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Der Erlenbruch (l.) und die zirka 300 Jahre alte Eiche bleiben unangetastet, aber auch die Waldfläche, vor der Michael Stall steht, wird nur unter bestimmten Regeln bewirtschaftet - auch mit Blick auf den Naturschutz. Foto: be
Der Erlenbruch (l.) und die zirka 300 Jahre alte Eiche bleiben unangetastet, aber auch die Waldfläche, vor der Michael Stall steht, wird nur unter bestimmten Regeln bewirtschaftet - auch mit Blick auf den Naturschutz. Foto: be

Naturschutz gilt für ganzen Wald

as Lüneburg. Naturschutz gilt für den ganzen Wald. Das ist die Prämisse von Forstamtsleiter Michael Stall. In dem 1600 Hektar großen Stadtwald gibt es klare Regeln, mit denen verhindert werden soll, dass nicht unter Schutz gestellte Bereiche intensiver genutzt werden.

Die Bundesregierung hat bereits 2007 unter Federführung des Umweltministeriums eine Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt beschlossen. „Danach sollen fünf Prozent der Wälder der eigenen Entwicklung überlassen werden“, sagt Stall. Die Landesregierung unterstützt das Ziel, indem zehn Prozent der Flächen der Landesforsten aus der Bewirtschaftung herausgenommen werden sollen (LZ berichtete). Michael Stall findet das einerseits gut, im Stadtwald sind auch zirka sechs Prozent aus der Bewirtschaftung genommen. Andererseits blickt er auch mit Skepsis darauf. Denn: „Bis 2050 wird die Weltbevölkerung von derzeit sechs Milliarden auf voraussichtlich zehn Milliarden ansteigen. Die Pro-Kopf-Fläche Wald wird also sinken. Gleichzeitig wird aber die Nachfrage nach dem Rohstoff Holz immer größer. Das kann zur Folge haben, dass es in den nicht unter Schutz gestellten Bereichen zu einer intensiveren Bewirtschaftung kommt.“ Im Stadtwald geht man da einen anderen Weg. „Wir richten unser Augenmerk auf 100 Prozent behutsame Waldbehandlung.“

Bei deren Bewirtschaftung habe man sich strenge Regeln auferlegt. „Für uns ist wichtig, dass wir auf allen Flächen im Stadtwald Ökologie und Ökonomie zusammenbringen.“ Quantitative Nachhaltigkeit lautet Regel Nummer 1. Das bedeutet: Es wird nur so viel geschlagen wie zuwächst. Stall: „Wir nutzen allerdings nur 80 Prozent des Zuwachses.“ Regel Nummer 2: qualitative Nachhaltigkeit. In der sensibelsten Zeit für die Natur, nämlich zwischen März und Juli, gibt es in dem Stadtforst überhaupt keine Baumfällungen. „Unser Ziel ist es, die Eingriffe so gering wie möglich zu halten. Für jede Baumart legen wir eine Zielstärke fest.“ Sprich: Er muss einen bestimmten Durchmesser haben – je nach Baumart 55 bis 80 Zentimeter. Dann wird entschieden, ob er genutzt wird. Als Prinzip gilt: So alt wie möglich, aber rechtzeitig genug, damit keine Entwertung entsteht, weil es zum Beispiel im Stamm­inneren fault. Stall weist aber auch darauf hin: „Auf jedem Hektar werden zehn Bäume stehen gelassen, damit sie uralt werden können. Im Stadtwald werden seltene Baumarten wie zum Beispiel Elsbeere, Speierling und Ulmen geschützt. Das Holz von Aspe (Zitterpappel) und Weiden ist wirtschaftlich gesehen ohne Nutzen, dennoch haben sie im Stadtforst ihren Platz, da sie für Wildbienen und andere Insekten wichtig sind. Und Totholz wird gefördert“, berichtet Stall. Der Naturschutz sei eben der ständige Begleiter des Forstamtes.

Im Stadtforst fährt man darüber hinaus die Strategie: zurück zum Ursprünglichen. Seit 2005 werden keine Nadelbäume mehr angepflanzt, dafür aber jedes Jahr rund 25 000 kleine Laubbäume gesetzt. 1999 wurde nämlich festgestellt, dass bei den über 60 Jahre alten Bäumen zu 65 Prozent Nadelbäume vorherrschen. „Hätte der Mensch nicht eingegriffen, dann hätte unser Stadtwald zu 90 Prozent aus Buchen bestanden, die typisch sind für diese Region.“ Nun sollen sich durch Pflanzungen neben Buchen auch Eichen, Ahorne und Erlen ansiedeln, irgendwann bis zu 80 Prozent der Waldvegetation ausmachen.