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Mein Kapital sind meine Ideen. Seit einem Jahr führt mit Christine Hamester-Koch eine Bäuerin das Ellringer Tagungshotel Ellernhof. Dort vermittelt sie, was sie selber erlebt hat: Wie wir in der Kraft der Natur unsere eigene Kraft finden können. Foto: t&w
Mein Kapital sind meine Ideen. Seit einem Jahr führt mit Christine Hamester-Koch eine Bäuerin das Ellringer Tagungshotel Ellernhof. Dort vermittelt sie, was sie selber erlebt hat: Wie wir in der Kraft der Natur unsere eigene Kraft finden können. Foto: t&w

Christine Hamester-Koch und ihr Weg zur Chefin des eigenen Tagungshotels in Ellringen

off Ellringen. Am Abend ihres ersten Ausbildungstages sitzt Christine Hamester zu Hause auf dem Sofa und heult. Mit 16 hat die Bauerntochter aus der Nähe von Geesthacht zum ersten Mal den Alltag in einem Kindergarten erlebt. Sie dachte, es wird ihr Traumjob. Doch das Mädchen, das zwischen Stall, Wald und Wiesen groß geworden ist, fühlt sich in dem Raum mit 20 Kindern wie im Gefängnis. Ihr fehlt der Himmel, der Matsch, das Vieh, das Grün — all das, was ihre Kindheit reich gemacht hat. Als sie an dem Abend ins Bett geht, hat sie entschieden, trotzdem weiterzumachen. Ihr Plan: Die 16-Jährige will eines Tages ihren eigenen Kindergarten auf dem Bauernhof eröffnen — und erreicht weit mehr als das.

Ellringen, 35 Jahre später, auf dem Gelände des Ellernhofes. Von der Landstraße zwischen Thomasburg und Ellringen führt ein schmaler Weg direkt hinauf zum Tagungshotel, wobei das Wort „Tagungshotel“ nicht so recht zu dem passen will, was einen auf dem Ellernhof erwartet. Mitten im Grünen, umringt von Wald, Weiden und Feldern, stehen verwunschene Fachwerkhäuser unter Bäumen, auf der Wiese neben der Einfahrt weiden Pferde. Es ist der perfekte Ort für die Visionen einer Frau, die als 16-Jährige vom Kindergarten auf dem Bauernhof geträumt hat — und zu einer Pionierin der Bauernhofpädagogik geworden ist.

Mit dem Kauf der leerstehenden Tagesstätte vor einem Jahr hat sich die Bäuerin und Pädagogin Christine (inzwischen) Hamester-Koch noch einmal getraut, mit 50 alles auf eine Karte gesetzt. Viel hatte sie da schon erreicht, unzählige Angebote und Projekte für Kinder und Erwachsene auf ihrem Bauernhof in Wangelau realisiert, sich mit ihren Seminaren als Bauernhofpädagogin in Deutschland, Italien und der Schweiz einen Namen gemacht. Sie hätte so weitermachen können, „ich war nicht auf der Suche nach einem Tagungshotel“, sagt sie. Doch dann zeigte ihr Mann ihr den Ellernhof — und das Feuer war entfacht.

Doch Christine Hamester-Koch, eine Frau mit wettergegerbten Händen, kurzen braunen Haaren und tiefen Lachfalten um Mund und Augen, betreibt in Ellringen nicht einfach nur ein Tagungshotel. Sie gründete die Akademie für Natur und Business — und verbindet darin alles, was sie in ihrem Leben bisher gelernt hat. Sie nutzt die Kraft des Bauernmädchens, die Erfahrungen der selbstständigen Bäuerin, die Kenntnisse der Pädagogin, Unternehmerin und Trainerin. Ihr Konzept: „Ich will die Naturkraft in die Wirtschaft tragen, habe mit einem Team an Trainern Angebote speziell für Unternehmer gemacht.“ Gleichzeitig bleibt sie dem treu, womit alles angefangen hat: der Landwirtschaft.

In Wangelau bei Lauenburg bewirtschaftet die vierfache Mutter mit ihrem Mann nach wie vor ihren Bauernhof, auf dem Ellernhof baut sie Obst und Gemüse an, ist dabei den Tierbestand auszubauen, die erprobten Familienkonzepte vom eigenen auf den Ellernhof zu übertragen. „Ich bin durch und durch Bäuerin“, sagt die 51-Jährige. Dazu gehört für sie die Arbeit als Landwirtin, dazu gehört aber auch ihre Arbeit mit den Landwirten. In ganz Deutschland, in Österreich, Italien und der Schweiz wird sie gebucht, um Bauern dabei zu helfen, sich neu aufzustellen. „Gemeinsam suchen wir nach den versteckten Ressourcen auf den Höfen“, sagt sie. Was sie finden, „hängt davon ab, wofür die Menschen brennen“.

Mit einer Bäuerin hat Hamester-Koch gerade die Idee für einen Tanzsaal über dem Melkstand entwickelt, mit einer anderen das Projekt „Kutschfahrten mit Kuh“ auf die Beine gestellt, zu den erfolgreich abgeschlossenen Coachings gehört unter anderem die Gründung des einzigen Weinbaubetriebs in Schleswig-Holstein. „Landwirte müssen lernen, sich mehr zu öffnen“, sagt sie, „und sie müssen erkennen, dass sie weit mehr können, als Lebensmittel zu erzeugen.“ Christine Hamester-Koch ist überzeugt: Das Leben mit der Natur und den Tieren, mit der Selbstverständlichkeit von Geburt und Tod, mit dem Rhythmus der Jahreszeiten ist das große — und in der Gesellschaft völlig unterschätzte — Kapital aller Bauern. „Das müssen sie lernen zu nutzen.“ Wie genau, da kommt sie ins Spiel.

Christine Hamester-Koch ist den Weg selbst gegangen, hat den Traum einer Bauerntochter immer weiterentwickelt und sich immer breiter aufgestellt. Heute ist sie Bäuerin, Pädagogin, Coach, Unternehmerin, Mutter — und seit einem Jahr auch noch Leiterin eines Tagungshotels. Das hat sie niemals reich gemacht. Zumindest nicht materiell. Was sie stattdessen antreibt? „Dass ich brenne für das, was ich tue“, sagt sie, „und dass ich anderen zeigen kann, was ich selbst erlebt habe: Wie wir in der Kraft der Natur unsere eigene Kraft finden können.“