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Die Südfront des Uni-Zentralgebäudes ist schon mit elektrochromen Scheiben verglast. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter aus dem Projektteam Klimaneutraler Campus Karl F. Werner (l.) und Oliver Opel machen sich ein Bild. Foto: t&w
Die Südfront des Uni-Zentralgebäudes ist schon mit elektrochromen Scheiben verglast. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter aus dem Projektteam Klimaneutraler Campus Karl F. Werner (l.) und Oliver Opel machen sich ein Bild. Foto: t&w

Scheiben stehen unter Strom

mm Lüneburg. Im Winter soll es warm sein im Büro, im Sommer möglichst kühl. Deshalb gibt es Heizungen und Klimaanlagen. In vielen Büroräumen im neuen Zentralgebäude der Lüneburger Universität sind mindestens letztere überflüssig. Wie warm und hell beziehungsweise wie kühl es sein soll, steuern die Glasscheiben in den Fenstern. Durch sie fließt Strom.

Oliver Opel und Karl F. Werner, wissenschaftliche Mitarbeiter im Projekt „Klimaneutraler Campus“, stehen auf dem Baugerüst an der Südseite des Forschungszentrums, dem Mittelbau des Zentralgebäudes, Höhe dritter Stock. Die Gebäudefront ist hier bereits verglast. Auf besondere Art und Weise — mit elektrochromen Scheiben. Von denen sich die Wissenschaftler einen „maximalen energetischen Nutzen“ versprechen. Aber wie?

Das Prinzip ist simpel: Die Fensterscheiben können automatisch abdunkeln und aufhellen. Im Sommer, wenn viel Licht einströmt, wird abgedunkelt, drinnen bleibt es kühl. Im Winter wird aufgehellt, sodass möglichst viel Sonnenlicht einfällt, es wird warm im Inneren. Der Schaltvorgang dauert rund zehn Minuten. Stromverbrauch: ein Watt pro Quadratmeter. Das Einsparpotenzial ist hoch. Oliver Opel verdeutlicht: „Die fassadenseitigen Büros mit öffenbaren Fenstern besitzen keine aktive Kühlung und Lüftung, sie benötigen diese aufgrund der innovativen Verglasung auch nicht.“ Reichlich Megawattstunden können so pro Jahr eingespart werden. In Zahlen: zehn Megawattstunden an Kälte, 60 an Wärme und 100 an Strom. Das entspräche in etwa der Menge Strom, die 30 Haushalte pro Jahr verbrauchen, oder anders: Sie umfasse rund zehn Prozent des gesamten Energiebedarfs im neuen Zentralgebäude, rechnet Opel vor.

Noch ist die Technik neu. Und teuer. Rund eine Million Euro haben die 426 Glasscheiben, die ein Unternehmen aus Plauen fertigt, gekostet. Das Geld allerdings fließt abseits der eigentlichen Baufinanzierung. Es sind Fördermittel aus einem Programm für energie­optimiertes Bauen vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

Oliver Opel meint: „Auch durch die Verglasung ist das Zentralgebäude auf dem Weg, ein Referenzobjekt fürs öffentliche Bauen zu werden“. Bis jetzt seien die elektrochromen Glascheiben „in dieser Größenordnung noch nicht verbaut worden“. Sie decken eine Fensterfläche von 795 Quadratmetern ab. Die erstrecken sich aber nur über die Südost- und Westseite des Forschungszentrums. In anderen Himmelsrichtungen wurden aus Kostengründen keine elektrochromen Fenster eingebaut.

Bis auf den individuellen Zuschnitt der Fenster sehen Opel, der an der Lüneburger Universität Umweltwissenschaften studiert hat, und Werner, der das Projekt als zuständiger Ingenieur von Forschungsseite betreut, keine großen Hürden beim Einbau. Der funktioniere wie bei jeder anderen Zwei- oder Dreifachverglasung auch.
Bis jetzt sei rund ein Viertel der Scheiben verbaut, schätzen die Wissenschaftler. Wie lange es noch dauern würde, bis alle eingebaut sind, könnten sie „nur schwer sagen“, bleiben vage: „Wohl in den nächsten Wochen“. Dann ist es in einigen Büros schon mal warm, in dem bis jetzt noch recht nacktem Neubau.