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Rund um die Nissenhütte, die das Leben von Flüchtlingen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert, soll die Königsberger Straße entstehen. Aber noch muss weiteres Geld eingeworben werden. Wann die neue Attraktion zu bewundern sein wird, ist offen. Foto: kiekeberg/nh
Rund um die Nissenhütte, die das Leben von Flüchtlingen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert, soll die Königsberger Straße entstehen. Aber noch muss weiteres Geld eingeworben werden. Wann die neue Attraktion zu bewundern sein wird, ist offen. Foto: kiekeberg/nh

Freilichtmuseum am Kiekeberg plant neues Projekt und erhält 3,84 Millionen Euro vom Bund

pet Rosengarten. Die Tankstelle mit angeschlossener Werkstatt liegt neben dem fast ausschließlich in Eigenarbeit erstellten Siedlungshaus, schräg gegenüber sind das Quelle-Fertighaus und der Lebensmittel-Laden von 1960 zu bewunden. Auch ein Bauernhof liegt in der „Königsberger Straße“. Noch gibt es all das nicht zu sehen, aber die historische Straße aus der Zeit von 1945 bis in die späten 1970er-Jahre soll in einigen Jahren im Freilichtmuseum am Kiekeberg zu bewundern sein.

Das Museum hat jetzt einen Bescheid über eine Förderung in Höhe von 3,84 Millionen Euro an Bundesmitteln bekommen. Weitere zwei Millionen Euro muss das Museum noch einwerben, um die auf insgesamt sechs Millionen Euro geschätzten Kosten decken zu können. Entstehen soll die Königsberger Straße rund um die bereits vorhandene „Nissenhütte“, die das Leben der zahlreichen deutschen Flüchtlinge in der Region in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert.

Auch in Zukunft wird das Freilichtmuseum am Kiekeberg das bäuerliche Leben in der Lüneburger Heide und in der Winsener Marsch in der Zeit zwischen 1600 und den 1950er-Jahren in Form von mehr als 40 historischen Gebäuden präsentieren. Mit dem neuen Projekt kann das Museum in Zukunft eine weitere Ära darstellen. Michael Grosse-Brömer, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Harburg, hat in Berlin erfolgreich für die Förderung geworben.

Museumsdirektor Prof. Dr. Rolf Wiese und Geschäftsführer Marc von Itter hatten Grosse-Brömer das Projekt vorgestellt. Der CDU-Politiker freut sich jetzt: „Die neue Ausstellung steigert den touristischen Wert der Metropolregion und kann noch unter Mithilfe von Zeitzeugen konzipiert und errichtet werden. So bleiben die Lebensleistungen der Menschen in Erinnerung und die Entwicklung des ländlichen Raums wird realitätsgetreu dargestellt.“

Wiese: „In der Königsberger Straße zeigen wir die komplexen Zusammenhänge von Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, technischer und politischer Entwicklung. Ein wesentlicher Teil beleuchtet auch die Inte­gration von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die „Königsberger Straße“ wird jetzt zur rechten Zeit aufgebaut, erklärt Marc von Itter: „Der letzte originale Baubestand verschwindet für immer, er wird abgerissen oder umgebaut. Außerdem dokumentieren wir als Museum schon seit längerem, wie Menschen nach 1945 unsere Region aufbauten — oft mit eigenen Händen und unter schwierigen Bedingungen. Die Entwicklungen bis in die 1970er-Jahre beeinflussen bis heute das Selbstverständnis der Bundesrepublik.“

So soll der neugestaltete Museumsbereich aussehen – um die Nissenhütte gruppieren sich mehrere Gebäude und Gärten.
So soll der neugestaltete Museumsbereich aussehen – um die Nissenhütte gruppieren sich mehrere Gebäude und Gärten.

Der Landkreis Harburg, Heimatlandkreis des Freilichtmuseums am Kiekeberg, eignet sich in besonderer Weise als Beispiel für die gesamtdeutsche Entwicklung: War die Region bis 1945 stark ländlich strukturiert, verdoppelte sich ihre Bevölkerungszahl durch Flüchtlinge, Ausgebombte und Vertriebene auf 124397 im Jahr 1949. Welche Gebäude ihren Platz rund um die Nissenhütte haben werden, danach werde gerade geforscht, berichtet Museumssprecherin Marion Junker.

Nach dem „Agrarium“, das im Mai 2012 eingeweiht wurde, ist die „Königsberger Straße“ das zweite millionenschwere Projekt, das innerhalb weniger Jahre im Museum am Kiekeberg entsteht. 5,7 Millionen Euro wurden damals investiert, der größte Teil aus Mitteln der Europäischen Union. Landwirtschaft und Ernährungsindustrie, dargestellt anhand zahlreicher Fahrzeuge, Maschinen und Geräte, sind auf 3300 Quadratmetern die Themen des Agrariums.

Mit Hochdruck arbeiten die Mitarbeiter des Museums außerdem zurzeit an der Sonderausstellung „Spielwelten“, die sich mit dem Thema des Spielens in den 1950er- bis 1970er-Jahren befasst. Die Ausstellung soll Anfang Mai 2016 eröffnet werden.

Von der Tankstelle bis zum Aussiedlerhof

Expertenprognosen zufolge wird der ursprüngliche Baubestand der Nachkriegszeit auf dem Land aufgrund des zunehmenden Siedlungsdrucks der Großstädte in 20 bis 30 Jahren fast vollständig verschwunden sein. Das Bauerbe ist bedroht durch Maßnahmen der Dorferneuerung, konstruktive Eingriffe seitens der Nachbesitzer und Gebäudeabrisse aufgrund energetischer Sanierung.
Bestandteile der „Königsberger Straße“ werden sein:
– Eine Tankstelle mit angeschlossener Werkstatt aus der Zeit um 1960, die als bauliches Symbol für die zunehmende Mobilität auch die Rolle des Verkehrs für Wiederaufbau und Wirtschaftswunder dokumentiert.
Ein Einkaufsladen, denn sich nach den Zeiten der Not wieder etwas leisten zu können und Produkte zu konsumieren, fand seinen Ausdruck in einer neuen Warenwelt, die sich die Menschen zuerst über Läden und Schaufenster erschloss.
– Ein Siedlungshaus, denn die in Selbsthilfe oder auf politische Förderung hin errichteten Siedlungsstellen, ob als Doppelhaus oder einfaches Siedlungshaus, boten Flüchtlingen, Vertriebenen und Ausgebombten schnell adäquaten Wohnraum und behoben den akuten Wohnungsmangel.
– Ein Zweifamilienhaus, in dem die „Geschichte des Landkreises Harburg“ ab 1945 geschildert wird, verdeutlicht an aussagekräftigen, individuellen Lebensgeschichten.
– Ein Aussiedlerhof. Außerhalb des Dorfbereichs entstanden solche Höfe, landwirtschaftliche Betriebe mit entsprechendem Technisierungsgrad, um mehr Felder zu bewirtschaften und größere Viehbestände unterhalten zu können.
– Ein Fertighaus, denn der Einfluss westlicher, meist amerikanischer Kultur fand im Hausbau und Lebensstil seinen Niederschlag: Beim Fertighaus spielen neben Funktionalitätsansprüchen auch der günstige Preis und kurze Bauzeit, also die schnelle Verfügbarkeit, hinein.