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Auch dieser alte Horch dient als Anschauungs- und Ausbildungsobjekt für Pattrick, Markus, Lukas, Max und Hannes. Foto: kre
Auch dieser alte Horch dient als Anschauungs- und Ausbildungsobjekt für Pattrick, Markus, Lukas, Max und Hannes. Foto: kre

Kaarßen: Neuhauser Schüler lernen an alten DDR-Treckern zu schrauben

kre Kaarßen. Es riecht nach Maschinen, nach Motorenöl und Eisen — nach Werkstatt. Es ist ein ehrlicher Geruch. Willkommen bei Heinrich Rücker. Wer den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Historische Landtechnik besuchen will, der muss schon ein bisschen Zeit und Muße mitbringen. Schon deshalb, weil sein Betriebsgelände am äußersten Zipfel des Landkreises Lüneburg in Kaarßen in der Gemeinde Amt Neuhaus liegt — direkt an der Bundesstraße 195. Im Sommer eine beliebte Strecke für Motorradfahrer, die ihren Kaffee bei Tania am Ortseingang von Kaarßen trinken und über Bikes reden. Doch die Saison ist vorbei. Es herrscht Ruhe in dem kleinen Ort an der Elbe. Wer jetzt noch Benzin-Gespräche führen will, muss bei der Arbeitsgemeinschaft Historische Landtechnik, bei Heinrich Rücker und seinen Trecker-Freunden vorbeischauen. Und dafür — wie gesagt — ein wenig Zeit mitbringen.

Es ist eine Zeitreise zurück in die Landtechnik der DDR, jenes Staates, der sich selbst gerne als erstes „Arbeiter- und Bauernparadies“ auf deutschem Boden titulierte. Die Maschinen, die den „real existierenden Sozialismus“ auf dem Acker voran bringen sollten, stehen bei Heinrich Rücker. Zum Beispiel der RS 04/30 — ein Trecker aus dem Baujahr 1957. „Es war der erste Trecker aus eigener DDR-Produktion mit einem wassergekühlten Zweizylinder Dieselmotor von VOMAG, der Vogtländischen Maschinenfabrik AG,“, sagt Rücker und fügt schmunzelnd hinzu: „Im Volksmund wurde dieser Trecker „Oma“ genannt. Der RS 04/30 war als Nachfolgerin des „Aktivisten“ und der „Brockenhexe“ gebaut worden, berichtet Rücker und man merkt: In Sachen Traktor-Technik macht ihm so schnell keiner was vor.
Der Kaarßener und seine Freunde wollen aber nicht nur an alter Technik schrauben, sie wollen ihr Wissen auch weitergeben — an die Jugend: Für dieses Engagement sind die „Oldtimer- und Lanz-Bulldog-Freunde Kaarßen“ von der Sparkassenstiftung Lüneburg mit 6000 Euro gefördert worden.

Der Verein arbeitet jetzt eng mit der Oberschule in Neuhaus zusammen: Im Rahmen ihres Wahlpflichtkurses haben die Schüler die Möglichkeit, an dem alten RS 04/30 zu schrauben und die Motorentechnik kennenzulernen. Nicht in der Schule, sondern in der Kaarßener Werkstatt von Heinrich Rücker.

Das freilich bedeutet für alle Beteiligten eine größere logistische Leistung. Denn Neuhaus ist eine Flächengemeinde und Kaarßen liegt nun mal nicht eben um die Ecke. Aber auf dem Dorf weiß man sich zu helfen — und greift dabei auch gerne auf Gottes Hilfe zurück. „Pastor Matthias Schieferdecker aus Neuhaus stellt dem Verein seinen Van zur Verfügung, damit Klaus Witte, ehemaliger BBS-Lehrer und Vereinsmitglied, die Schüler um 13 Uhr in Neuhaus abholen und anschließend wieder zurückbringen kann. Pattrick (15) gehört zu denen, die sich für das Schrauben am „alten Eisen“ angemeldet haben. Ebenso wie Markus (14), Lukas (14), Max und Hannes (14). „Weil uns Technik interessiert“, sagen sie, und weil sie hoffen, für ihren späteren Beruf etwas zu lernen. Pattrick beispielsweise möchte nach der Schule „Schlosser oder Kfz-Mechatroniker“ werden.

Wie funktioniert ein Motor? Wozu benötigt man eine Kupplung und ein Getriebe? Das sind Fragen, auf die Jungs schon bald die Antwort wissen. Dafür sorgen die beiden ehemaligen Berufsschullehrer Klaus Witte und Dietrich Gehrke, die sich darum kümmern, dass auch das theoretische Wissen nicht zu kurz kommt. Schließlich soll am Ende der Schulzeit nicht nur ein Trecker wieder fahrbereit sein, sondern die Leistung der Jungs auch mit guten Zensuren benotet werden.

Schweißen, Schrauben, selbst Schmieden werden Pattrick und seine Freunde bei den Treckerfreunden lernen. Und obwohl die Lehrstunden begrenzt sind, nur alle 14 Tage stattfinden können, ist Heinrich Rücker doch fest davon überzeugt: „Auch die Generation Smartphone kann sich der Faszination des alten Blechs nicht entziehen.“ Es ist und bleibt eben eine ehrliche Technik.