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Ein alltägliches Thema berherrscht das Leben: das Essen. Aspekte beleuchtet (v.l.) Philosoph Harald Lemke mit Scala-Betreiberin Ruth Rogée und dem Organisator der Umwelt-Filmtage, Edwin Germer. Foto: be
Ein alltägliches Thema berherrscht das Leben: das Essen. Aspekte beleuchtet (v.l.) Philosoph Harald Lemke mit Scala-Betreiberin Ruth Rogée und dem Organisator der Umwelt-Filmtage, Edwin Germer. Foto: be

Lüneburger Umwelt-Filmtage beschäftigen sich mit Lebensmitteln

ca Lüneburg. Das Zitat ist kritischen Zeitgenossen allgegenwärtig: „Der Mensch ist, was er isst“, wusste der Philosoph Ludwig Feuerbach vor mehr als anderthalb Jahrhunderten. Das lässt viele Interpretationsmöglichkeiten zu, da der Ausspruch so allumfassend daherkommt; Essen betrifft, wenn man es will, jeden Lebensbereich. Mit diesem universellen Blick betrachtet Prof. Dr. Harald Lemke die Nahrungsaufnahme. Der Philosoph sprach bei der Eröffnung der 16. Umwelt-Filmtage im Scala-Kino. Lemke, der in Lüneburg habilitiert hat, beleuchtete „Philosophische und ethische Grundlagen der Ernährungswende“.

Der in Hamburg lebende Wissenschaftler, der sich neben den Büchern nach eigenen Worten auch dem Bewahren von rund 400 verschiedenen Tomatensorten verschrieben hat, holte weit aus. Er verwies auf Theoretiker des 19. Jahrhunderts wie Charles Fourier, die eine Art Gastrosophie entwickelt haben, eine Weisheit des Magens. Denn Gastro bedeutet so viel wie Magen oder Bauch.

Der Satz Feuerbachs ist eine der Kernaussagen einer Weltanschauung. Und wer sich damit so beschäftigt wie Lemke, kommt folglich zu einer Kapitalismuskritik. Multinationale Unternehmen wie Nestlé und McDonalds oder Handelsketten wie Walmart und Aldi beherrschen den Lebensmittelmarkt. Das hat weitreichende Folgen. Massentierhaltung, Wasserknappheit, Klimawandel und damit soziales Ungleichgewicht liegen in der aktuellen Form des Wirtschaftens begründet: Der Boden wird intensiv genutzt, Regenwälder verschwinden, Tiere leiden in Riesen-Ställen.

Neben Hunger in Armutsregionen spiegelt sich in der westlichen Welt das Gegenstück: Fettleibigkeit. Ungesundes Essen lässt Menschen aufquellen, lässt sie an Diabetes und Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems laborieren. Laut Lemke haben weltweit 1,5 Milliarden Menschen zu viele Pfunde auf den Rippen. Das hat nicht nur persönliche Konsequenzen, sondern belastet auch die Gesundheitsversorgung mit hohen Kosten. „So wie wir produzieren und uns ernähren, rufen wir Krisen hervor“, bilanzierte Lemke vor rund 40 Zuhörern. Denn natürlich wirke sich dies auch politisch aus.

Dadurch, dass die Herstellung von Lebensmitteln subventioniert werde, bleibe Essen vergleichsweise billig. „Werden Lebensmittel teurer und knapper, murrt das Volk“, sagte der 50-Jährige. Der staatliche Zuschuss führe zu „sozialem Frieden“. Überhaupt lebten wir in Europa in einem Schlaraffenland, denn über Jahrtausende sei die Vielfalt, die ein Supermarkt heute biete, undenkbar gewesen. Und für viele Regionen der Erde sei es das noch immer.

Dass Essen und die Auseinandersetzung damit ein großes gesellschaftliches Thema sind, machte Lemke an zig Sendungen, Artikeln und Büchern zu Lebensmitteln fest. Verschiedenen Ernährungsformen würden diskutiert und gelebt. Gleichwohl gebe es den Drang zu schnellem Essen, nicht nur im Fastfood-Restaurant, sondern auch mit Tiefkühlprodukten zu Hause. Die paradoxe Form: Im Fernsehen rührten Kochprofis in Töpfen und Pfannen, auf dem Sofa beiße der Zuschauer in die Fertig-Pizza.

Lemkes Appell: Wer sein Verhalten als Konsument ändere, der entscheide letztlich politisch. Jedes nicht vertilgte Schnitzel, ein Beitrag gegen den Klimawandel. Feuerbach eben: „Der Mensch ist, was er isst.“ Eröffnet haben die Filmtage Organisator Edwin Germer und Lüneburgs Nachhaltigkeitsdezernent Markus Moßmann.