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Arbeitsplatz mit Aussicht: Zimmerleute setzen das Dach nach altem Vorbild. Sie blicken auf den Alten Kran und St. Nicolai. Foto: t&w
Arbeitsplatz mit Aussicht: Zimmerleute setzen das Dach nach altem Vorbild. Sie blicken auf den Alten Kran und St. Nicolai. Foto: t&w

Visculenhof erhält seine alte Schönheit zurück

ca Lüneburg. Manfred Schulte zeigt auf Reste eines Stahlträgers. Zerfressenes Metall. „Der muss ausgetauscht werden“, sagt der 50-Jährige. Er arbeitet an einem der spektakulärsten Lüneburger Bauprojekte: Vor fünf Jahren hat er den Visculenhof im Wasserviertel gekauft, jetzt lässt der Unternehmer aus dem jahrhundertealten Lager ein Wohnhaus machen.

18 luxuriöse Stadtwohnungen entstehen am alten Hafen, Wohnlandschaften mit bis zu 250 Quadratmetern, in der Spitze über zwei Geschosse. Die ist ebenso verkauft wie andere kleinere Wohnungen. Dazu kommen im Erdgeschoss Läden. Das Interesse sei groß, sagt Schulte trotz Preisen im obersten Segment: „Wir nehmen, was möglich ist.“ Denn die Sanierung ist teuer: „Jenseits der zehn Millionen.“ Genauer will der Bauträger nicht werden. Und reich mache ihn das Projekt nicht, dafür gebe es zu viele Überraschungen.

Teure Überraschungen. Fast alle Decken sind marode, immer wieder müssen Handwerker sie neu schütten. „Und der Giebel trägt nicht mehr, den ziehen wir neu hoch.“ Das gilt auch für fast die gesamte Fassade. Maurer nehmen die alten Steine raus, schauen, welche sie nach einer Reinigung wieder verwenden können, um sie dann wieder Stein für Stein, Abschnitt für Abschnitt zu setzen und zu verfugen.

Nicht nur den „Oberbau“ gehen die Spezialisten an. Fundamente reichen unterschiedlich tief in den Untergrund, an manchen Stellen 2,50 Meter weit, in einem anderen Bereich zur Baumstraße, auf der in der Spitze ein Türmchen hockt, nur gut einen halben Meter. Über ein 350000 Euro teures Verfahren setzen Arbeiter neue Betonringe in den Boden. Die müssen sich quasi überlappen: „Wie die olympischen Ringe.“

Was unten gilt, setzt sich oben fort. Damit die Statik trägt, legen Handwerker Stahlträger in einem bestimmten Muster in die Decke der Druck wird so verteilt und auf Pfeiler und Mauern übertragen. Wer in das historische Gemäuer einzieht, will nicht auf die Moderne verzichten. Vor allem nicht im Alter, also haben die Planer einen Fahrstuhl vorgesehen. Noch eine Last, die das Haus schultern muss.

Ohne den Denkmalschutz passiert hier nichts. Schulte sieht die Zusammenarbeit zwischen sich selbst, der Potsdamer Architektin Annette Axthelm, den anderen Fachleuten und mit der Bauverwaltung entspannt: „Das läuft undramatisch, weil wir dasselbe Ziel haben. Wir haben im Vorfeld das meiste besprochen. Jetzt gibt es nur noch Feinabstimmungen.“

Ganz so locker ist es denn doch nicht, denn die Vorgaben kosten Geld. Mehr als durch die Fördermittel der öffentlichen Hand hereinkommt, sagt Schulte. Das Thema will er nicht vertiefen, zeigt lieber hochdroben auf einem Gerüst auf Rundbögen aus grün glasiertem Taustein. „Die alten haben wir gerettet und gesäubert“, sagt er. Ein Maurer setzt sie wieder ein. Daneben leuchten neue Steine, die hat er brennen lassen. Das ist teure Handarbeit.

Wenn alles fertig ist, voraussichtlich Ende kommenden Jahres, soll der alte Handelshof wieder hanseatische Anmut ausstrahlen und eine außergewöhnliche Schönheit sein, selbst in einer Stadt, die 1400 Baudenkmale zählt. Darin liegt wohl ein Grund für Schultes Engagement, der sagt: „Mein Vater wohnte als Junge um die Ecke an der Baumstraße.“

Wechselvolle Geschichte

Die Viscules gehörten zu den mächtigen Herren der Stadt. Seit etwa 1230 ist die Familie an der Ilmenau zu Hause. In der „Denkmaltopographie“ schreibt Doris Böker, dass das „spätestens 1369 gegründete Anwesen“ den Viscules als Handelshof diente: Speicher, Stallungen, Salzräume und Wohnungen. Ein perfekter Standort im Hafen, wo die Lüneburger Salz nach Lübeck verschifften. Allerdings segelten die Kaufleute 1485 in die Pleite und mussten ihren Backstein-Schatz verkaufen.

Was an der Salzstraße am Wasser 3 steht, ist nur noch ein Rest der ursprünglichen Anlage. Der „Feuerteufel von Lüneburg“ legte hier 1959 einen Brand, der einen großen Teil des Visculenhofs in Schutt und Asche legte. Doris Böker nennt zwei weitere Feuer in den Jahren 1907 und 1932, die Umbauten zur Folge hatten. In den vergangenen Jahrzehnten verfiel das Gebäude, jetzt soll die alte Anmut zurückkehren. ca