Aktuell
Home | Lokales | Volkstorf: Der lange Weg aus der Pleite
Ralf Girke leitet die Produktion in der Fahrzeugbau-Sparte der Firma Leutert. Die Firma baut Einsatzwagen für Feuerwehr und Rettungsdienst. Foto: t&w
Ralf Girke leitet die Produktion in der Fahrzeugbau-Sparte der Firma Leutert. Die Firma baut Einsatzwagen für Feuerwehr und Rettungsdienst. Foto: t&w

Volkstorf: Der lange Weg aus der Pleite

ca Erbstorf. Sebastian Leutert hatte große Hoffnungen, als er vor drei Jahren den insolventen Fahrzeugbauer TDS Invents in Volkstorf übernahm. Das Konzept schien ihm überzeugend, er sah „Potenzial“ in dem 15-Mann-Betrieb, der unter anderem Kleinbusse zu mobilen Leitstellen für die Feuerwehr macht. Heute sagt er: „Ich musste Lehrgeld zahlen.“ Denn der ursprüngliche Plan, nur Buchhaltung, Einkauf und Lager zusammenzulegen, ging nicht auf. Leutert griff tief in die Strukturen ein, um den Betrieb zukunftsfähig zu machen. Ergebnis: Der Standort Volkstorf wurde aufgegeben, seit zwei Jahren produziert man im Stammwerk in Erbstorf, von 15 Mitarbeitern sind nur noch sieben übrig. Der ehemalige Chef, den Leutert übernommen hatte, geht nun andere Wege.

Das Unternehmen scheint gut aufgestellt. Das liegt vor allem daran, dass die Feuerwehr Düsseldorf Aufträge nach Erbs­torf gegeben hat. Das kommende Jahr sei gesichert, sagt Leutert, da die Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens ein Dutzend Notarztwagen geordert habe. Und die Düsseldorfer haben dem Fahrzeugbauer auch in schwierigen Zeiten die Treue gehalten.

Der Inhaber schildert es so: Nach der Übernahme stellte sich heraus, dass die Produktionszeiten zu lange dauerten: „Wir konnten nicht pünktlich liefern.“ Dabei sei es nicht um eine Woche, sondern um Monate gegangen. Mancher Kunde sprang ab, auch Vertragsstrafen wurden fällig. Die Düsseldorfer hätten aber weiterhin auf den Betrieb gesetzt und vier Fahrzeuge für die Feuerwehr à 200000 Euro bauen lassen.

Leutert und sein Fertigungsleiter Ralf Gierke haben Abläufe radikal geändert. Sei anfänglich jeder Wagen stark nach individuellen Wünschen gebaut worden, setzt die Führungscrew nun auf Module. Also letztlich je nach Fahrzeug ein durchlaufendes Konzept. Sonderwünsche kosten entsprechend mehr. Die Strategie lässt sich an Kleinigkeiten ablesen, es werden nur noch wenige Schraubengrößen eingesetzt, es gibt nur wenige Schalterarten und vor allem ein einheitliches Energiesystem. All das spart Zeit und Kosten.
Zudem verändern die Erbs­torfer die Grundmodelle, die sie von VW und Mercedes beziehen nicht mehr. Seien die Transporter zuvor aufgeschnitten und mit anderen Dächern versehen worden, haben sich die Techniker davon inzwischen verabschiedet. Sie nutzen, was sie haben. Das mache manches einfacher, günstiger und vor allem weniger reparaturanfällig, berichtet Leutert. Zudem holt er sich Fachfirmen als Partner in die Produktion, die beispielsweise für die Starkstromversorgung der rollenden Kommandozentralen verantwortlich zeichnen.

Leutert geht es dabei um eine industrielle Fertigung. Also einen Ansatz, der immer wieder umgesetzt werden kann und nicht jedesmal angepasst wird. Gleichwohl lerne man aus dem Vorgehen und verbessere das Produkt, wenn Kunden entsprechende Anregungen geben.

Die Einstellung hängt mit der Geschichte des Betriebes zusammen: Leutert, der den 1941 gegründeten Betrieb mit 40 Mitarbeitern und einem durchschnittlichen Jahresumsatz von 6,5 Millionen Euro in dritter Generation führt, baut Instrumente zur Überwachung von riesigen Motoren, die Tanker und Containerschiffe antreiben. Zudem produziert er Messgeräte für die Erdgas- und Ölförderung. Da sind automatisierte Prozesse gefragt. Der Faktor Personal spiele in der Kalkulation eine eher kleinere Rolle. „Das ist im Fahrzeugbau anders“, sagt der Unternehmer. „Hier arbeiten wir handwerklich. Das ist personalintensiv.“

Die Übernahme des Fahrzeugbauers, die sich Leutert recht einfach vorgestellt hatte, hat ihm schlaflose Nächte bereitet und „Geld gekostet“. Jetzt glaubt er wieder an eine Zukunft. Trotzdem spart er. „Wir machen keine Schulden, sondern erwirtschaften Geld, bevor wir investieren“, sagt er. Deshalb sieht der Betrieb in Erbstorf auch bescheiden aus. Der Chef weiß: „Ich müsste das Treppenhaus dringend mal streichen. Das machen wir, wenn wir das Geld übrig haben und es uns leisten können.“