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Schlägerei an der Roten Straße endet mit Bewährungsstrafe

ca Lüneburg. Mit einem Fiasko für die Staatsanwaltschaft endete der Prozess um eine Schlägerei an der Roten Straße. Der Angeklagte kassierte gestern Nachmittag vor dem Amtsgericht eine Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren, der Haftbefehl gegen den 47-Jährigen, seit der Tat im Mai in Untersuchungshaft, wurde aufgehoben. Wie berichtet, haben der Angeklagte und ein Komplize einen Blumenhändler niedergeschlagen und erheblich verletzt. Laut rechtsmedizinischem Gutachten, hätten Tritte und Schläge lebensbedrohlich wirken können. Dieses Geschehen sah das Schöffengericht als erwiesen an. Doch wie es zur Auseinandersetzung kam, da vertrat der Richter vehement eine andere Auffassung. Die rechtliche Bewertung des Staatsanwalts brachte den Vorsitzenden derart in Rage, dass er so heftig mit der Hand auf den Tisch schlug, dass eine der Schöffinnen erschrak und zusammenzuckte.

Offensichtlich spiele der Hintergrund des Angeklagten eine Rolle, er stammt aus einer italienischen Wirtefamilie. Da seien viele Gerüchte im Umlauf, die von Mafia sprächen, sagte der Richter. Doch man habe den Fall zu betrachten, und der unterscheide sich nicht von einer Wirtshausschlägerei, wie sie es an vielen Wochenenden gebe. Er trug einen ähnlichen Fall vor, aber mit schlimmeren Folgen: Zwei Täter waren auf einen Mann losgegangen, hatten ihm gegen den Kopf getreten, das Opfer verlor mehrere Zähne und erlitt eine Schädelfraktur. Da habe die Staatsanwaltschaft ein wesentlich geringeres Strafmaß gefordert. Im Fall Rote Straße waren die Ankläger zunächst von versuchtem Totschlag ausgegangen. Das Urteil von gestern spricht von gefährlicher Körperverletzung.

Zudem kritisierte der Richter, dass der Staatsanwalt den Aussagen des Blumenhändlers fast uneingeschränkt glaube. Die seien aber im Vergleich mit Zeugenaussagen widersprüchlich. Es sei eben nicht auszuschließen, dass der Blumenhändler, der grundlos attackiert worden sein will, seine beiden Kontrahenten beleidigt oder gar geschubst habe. Wäre dies der Fall, wirke sich dies strafmildernd aus. Gleichzeitig betonte der Richter allerdings, dass das Vorgehen der beiden Männer, die etwa 15-mal gegen den Kopf des Blumenhändlers getreten haben sollen, brutal war.

Schlägerei nur ein teil der Akte

Die Verteidigung versuchte zu verhindern, dass der Vorsitzende den Strafregisterauszug des Angeklagten verlas. Sie scheiterte aber mit dem Antrag. Was der Richter dann aus italienischen Gerichtsakten vortrug, hatte es in sich. Allerdings liegen die Fälle mehr als ein Vierteljahrhundert zurück.
Die Rede ist von Massaker, Mafia, krimineller Vereinigung, fortgesetztem Mord und Mordversuch, dem Verbergen eines Leichnams, Entführung, illegalem Waffen- und Munitionsbesitz sowie Abgabe von Rauschgift. In der Regel wohl begangen mit Komplizen. Die harmlosesten Vergehen, wenn man das überhaupt so sagen kann, lauten unter anderem Beschädigung, Fahnenflucht, Widerstand und Beleidigung. Alles in allem 26 Einträge, von denen das Schöffengericht nach deutschem Recht neun für relevant hält.
Gegen den Angeklagten wurden Haftstrafen verhängt, bei denen man sich wundert, dass er frei ist: In einem Fall mehr als 20 Jahre, dann gut 16 und 12 Jahre, aber auch zweieinhalb Jahre und einmal „nur“ vier Monate. In der Summe mehr als 50 Jahre, dabei ist der Angeklagte erst 47. Die Erklärung ist aus Polizeikreisen zu erfahren: Der Angeklagte, aber auch sein Vater und sein Bruder seien in Italien in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden, nachdem sie gegenüber den Behörden „auspackten“. Dadurch wurden Strafen reduziert.
Der medizinisch-psychiatrische Sachverständige sah keinen Grund, dem Angeklagten eine eingeschränkte Schuldfähigkeit zuzubilligen. Der Mann, der zum Zeitpunkt der Schlägerei zwischen 2,2 und 2,7 Promille und ein Medikament intus hatte, habe kaum Ausfallerscheinungen gezeigt. Im Gegenteil, er habe auch auf Ansprache reagiert. Außerdem müsse auch seine kriminelle Vorgeschichte beachtet werden. Der Gutachter: „Die Registereinträge legen nahe, dass so ein Verhalten für den Angeklagten nicht ungewöhnlich ist.“

Am Ende steht – wie von beiden Verteidigern gefordert – eine Bewährungsstrafe, deren Frist das Gericht auf vier Jahre festsetzte. Dass die Familie des Angeklagten, die im Saal saß, dem Gericht applaudierte, ging dem Vorsitzenden dann doch ein bisschen weit: „Das ist nicht der passende Ort.“
Gegen den Mittäter soll bald ein Verfahren beginnen. Der Mann war nach der Tat abgetaucht, Zielfahnder hatten ihn in Italien ausfindig gemacht. Inzwischen wurde er nach Deutschland ausgeliefert.

One comment

  1. Da hatte der Richter aber Angst. 15 Mal gegen den Kopf treten und Bewährung. Dies auch noch mit einer Wirtshausschlägerei zu vergleichen, setzt der Sache die Krone auf. Mit dem Applaus hat der Richter recht, das ist in der Tat der falsche Ort.