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Lara Marckmann (l.) durchbricht mit ihrer flachen Hand das Brett, Schulsozialarbeiterin Kathleen Ott, Trainer Dennis Dübel und Jonathan Freundenreich versuchen dagegenzuhalten - und verlieren. Foto: t&w
Lara Marckmann (l.) durchbricht mit ihrer flachen Hand das Brett, Schulsozialarbeiterin Kathleen Ott, Trainer Dennis Dübel und Jonathan Freundenreich versuchen dagegenzuhalten - und verlieren. Foto: t&w

Rettungsinseln für Kinder auf dem Schulweg

ap Lüneburg. „Ihr wollt nicht auf das Brett hauen, sondern durch das Brett gegen meinen Bauch“, sagt Dennis Dübel. Lara steht vor ihm, hat den Arm weit ausgestreckt, den Handballen herausgeschoben. Sie kneift die Augen zusammen, visiert das Brett an, die Beine in sportlicher Schrittstellung. In einer rasanten Bewegung schießt ihre Hand nach vorn. Es kracht, das Brett ist durchschlagen.

Lara Marckmann geht in die 3. Klasse der Grundschule Hasenburger Berg. Beim Projekt „Ringen und Raufen — ein Selbstbehauptungstraining für Kinder“ hat sie schon viel gelernt: „Wenn ein anderer mir wehtut und ich das gleiche mache, geht der Streit immer weiter“, sagt die Achtjährige.
Das Programm, das die Beratungs- und Betreuungseinrichtung Albatros im Rahmen der Schulsozialarbeit umsetzt, stammt aus der Kampfkunst Ju-Jutsu, die hauptsächlich auf Selbstverteidigungstechniken basiert. Kathleen Ott betreut das Projekt: „Auseinandersetzungen in Schulen laufen immer wieder aus dem Ruder“, weiß sie. In den Grundschulen Lüne, St. Ursula, Kirchgellersen und Reppenstedt findet das Präventionstraining ebenfalls statt, 105 Kinder nehmen daran teil. Anlass dafür sei vor allem die Tatsache, dass Verhaltens-auffälligkeiten bei Kindern stetig zunehmen, sagt Marianne Borows­ki, Rektorin am Hasenburger Berg. „Das können die Lehrer im normalen Schulalltag nicht mehr bewerkstelligen.“

Die Kinder müssten lernen, ihre Kraft positiv einzusetzen, nicht gegen jemand anderen, erklärt die 41-Jährige. In kleinen Gruppen erhalten ausgewählte Kinder wöchentlich nach dem Unterricht vier Wochen lang gezieltes Training.

Dennis Dübel ist hauptberuflich Erzieher mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention. Beim Verein Kraft-Sport-Lüneburg arbeitet er als Ju-Jutsu-Trainer. „Ich versuche mit Spiel und Spaß auf Kinder mit Aggressionspotenzial und Kinder, die sich nicht trauen beziehungsweise ihre Stärken nicht sehen, einzugehen“, erklärt der 37-Jährige. Zusammen mit Lara zeigt er, wie man sich — ohne den anderen dabei zu verletzen — aus beklemmenden Situationen befreien kann. Er hält ihre Hände fest, Lara zieht sie locker nach oben weg, „sie arbeitet über ihren Bizeps und nutzt meine Schwachstelle aus: die Daumen“, erklärt Dübel. Auch aus einem Würgegriff befreit sich die Drittklässlerin gekonnt.

Im Vordergrund stehe die Stärkung der Kinder: „Sie kennen keine angemessenen Konfliktlösungsstrategien“, sagt Kathleen Ott. „Sie müssen sich auch im Gefahrenfall selbst verteidigen können oder zumindest wissen, wo sie am besten Hilfe holen können.“ Anhand von Plakaten, auf denen die Kinder ihren Schulweg gezeichnet haben, arbeitet Dennis Dübel mögliche Gefahren mit den Kindern durch. „Hier wäre beispielsweise eine Rettungsinsel, hier könntet ihr Schutz suchen“, sagt der Trainer und zeigt auf eine Bäckerei.