Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Vermutlich haben das bronzezeitliche Schwert sowie die kunstvollen Spangen aus einer Frauenbestattung, wie hier vom Typ Deutsch Evern, eine gemeinsame Geschichte, sagt Dietmar Gehrke, Kurator für Ur- und Frühgeschichte am Museum Lüneburg. Foto: t&w
Vermutlich haben das bronzezeitliche Schwert sowie die kunstvollen Spangen aus einer Frauenbestattung, wie hier vom Typ Deutsch Evern, eine gemeinsame Geschichte, sagt Dietmar Gehrke, Kurator für Ur- und Frühgeschichte am Museum Lüneburg. Foto: t&w

Schwertfund im Kreis Uelzen

dth Lüneburg. Den Satz „Ich habe ein Schwert gefunden“ hat er schon oft gehört. Und beinahe genauso oft erwies sich das Schwert als Metallbeschlag eines landwirtschaftlichen Geräts. Doch diesmal war Dietmar Gehrke begeistert. Der Lüneburger Kreisarchäologe und Kurator für Ur- und Frühgeschichte im Museum Lüneburg, staunte, was Alwin Baer, Hausmeister des Museums, bei einem Spaziergang in seinem alten Heimatort im Kreis Uelzen entdeckt hatte. Auf einem Lesesteinhaufen, also alldem, was ein Kartoffelroder am Feld­rand abkippt — und was gemeinhin schlechter verkäuflich ist als Kartoffeln. Meistens Steine. Doch diesmal war auch ein bronzezeitliches Schwert dabei. Aus dem Umfeld der „Königsgräber“ von Haaßel bei Altenmedingen. Dank des Schwertfundes könnte es im Museum Lüneburg nun zu einer ungewöhnlichen Familienzusammenführung nach über 100 Jahren gekommen sein.

Das Schwert hat längst seinen goldfarbenen Glanz verloren, die Bronze — neun Teile Kupfer, ein Teil Zinn — ist verwittert und grünlich angelaufen. Vom Griff sind nur die Nietlöcher übrig geblieben. Aber der Faszination tut das keinen Abbruch. „Das ist richtig alt“, sagt Gehrke. „So etwa mittlere Bronzezeit. Da sind wir, ganz grob, bei 1400 Jahren vor Christi. Und nur mal so als Fußnote: Das ist ungefähr die Zeit des Ägyptischen Pharaos Tutanchamun.“ Das Schwert hat Alwin Baer dem Museum vermacht. Der Fundort des Schwertes hat Gehrke aber noch auf eine andere Spur gebracht. „Solche Schwerter werden üblicherweise nur als Grabbeigaben gefunden.“

Die typischen Grabhügel jener Zeit, von denen bis vor mehr als 100 Jahren wesentlich mehr erhalten waren, sind oft noch an Waldrändern zu finden. „Die Annahme ist legitim, dass das Schwert aus einem abgepflügten Grabhügel stammt und später auf einem modernen Kartoffelroder gelandet ist.“ Denn: „Wir wissen, dass in der direkten Nachbarschaft des Fundortes eine der schönsten Gräbergruppen Nordost-Niedersachsens liegt, nämlich die Steingräber von Haaßel.“ Die sind allerdings älter und stammen aus der Steinzeit. „Aber da waren auch Grabhügel. Und diese Ecke hat schon früher das Interesse der hiesigen Altertumsforscher auf sich gezogen.“ So verzeichnete der Kammerherr Georg Otto Carl von Estorff in einer 1846 gedruckten archäologischen Karte, wie zahlreich einst die vorgeschichtlichen Grabhügel waren. Die Angaben für den Bereich Altenmedingen schwanken allerdings zwischen 35 und 36 „Steindenkmalen“ und 68 oder 73 „Erddenkmalen“ — wie Perlen an einer Schnur aufgereiht. Jedenfalls sind von den Steingräbern nur noch vier übrig und auch von den Grabhügeln ist kaum noch etwas zu sehen.

Im Bereich der Fundstelle des Schwertes war kein Grabhügel verzeichnet, aber quasi einen Steinwurf oder eine Kartoffelroder-Ladung entfernt in Richtung der Haaßeler Steingräber an der Gemarkungsgrenze Altenmedingen-Haaßel und Secklendorf. Also setzte sich Gehrke mit Dr. Friedrich Laux zusammen, der 1970 bis 1975 am Lüneburger Museum wirkte sowie 1977 bis 2001 am Hamburger Museum für Archäologie. Gehrke: „Laux hat über die Lüneburger Bronzezeit promoviert und hat jeden Bronzezeitfund in ganz Niedersachsen persönlich in der Hand gehabt.“ Gemeinsam durchforsteten sie die Bestandslisten der Museen Lüneburg und Hannover nach Bronzezeit-Funden aus Altenmedingen-Haaßel und Secklendorf — und wurden fündig.

Gehrke: „Wir orientierten uns bei der Recherche an dem Zeitraum, in dem die Grabhügel zerstört wurden. Dazu muss man wissen, dass im 19. Jahrhundert viele Bauern aus Abhängigkeit vom Grundherrn entlassen wurden und auf eigene Faust wirtschaften konnten. Die mussten aber eine Menge Kredite zurückzahlen und jede Menge Land unter den Pflug nehmen. Dabei sind, teils aus Unwissenheit, viele archäologische Denkmäler zerstört worden.“ Also zwischen 1864 und der nächsten Zählung 1914. Im Lüneburger Katalog ist ein passender Fund verzeichnet. Gehrke: „Ich war ganz entzückt.“

Es handelt sich um zwei wertvolle Tracht-Bestandteile einer bronzezeitlichen Frauenbestattung, eine Haarknotenfibel und eine Gewandfibel — aber nicht mehr so gut erhalten, wie die vom Typ Deutsch Evern, die im Museum ausgestellt ist.

Die beiden Fibeln aus dem Kreis Uelzen wurden von einem Sammler namens Wellenkamp Ende des 19. Jahrhunderts aufgetan mit der Fundortbezeichnung Secklendorf. Gehrke: „Der hat möglicherweise an der gleichen Grabhügelgruppe gebuddelt, aus der wahrscheinlich auch das Schwert stammt.“ Und: „Das Faszinierende ist: Diese Frauenbestattung ist von der Datierung her genauso alt, wie das Schwert.“ Und da könne man laut Gehrke nun herrlich spekulieren. „Ein Ehepaar stirbt wahrscheinlich hintereinander und wird in der familien­eigenen Grabhügelgruppe vor mehr als 3400 Jahren beigesetzt. Am Ende des 19. Jahrhunderts haben wirtschaftliche Zwänge die Zerstörung der Grabhügel vorangetrieben und die Bestattungen werden auseinandergerissen. Und mehr als 100 Jahre später werden sie im Museum Lüneburg wieder vereint.“

Dietmar Gehrke und Dr. Friedrich Laux haben das Thema jetzt auch zum Gegenstand eines wissenschaftlichen Aufsatzes gemacht: „Ein bronzezeitliches Schwert aus dem Umfeld der Königsgräber von Haaßel bei Altenmedingen im Landkreis Uelzen“.