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Prof. Dr. Axel Priebs ist Vorsitzender des Zukunftsforums Niedersachsen, das sich mit den Herausforderungen des demografischen Wandels befasst. Foto: t&w
Prof. Dr. Axel Priebs ist Vorsitzender des Zukunftsforums Niedersachsen, das sich mit den Herausforderungen des demografischen Wandels befasst. Foto: t&w

Zukunftsforum Niedersachsen befasst sich mit dem demografischen Wandel

cec Lüneburg. Je weiter ein Ort von einem Ballungszentrum entfernt liegt, desto größer die Herausforderung — auf diese knappe Formel verkürzt Jutta Schiecke, Landesbeauftragte für regionale Landesentwicklung, die demografische Entwicklung in Niedersachsen bis zum Jahr 2030. Sie war eine Rednerin bei der aktuellen Tagung des Zukunftsforums Niedersachsen im Technologiezentrum der Handwerkskammer. Das Zukunftsforum sucht Lösungswege, diesem Wandel zu begegnen. Über die Herangehensweise sprach die Landeszeitung mit seinem Vorsitzenden, Prof. Dr. Axel Priebs, Leiter des Dezernats für Umwelt, Planung und Bauen bei der Region Hannover.

Herr Prof. Priebs, was war im Jahr 2014 der Anlass für die Gründung des Zukunfts­forums?
Prof. Dr. Axel Priebs: Der demografische Wandel ist eine der größten Herausforderungen, vor denen wir stehen. Bereits vor Gründung des Zukunftsforums befasste sich eine Enquete-Kommission im Landtag mit dem Thema, aber hier war der Ansatz eher ein wissenschaftlicher. Uns ging es darum, uns unmittelbar der praktischen Bewältigung zuzuwenden.

Wo liegen die größten Herausforderungen?
Priebs: Grundsätzlich wird die Bevölkerung weniger, älter und bunter. Die Einwohnerzahlen sinken, und auch die Struktur ändert sich: zum einen die Alters-, aber auch die Nationalitätenzusammensetzung. Das Problem hierbei ist die große regionale Unterschiedlichkeit. Es gibt stark prosperierende Regionen und wiederum sehr strukturschwache. Die Stadt Lüneburg beispielsweise profitiert stark von der Region Hamburg, zum Beispiel in Sachen Einwohnerentwicklung, ist aber auch negativen Folgen wie der Explosion der Immobilienpreise ausgesetzt. Auf der anderen Seite haben die Heidebereiche und Räume wie etwa Lüchow-Dannenberg mit dem Strukturwandel zu kämpfen. Aufgrund der Abwanderung junger Menschen und dem wachsenden Anteil älterer bekommen beispielsweise Schulen und Geschäfte Tragfähigkeitsprobleme. Es gibt viele Leerstände, Immobilien verfallen und verlieren an Wert. Wichtig hierbei ist es, dies nicht als Stadt-Land-Problem einzustufen, ländliche Regionen nicht mit Problemregionen gleichzusetzen, sie sind nicht nur Traktoren und Mähdrescher. Es gibt sehr leistungsfähige ländliche Räume in Niedersachsen. Und kleine und mittlere Städte sind Teil dieses Raumes, sie werden in der politischen Diskussion oft aus der Folie herausgeschnitten.

Wo sehen Sie Lösungsansätze?
Priebs: Wir müssen Klein- und Mittelstädte wie Uelzen, Celle oder Soltau stärken, damit das Land drumherum attraktiv ist. Ärzte, Geschäfte, kulturelle Angebote müssen vorgehalten werden, damit der Bürger nicht so weit fahren muss. Diese Stärkung der Städte ist kein Selbstläufer, da muss man drauf aufpassen. Ebenso muss in den Dörfern die Nahversorgung aufrechterhalten und ausgebaut werden, um Abwanderung zu verhindern.

Wie ist die Vorgehensweise des Zukunftsforums?
Priebs: Wir sehen uns als empfehlendes Gremium. Idee ist es, breit in die Zivilgesellschaft hineinzuhören, Beispiele der guten Praxis zu finden, zu sammeln und weiterzuempfehlen. Otersen im Landkreis Verden etwa ist so ein Beispieldorf mit einer Initiative zur Nahversorgung, dem Bürger-Dorfladen. Der Landkreis Osnabrück hat einen Fonds eingerichtet, aus dem heraus die Gestaltung der Ortskerne gefördert wird. Auch in den östlichen Bundesländern gibt es viele gute Beispiele, wie man junge Menschen, die zur Ausbildung abgewandert sind, zurückholen kann. Es ist aber sehr unterschiedlich, was in den Dörfern passiert, es hängt immer von den Menschen ab. Gut ist, wenn Menschen sagen: „Wir machen was für unser Dorf.“

Starke Städte, lebendige Dörfer

Vor welchen demografischen Veränderungen stehen wir? Welche Herausforderungen ergeben sich daraus? Welche Chancen? Fragen, mit denen sich seit 2014 35 ehrenamtliche Mitarbeiter im „Zukunftsforum Niedersachsen“ befassen. Aus der ersten, jetzt abgeschlossenen Arbeitsperiode, die die Themen „Bildung und Mobilität im demografischen Wandel“ in den Blick nahm, berichteten Vertreter bei einer Tagung in Lüneburg und lieferten Ausblicke auf das nächste Thema in der Periode 2015/2016: „Starke Städte und lebendige Dörfer in den ländlichen Räumen Niedersachsens“.
Nach der letzten regionalen Bevölkerungsprognose von 2010 wird die Einwohnerzahl Niedersachsens bis zum Jahr 2030 von zurzeit 7,8 Millionen auf rund 7,4 Millionen sinken. 2060 werden es nur noch 6,2 Millionen sein – ein Rückgang gegenüber heute von 20,7 Prozent. Auch die derzeitige Zuwanderung kann diesen Trend voraussichtlich bis 2020 nur aufhalten, aber nicht langfristig stoppen. Die Folgen der Entwicklung: starke Bevölkerungsverluste im Süden und Osten des Landes und an der Küste, überproportionale Zuwächse hingegen in anderen Regionen, etwa im Hamburger Speckgürtel.
Eine weitere wesentliche Veränderung: die steigende Lebenserwartung. Derzeit liegt das Durchschnittsalter in Niedersachsen bei 44,2 Jahren, 2030 werden es schon 47,7 Jahre sein. Auch hier hohe regionale Unterschiede: Im Westen lebt sozusagen die „junge“ Bevölkerung, der Osten überaltert stärker.
Idee des Zukunftsforums ist es, Akteure zu vernetzen, um die Folgen, die mit dem demografischen Wandel einhergehen, zu bewältigen. Die 35 Mitglieder kommen aus allen gesellschaftlichen Bereichen: Wissenschaft und Wirtschaft, Handwerks- und Industrie- und Handelskammern, Gewerkschaften, kommunale Spitzenverbände, freie Wohlfahrtspflege, Sozialverbände, Kirchen und Religionsgruppen.