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Ein Boot liegt im August am Flussufer in Radegast. Die Elbe führte extremes Niedrigwasser, das stellte und stellt unter anderem die Biosphärenreservatsverwaltung vor Herausforderungen. Foto: t&w
Ein Boot liegt im August am Flussufer in Radegast. Die Elbe führte extremes Niedrigwasser, das stellte und stellt unter anderem die Biosphärenreservatsverwaltung vor Herausforderungen. Foto: t&w

Niedrigwasser und Hochwasserschutz: Rückblick auf ein Extremjahr

bp Hitzacker. Wenn es um die Elbe, Deiche und den Hochwasserschutz geht, dann liegen die Meinungen für gewöhnlich in etwa so weit auseinander wie der Fluss lang ist. Das war jetzt teilweise auch im Verdo in Hitzacker spürbar, wohin das Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue unter der Überschrift „Natur und Kultur in der Elbtalaue“ rund 120 Menschen eingeladen hatte. Sie nutzten das Forum, um ihre unterschiedlichen Positionen klar zu machen und um kritische Anmerkungen anzubringen.

Beispielsweise Jürgen Meyer, Bürgermeister der Samtgemeinde Elbtalaue. Er lobte zwar auf der einen Seite die Zusammenarbeit mit der Biosphäre, allerdings seien beispielsweise hinsichtlich der Themen Deichbau oder Verbuschung „viele Dinge bis heute nicht geregelt“, seien längst noch nicht alle Ziele erreicht. „Wir sind gut im Rennen, es gibt aber noch viel zu tun.“

2017 stehe — wie alle zehn Jahre — eine Evaluierung des Unesco-Programms „Der Mensch und die Biosphäre“ (MAB) an und diesbezüglich seien „Fragen der Kernzone noch nicht geklärt“, so Meyer. Man werde „einiges bewegen müssen, um das hinzubekommen“. Auch gegen das Land Niedersachsen schoss Meyer. Er könne nicht verstehen, warum nachdrückliche Forderungen nach Rangern im Biosphärenreservat bis heute unerfüllt geblieben sind. „Wir sind enttäuscht, dass das Land darauf bisher nicht reagiert hat.“ Wolle man ein Biosphärenreservat etablieren, dann gehe das nicht ohne eine solche Begleitung. Umso positiver hob Meyer die Polizeireiter hervor.

Dem pflichtete Prof. Dr. Johannes Prüter, Leiter der Biosphärenreservatsverwaltung, bei. Zuerst habe es auch kritische Stimmen zur berittenen Polizei gegeben, denn eine Idee sei „nicht mit Uniformen durchsetzbar“. Doch inzwischen sei die Resonanz positiv, sodass das Projekt im kommenden Jahr in die Verlängerung geht. Die Polizeireiter würden bei der Vermittlung helfen, dass „Wochenendveranstaltungen mit Grill und Bierkästen“ sich mit einem Biosphärenreservat nicht vertrügen. Insgesamt 130 Ordnungswidrigkeiten hat die Biosphärenreservatsverwaltung im zurückliegenden Jahr verfolgt. Aus Prüters Sicht für einen Elbeabschnitt mit rund 100 Kilometern Länge „ein geringer Wert“.

Darauf, dass es sich beim laufenden Jahr bezogen auf die Elbe erneut um ein Extremjahr handle, machte Prüter ebenfalls aufmerksam. Er meinte damit die zweitniedrigsten Wasserstände des Flusses seit Beginn der Aufzeichnungen. „Das ist eine besondere Situation, die auch aktuell für diese Jahreszeit noch deutlich untermäßig anhält“ und die „über Jahrzehnte so nicht existent war“. Das stelle die Biosphäre vor neue Probleme. Als Beispiel führte Prüter die Schwarzpappel an, die sich am Elbufer in diesem Jahr aufgrund des Niedrigwassers gut entwickle, bei der es sich aber um eine „rotlistige Art“ handle. Man müsse sehen, wie damit im Zukunft umzugehen sei: „Allein das gibt einen guten Einblick in die Dynamik unserer Arbeit.“

Enttäuscht, wie wenig Geld für einen effektiven Hochwasserschutz in Niedersachsen ausgegeben werde, zeigte sich Prof. Dr. Andreas Dittrich, Leiter des Leichtweiß-Instituts für Wasserbau an der Technischen Universität Braunschweig. Es brauche ein überordnetes Konzept für den Hochwasserschutz an der Elbe mehr als Sofortmaßmahmen, unterstrich er. Das größte Problem seien die Engstellen des Flusses. Er riet zu Umflutern, die Orte vor einer Flut schützen, indem ein Teil des Wassers umgeleitet und dem Fluss dadurch mehr Raum gegeben wird. Städte und Orte müssten sich auch dem Fluss anpassen — das gelte nicht nur andersherum. Dittrich zitierte Goethe: „Die Natur (…) hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen.“ Das Publikum vertrat unterschiedliche Haltungen. Einige forderten mehr Entbuschung, andere weniger, einige höhere Deiche, andere mehr Flutpolder — ein Fluss, viele Meinungen.