Aktuell
Home | Lokales | Diagnose Sprachstörung: Lernen mit dem Playmobil-Plan
Birgit Intemann ist Sprachheil­therapeutin im Kindergarten St. Bonifatius. Seit 17 Jahren arbeitet sie mit Kindern, die an einer Sprachstörung leiden. Foto: t&w
Birgit Intemann ist Sprachheil­therapeutin im Kindergarten St. Bonifatius. Seit 17 Jahren arbeitet sie mit Kindern, die an einer Sprachstörung leiden. Foto: t&w

Diagnose Sprachstörung: Lernen mit dem Playmobil-Plan

ap Lüneburg. Wenn ihre Kinder später zu sprechen beginnen als andere und bestimmte Laute nicht richtig betonen, sind Eltern oft beunruhigt. Was ist los mit dem Sohn oder der Tochter? Geburtsschäden, Krankheiten im frühen Kindesalter, organische Fehlbildungen, Behinderungen und Hörschäden können Ursachen für eine Sprachstörung sein. Birgit Intemann weiß Rat, sie ist Logopädin. Seit 1998 arbeitet sie als Sprachheiltherapeutin im St. Bonifatius Kindergarten, einer Einrichtung für sprach- und hörgestörte Kinder ab drei Jahren.

40 Kinder können in Lüneburg aufgenommen werden, 16 in der Außenstelle Neu Jürgens­torf. „Die Erzieher arbeiten wie im Regelkindergarten, sie haben einen engen Kontakt zu uns, wir halten Rücksprache, wie man die Kinder zusätzlich im Alltag fördern könnte“, erklärt sie. Begrüßungs- und Stuhlkreise, Sprechspiele und -rituale seien gängige Abläufe für den Alltag, ebenso der „Nachtischverteiler-Job“: Abwechselnd habe ein Kind die Aufgabe, nach dem Essen zu fragen: Wer will Nachtisch, wie viel, noch mehr? Die Schwierigkeit bestehe darin, vor der Gruppe zu sprechen. Der Umgang mit den Kindern sei eine Gratwanderung: „Wie macht man ihnen klar, dass es um das Üben von etwas Schwierigem geht?“ Dafür seien die Kinder aber besonders kreativ im Umgang mit Sprache und Spielen, überraschten immer wieder mit Einfallsreichtum. „Es ist amüsant, was sie manchmal auf Lager haben“, sagt Intemann.

„Eltern geben sich oft die Schuld, unsere Aufgabe ist es aber nicht zurückzublicken, sondern die Eltern zu entlasten und ihnen Tipps zur Förderung ihrer Kinder zu geben.“ Birgit Intemann

Zwei individuelle Sprachtherapien stehen wöchentlich auf dem Plan, ein Physiotherapeut arbeitet in Kleingruppen mit psychomotorischem Turnen, in Bedarfsfällen kann ein Psychologe hinzugezogen werden. In jeder Gruppe gibt es acht Kinder und zwei pädagogische Fachkräfte. „Wir können hier gezielt an sprachlichen Problemen arbeiten“, erzählt Intemann und nennt ein Beispiel: Ein Kartenspiel besteht ausschließlich aus Wörtern, die das Kind nicht aussprechen kann. Dann wird damit Memory, Schwarzer Peter oder Quartett gespielt. „Jedes Kind benötigt einen anderen Zugang. Oft müssen wir Spiele so arrangieren, dass das Kind nicht merkt, dass es um die Begriffe geht, die es nicht aussprechen kann“, erklärt sie. Für Außenstehende sehe ihre Arbeit deshalb oft nach einfachem Spielen auf dem Teppich aus, dabei sei jeder Name und jedes Wort beim Spielen mit Playmobil- oder Schleich-Figuren geplant. „Ich weiß ja, was ich aus dem Kind herauskitzeln will.“ Mit anderen Kindern könne man schon schulisch arbeiten anhand von einfachen Arbeitsblättern, die es auszufüllen gilt.

Um besorgten Eltern und Fachkräften eine Rückmeldung über die Sprachentwicklung ihres Kindes zu geben, bietet der Sprachheilkindergarten seit 2012 jeweils am letzten Freitag im Monat von 13 bis 15 Uhr eine offene Sprechstunde an. „Eine unserer Logopädinnen gibt Tipps, empfiehlt zum Beispiel Sprechübungen für zu Hause oder rät zu einer ambulanten Therapie“, sagt Bärbel Schnettker, Bereichsleiterin in Lüneburg. „Bei ganz vielen Kindern ist eine ambulante Therapie ausreichend.“ Bei jeglichen Störungen in der Sprachentwicklung sei für Eltern die Schuldfrage oft ein großes Thema. „Sie geben sich oft die Schuld, unsere Aufgabe ist es aber nicht, zurückzublicken, sondern die Eltern zu entlasten und ihnen Tipps zur Förderung ihrer Kinder zu geben“, betont Intemann.

Neu ist eine mobile Sprechstunde. Sie bietet die Möglichkeit, dass die Sprachheiltherapeuten die Kinder in ihrem Kindergartenalltag besuchen. „Einrichtungen können in Absprache mit den Eltern dann sagen, wir haben hier ein auffälliges Kind. Kann jemand herkommen und es sich ansehen“, erklärt die Therapeutin. Alle zwei bis drei Monate kämen Anrufe aus anderen Einrichtungen, schätzt sie.

Eine Einweisung in den Sprachheilkindergarten erfolgt im Zweifel ausschließlich über das Gesundheitsamt. „Die Eltern wurden dann beispielsweise von einer ambulanten Sprachheiltherapeutin zum Gesundheitsamt geschickt, weil diese Therapieform nicht ausreichend für den Störungsgrad des Kindes war“, resümiert Intemann. Schätzt der Gutachter im Gesundheitsamt das Kind dann ebenfalls als sprachlich sehr auffällig ein, kommt es in den Sprachheilkindergarten. Dieser dient hier als teilstationäre Maßnahme, da die Kinder wochentags von 8 bis 14 Uhr intensiv betreut werden. Finanziert wird St. Bonifatius hauptsächlich vom Landessozialamt und anteilig von den Krankenkassen. Es sei wichtig, möglichst früh bei Fachkräften mit der Sprachstörung des Kindes vorstellig zu werden. „Je früher man intensiv auf die Sprachentwicklung eingehen kann, desto einfacher fällt dem Kind der Schulstart“, weiß Schnettker.

Wer sich einen Eindruck über das Therapieangebot und die Räume des Sprachheilkindergartens St. Bonifatius machen will, kann das Team am „Tag der offenen Tür“ am heutigen Freitag zwischen 14.30 und 16 Uhr in der Georg-Böhm-Straße 18 oder in der Außenstelle in Neu Jürgenstorf, Heidfurt 5d, antreffen.