Verhandlung nicht mehr bei ihr gemeldet und um Entschuldigung gebeten. Von Michel T. habe sie einen Brief bekommen. Auf jeweils 6000 Euro Schmerzensgeld der beiden warte sie noch: „Da ist bislang nichts gekommen.“ Es könne aber dauern, da beide ja in Haft säßen.

Für das Gericht geht es vor allem um eine psychiatrische Einschätzung des Angeklagten. Und so fragte der Gutachter mehrmals nach. Das Opfer schilderte D. als zurückhaltend und ruhig. Am Tattag war er „sehr, sehr still, hat kaum etwas gesagt und wirkte nicht nervös.“

Der Prozess wird fortgesetzt.