Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Nach 118 Jahren hat das genossenschaftliche Krankenhaus in Salzhausen am Freitag endgültig seine Tore geschlossen. In den vergangenen Monaten ist die Einrichtung zu einem Gesundheitszentrum umgewandelt worden. Foto: A/pet
Nach 118 Jahren hat das genossenschaftliche Krankenhaus in Salzhausen am Freitag endgültig seine Tore geschlossen. In den vergangenen Monaten ist die Einrichtung zu einem Gesundheitszentrum umgewandelt worden. Foto: A/pet

Krankenhaus Salzhausen: Aus nach 118 Jahren

uk Salzhausen. „Das ist einfach nur sehr traurig.“ Inge Gielau findet knappe, aber deutliche Worte, wenn sie über das Krankenhaus Salzhausen spricht. Kein Wunder: 32 Jahre lang hat die heute 81-Jährige hier gearbeitet, trug davon mehr als 20 Jahre als Pflegedienstleitung maßgeblich Verantwortung für Patienten und Mitarbeiter. Seit Freitag, 18. Dezember, ist die Klinik nun Geschichte: Der letzte Patient hat seinen Koffer gepackt. Das Ende einer 118-jährigen Ära kommt nach Jahren der Unsicherheit und des Gezerres um die Trägerschaft nicht überraschend, aber für Inge Gielau nicht weniger schmerzhaft: „Ich hätte niemals geglaubt, dass das Krankenhaus mal nicht mehr existiert“, gesteht sie.

Nicht wenigen Salzhäusern geht es ähnlich. Denn für sie geht mit dem Aus für die Klinik auch ein Stück örtliche Identität verloren. Das hat damit zu tun, dass das Krankenhaus mit seiner genossenschaftlichen Struktur schon immer als Gemeinschaftsaufgabe betrachtet wurde (s.Kasten). „Bei uns war alles sehr persönlich“, erinnert sich Inge Gielau, „man kannte die Patienten und ihre Familien.“ Zugleich genoss das Haus auch medizinisch einen guten Ruf — für Inge Gielau das richtige Rezept zur Genesung: „Die Patienten fühlten sich geborgen und sind gesund geworden.“

Zuletzt war allerdings das Haus selbst ein schwerer Krankheitsfall: Nachdem im Juni 2011 noch zwei neue Operationssäle mit einer Investitionssumme von 6,2 Millionen Euro in Betrieb genommen wurden, musste die Klinik im Sommer 2013 die Insolvenz beantragen. Verhandlungen mit privaten Investoren scheiterten. Schließlich übernahm 2014 der Landkreis Harburg die Verantwortung für den Klinikbetrieb mit 120 Angestellten und 47 Betten. Seitdem wird der Standort unter dem Dach der Krankenhäuser Winsen und Buchholz als gemeinnützige GmbH umgewandelt mit dem Ziel, ein ambulantes Gesundheitszentrum zu etablieren. Eine Jobgarantie für die Mitarbeiter und die Zusage, den stationären Betrieb wenigstens für drei Jahre zu erhalten, sollten den tiefen Einschnitt abfedern.

Nun geht alles schneller: Die Urologie-Abteilung zog bereits Ende September in das Krankenhaus Buchholz um. Mit der Chirurgie, zuletzt als Nebenstelle des Krankenhauses Winsen betrieben, schließt nun die letzte verbliebene Abteilung ebenso wie Cafeteria und Küche. Den Grund dafür nennt Norbert Böttcher, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft: „Der Bedarf war nicht so groß wie ursprünglich angenommen.“ Zuletzt seien nur noch drei bis fünf Patienten pro Woche behandelt worden. „Das zeigt uns aber auch, dass die Patienten das hervorragende Angebot in Winsen und Buchholz bereits gut angenommen haben.“ Dort sind inzwischen auch etliche der Mitarbeiter untergekommen. Nun soll das zum Teil unter Denkmalschutz stehende Gebäude saniert werden, damit neue Nutzer einziehen können. „Wir führen Gespräche mit zahlreichen Interessenten“, sagt Böttcher, im Gespräch seien unter anderem eine Tagespflege, eine Kurzzeitpflege, Praxen für Physiotherapie, Logopädie und eine Hebammenpraxis. Sie könnten die vorhandene internistische Praxis ergänzen.

Laut Böttcher hat der Landkreis zudem beschlossen, die Rettungswache zu erweitern: „Da hoffen wir auf ein zweites Fahrzeug.“ Mit Kosten von 4,5 bis fünf Millionen Euro rechnet man beim Landkreis für die Umwandlung. Investitionen, die den Gesundheitsstandort Salzhausen erhalten sollen — wenn auch in anderer Form als bisher. Böttcher: „Wir sind überzeugt: Das ist genau das, was die Region Salzhausen braucht.“

Haus mit Geschichte
Das Aus für das Krankenhaus Salzhausen bedeutet zugleich das Ende für das einzige genossenschaftliche Krankenhaus in Deutschland. Dieses war 1907 in das 1854 erbaute Amtsgericht Salzhausen eingezogen.
Bereits 1897 hatte der Landarzt Wilhelm Meinberg im Hause Mestmacher eine Krankenstation mit drei Betten eröffnet und den Krankenpflegeverein zu Salzhausen gegründet, der ein Jahr später als Genossenschaft eingetragen wurde. Neben einzelnen Bürgern und Bauern hatten sich auch sieben Gemeinden der Genossenschaft angeschlossen, die zuletzt 1197 Mitglieder hatte.
Mit Stolz verwies die Ortschronik schon im Jahr 1947 auf das „Gemeinschaftswerk der Heidebauern“, das sich am neuen Standort mit dem medizinischen Fortschritt entwickelte: Der erste Operationssaal wurde 1921 eingerichtet, eine Röntgenabteilung 1937. Nach Anbauten an Ostseite (1985) und Westseite (2011) erhöhte sich die Bettenkapazität auf 80 Betten in den Abteilungen Innere Medizin, Chirurgie und Urologie. 2010 wurden 2726 Patienten stationär und 6238 ambulant behandelt. uk