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Über sechs Jahre hinweg päppelte der Naturschützer Dieter Liehmann die alte Eiche vor der Hittberger Martinskirche wieder auf. Erst, wenn sie wieder Blätter trägt, wird man sehen, wie gut sie sich erholt hat. Foto: t&w
Über sechs Jahre hinweg päppelte der Naturschützer Dieter Liehmann die alte Eiche vor der Hittberger Martinskirche wieder auf. Erst, wenn sie wieder Blätter trägt, wird man sehen, wie gut sie sich erholt hat. Foto: t&w

Hittbergen: Die Rettung eines Riesen

emi Hittbergen. Rund 800 Jahre alt ist sie und sagenumwoben: die uralte Eiche vor der Martinskirche gilt als Wahrzeichen des Dorfes Hittbergen. Vor mehr als 30 Jahren drohte der stattliche Baum abzusterben, erfolglose Rettungsbemühungen und verfrühte Abschiedsbekundungen waren die Folge. Bis im Jahr 2006 Dieter Liehmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) der Eiche eine Kur mit Effektiven Mikroorganismen (EM) verpasste – und den Riesen vorerst heilte. Diese langwierige Rettung lässt Karin-Ose Röckseisen noch einmal im Scharnebecker Heimatkalender 2016 Revue passieren. Wie aktuell das Thema ist, zeigen die Diskussionen um die geplante Fällung der vom Brandkrustenpilz befallenen Blutbuche im Lüneburger Liebesgrund.

Vor neun Jahren sprang Dieter Liehmann, Agraringenieur im Ruhestand, der schlechte Zustand der Hittberger Eiche ins Auge: Die Blätter blieben mickrig, der Baum trug zwar viele, aber nur sehr kleine Eicheln. Für ihn ein eindeutiges Zeichen dafür, dass es dem Baum nicht gut ging. Mit den vielen Eicheln habe die Pflanze verzweifelt versucht, die Vermehrung sicherzustellen, sich aber verausgabt.

Dieter Liehmann war sofort klar: Er wollte helfen. Aber statt zu chemischen Mitteln griff er zu den Effektiven Mikroorganismen, die er auch an Nutz- und Zierpflanzen im eigenen Garten einsetzte. Die unsichtbaren Helfer sollen eine schnelle Vermehrung von nützlichen natürlichen Mikroorganismen im Boden und somit Wachstum und Qualität der Pflanze fördern (siehe Info-Text).

Über den Zeitraum von sechs Jahren hinweg rückte der Naturschützer dem Naturdenkmal jeweils viermal während der Vegetationszeit mit der Gießkanne zu Leibe, verteilte je 50 Liter EM in einer mit Wasser verdünnten Mischung rund um die Eiche und auf dem Stamm, zahlte für die jeweils rund 180 Euro teuren Behandlungen notfalls einen Zuschuss aus eigener Tasche. „Der Boden sollte sich verändern“, sagt Dieter Liehmann im Rückblick. „Das war wahrscheinlich der Schlüssel zur Besserung.“ Denn nach sechs Jahren stellte der Adendorfer zufrieden fest: „Der Baum hatte sich optisch so gut erholt, dass ich eine Pause einlegen konnte.“ Ob die Eiche endgültig gerettet ist? „Das weiß man nie“, sagt Liehmann. Auch heute noch guckt der 76-Jährige regelmäßig nach seinem knorrigen Patienten in Hittbergen.

Dagegen droht einem weiteren Baum das Aus: Die rund 100-jährige, stattliche Blutbuche im Lüneburger Liebesgrund ist von einem Pilz befallen und soll laut Stadt Anfang des kommenden Jahres gefällt werden. Könnten nicht auch dort effektive Mikroorganismen helfen? „Einen Versuch ist es wert“, meint Liehmann.

Anders sieht man das bei der Stadt. Auf die Frage, ob diese Behandlung infrage komme, sagt Pressesprecher Daniel Gritz: „Ich habe beim Institut für Baumpflege in Hamburg nachgefragt, das damals auch das Gutachten für uns erstellt hat. Dort wurde mir gesagt, dass ein Baum, der von einem Pilz befallen ist, nicht geheilt werden kann.“ Insofern stelle sich die Frage nicht.

Dieter Liehmann ist von dieser Aussage nicht überrascht. „Das ist die gängige Meinung in Deutschland, die Effektiven Mikroorganismen sind bisher nicht besonders etabliert.“ Doch der Naturschützer ist überzeugt: „Bei so einem Prachtexemplar sollte man jede Mühe auf sich nehmen.“

Die Rettung des Hittberger Wahrzeichens ist nur eine von zwölf Geschichten im neuen Scharnebecker Heimatkalender, den der Verein für Heimatkunde im Raum Scharnebeck erstellt hat. Er kostet sechs Euro und liegt schon jetzt in verschiedenen Geschäften und Rathäusern in Scharnebeck (Samtgemeinde, Gemeinde und Sparkasse), Hohnstorf (Sparkasse und Edeka Lange) sowie Artlenburg (Edeka) aus.

Hintergrund
Effektive Mikroorganismen (EM) bestehen überwiegend aus Milchsäurebakterien, Hefe und wenigen Photosynthesebakterien, Aktinomyceten und anderen Pilzarten. EM funktionieren nach dem Prinzip: Wo sich die guten Organismen ausgebreitet haben, ist kaum noch Platz für die schlechten.

Hinzu kommt, dass EM-Mischungen selbstreinigend sind, das heißt, der eine Organismus lebt von den Stoffwechselprodukten des anderen. Der Boden erlangt somit durch EM seine natürliche Fruchtbarkeit zurück, die Anfälligkeit für Krankheiten wird reduziert und das gesamte System gestärkt. Der japanische Agrarwissenschaftler Teruo Higo entdeckte 1981 per Zufall die positive Wirkung von EM-Mischungen. Enttäuscht von Versuchen mit Mikroorganismen kippte er alle zusammen und schüttete die Brühe vor sein Labor an der Universität Okinawa. Dort spross das Gras bald prächtig.