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Elbe-Hochwasserschutz: Die Grafik zeigt einen Umlufter, der im Hochwasserfall einen Teil der Fluten zwischen Bleckede und Lauenburg auf einem verkürzten, durch Deiche vorgegebenen, Weg durch die Bleckeder Elbmarsch leiten soll.
Elbe-Hochwasserschutz: Ein Umfluter soll im Hochwasserfall einen Teil der Fluten zwischen Bleckede und Lauenburg auf einem verkürzten, durch Deiche vorgegebenen, Weg durch die Bleckeder Elbmarsch leiten. Doch das ist bislang reine Theorie. Ob es je einen Umfluter geben wird, ist ungewiss, auch Trassen werden noch nicht geplant. Das NLWKN berechnet bisher anhand von Modellen nur die möglichen hydraulischen Auswirkungen eines solchen Projekts. Grafik: terraweb/hm

Elbe-Hochwasserschutz: Der weite Weg in die Sicherheit

pet Lüneburg. Gehölzrückschnitt oder Rückdeichungen als Elbe-Hochwasserschutz? Anlage von Poldern oder Sedimentabgrabungen? Altarmanbindungen oder Umfluter? Kombinationen daraus oder alles zusammen? Auch mehr als zwei Jahre nach dem jüngsten Jahrhunderthochwasser an der Elbe sind die Verantwortlichen noch weit davon entfernt, ein verlässliches Konzept gegen die nächste Flut in der Hand zu haben. In der jüngsten Sitzung des Umweltausschusses des Lüneburger Kreistags informierte Karsten Petersen vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) über den Stand der Untersuchungen in Sachen Elbe-Hochwasserschutz.

Petersen leitet den Arbeitskreis Elbe aus Vertretern der Kommunen, Deichverbände, Landkreise, Wasserschifffahrtsverwaltung, Landwirtschaftskammer, Verein zum Schutz der Kulturlandschaft und des Eigentums im Elbtal (VSKE), Biosphärenreservatsverwaltung und Naturschutzverbänden. Der Arbeitskreis hat sich mit zahlreichen Hochwasserschutzmaßnahmen beschäftigt, deren Wirksamkeit inzwischen von der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) mithilfe eines 2-D-Modells überprüft wurde.

Eine Maßnahme, die im Bericht der BfG nur am Rande erwähnt wird und von der Bundesanstalt noch nicht ausführlich untersucht wurde, fand in der Ausschusssitzung besondere Aufmerksamkeit der Kreistagspolitiker: der Bau eines „Umfluters“, einer Elbe-„Abkürzung“ zwischen dem Raum nördlich von Bleckede bis nördlich von Hittbergen. Ein gewaltiges Projekt, rund 30 Kilometer lang, 100 Meter breit und zehn Meter tief, das bei Hochwasser die Elbe entlasten könnte.

Ein Projekt, das auch Norbert Thiemann (CDU) beeindruckt, der nicht nur Ausschussmitglied, sondern als langjähriger Geschäftsführer des Artlenburger Deichverbands ein besonderer Experte in Sachen Hochwasserschutz ist. Man müsse sich erst einmal klarmachen, was ein Umfluter mit „100 Metern Breite, und das ist das mindeste“, für die Region bedeute. „Das muss man erst einmal sacken lassen.“ Die Ausschussmitglieder wollten auch etwas über die möglichen Kosten wissen — aber die zu schätzen, sei schwierig. Um die Rhein-Fluten künftig besser bändigen zu können, arbeiten die Niederländer zurzeit an einem Umfluter im Raum Nijmegen — Kostenpunkt: 300 bis 350 Millionen Euro.

Ein Umfluter für den Bereich der unteren Mittelelbe zwischen Bleckede und Lauenburg ist Zukunftsmusik, anhand möglicher Trassenverläufe werden vom NLWKN, mit Unterstützung der Hochschule Magdeburg, erst einmal die hydraulischen Wirkungen einer solchen Maßnahme untersucht. Petersen: „Wenn man von einem Umfluter redet, dann redet man von einer Maßnahme, die vielleicht erst in 20, 25 Jahren umgesetzt wird.“ Für einen Umfluter würden Deiche aufgeschüttet werden, um der Elbe im Hochwasserfall zusätzlichen Raum geben zu können.

Petersen sprach im Ausschuss auch über Hochwasserschutzmaßnahmen, die bereits umgesetzt werden oder kurzfristig umgesetzt werden können, etwa den Gehölzrückschnitt, der in diesen Wochen beendet werden soll. „Der wird allerdings deutlich weniger Wirkung haben als gedacht“, bezog sich Petersen auf die Ergebnisse der Untersuchung der Bundesanstalt für Gewässerkunde. Einen nur um wenige Zentimeter geringeren Wasserstand als vorher hatten die BfG-Experten durch den Rückschnitt für den Fall einer erneuten Elbeflut errechnet.

Inhalt der BfG-Untersuchung ist auch eine Maßnahme, deren Wirkung bereits während des Elbehochwassers 2013 gemessen werden konnte: die Rückdeichung bei Lenzen (Brandenburg) nahe Gorleben. Dort war der Deich nach dem Hochwasser 2009 um 1,3 Kilometer hinter den bisherigen Deich verlegt worden — Auswirkung beim Hochwasser 2013 war eine Wasserstandsabsenkung von bis zu 30, 40 Zentimeter.

Der NLWKN befasst sich auch mit einer Passage im Bericht der BfG, die besagt, dass eine Vegetation im Elbevorland, die ausschließlich aus Grasland besteht, gegenüber dem heutigen Zustand eine Absenkung des Wasserstands um bis zu 75 Zentimeter bewirken könne. Die entsprechende Passage sei bekannt, erklärte Petersen. Wie die Bundesanstalt zu diesem Ergebnis gekommen sei, „muss aber noch geklärt werden“.

Die Mitglieder des Umweltausschusses haben nun reichlich Lesestoff — der von Karsten Petersen vorgetragene „Rahmenplan für abflussverbessernde Maßnahmen an der unteren Mittelelbe“, der weiter bearbeitet wird, und die ausführliche Studie der BfG wollen durchgearbeitet sein.

Zeit drängt bei Ausgleichsmaßnahmen

Der Rückschnitt der Verbuschung, auch in „besonders geschützten Lebensräumen“, als Mittel, den Wasserstand der Elbe bei Hochwasserereignissen abzusenken, ist mit dem „Segen“ der Europäischen Union im vergangenen Herbst begonnen worden. In den nächsten Wochen sollen die Maßnahmen beendet werden. Nun müsse dringend mit den damit verbundenen „Kohärenzmaßnahmen“, das sind Ausgleichspflanzungen, begonnen werden, erklärte Stefan Bartscht, Fachdienstleiter Umwelt beim Landkreis Lüneburg.

In seiner Sitzung im Kreisausschuss sprach sich der Umweltausschuss einstimmig dafür aus, die Kreisverwaltung zu ermächtigen, einen Vertrag zur Koordinierung der Planung und Umsetzung der Kohärenzmaßnahmen mit dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) abzuschließen. Für jeden gefällten Baum in einem sensiblen Bereich müssen zwei neue in die Erde gebracht werden. Auf rund 33 Hektar muss Silberweidenauwald nachgepflanzt werden.

Problematisch sei vor allem, geeignete Flächen für die erforderlichen Ausgleichsmaßnahmen zu finden, berichtete Bartscht. Die sollen nach Möglichkeit nicht an der Elbe, sondern „vorrangig auf dafür geeigneten und verfügbaren Flächen an den Nebengewässern der Elbe umgesetzt werden“. Nur im äußersten Notfall sollten Pflanzmaßnahmen an der Elbe stattfinden, zurzeit werde ein Areal am Elbezufluss Seege näher untersucht. Die Kohärenzmaßnahmen müssten zügig durchgeführt werden, „sonst droht uns ein Vertragsverletzungsverfahren durch die EU“. Das Land finanziert die Ausgleichsmaßnahmen zu 100 Prozent aus dem Bau- und Finanzierungsprogramm Hochwasserschutz im Binnenland. Der NLWKN übernimmt im Auftrag des Landkreises die Planung. pet