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Angelina Yve Grace aus Neuseeland bringt Flüchtlingskindern wie dem elfjährigen Salah (l.) und Mortada (10) im Welcome and Learning Center, also dem Willkommens- und Lernzen­trum an der Bleckeder Landstraße, Englisch bei. Die beiden kommen aus Syrien und dem Irak. Foto: t&w
Angelina Yve Grace aus Neuseeland bringt Flüchtlingskindern wie dem elfjährigen Salah (l.) und Mortada (10) im Welcome and Learning Center, also dem Willkommens- und Lernzen­trum an der Bleckeder Landstraße, Englisch bei. Die beiden kommen aus Syrien und dem Irak. Foto: t&w

18000 Kilometer geflogen, um Flüchtlingskinder zu unterrichten + + + Mit LZplay-Video

ap Lüneburg. Das Geld hätte eigentlich gereicht. Wenn Angelina Yve Grace wie geplant am 10. Dezember wieder zurück in ihre Heimat Neuseeland geflogen wäre. Doch die 23-Jährige konnte nicht, blieb länger, um in Lüneburg Flüchtlingen zu helfen. Um sich diese ehrenamtliche Hilfe leisten zu können, hat sie jetzt sogar ihr Auto in der Heimat verkauft.

„Ich will noch lange bleiben, mindestens ein Jahr“, sagt die junge Frau, die 18000 Kilometer zurücklegte, um im „Welcome and Learning Center“ an der Bleckeder Landstraße arbeiten zu können — unbezahlt. Jeden Tag steht sie in der Vi­trine, die eigentlich Treffpunkt des Kulturvereins Zum Kollektiv ist. „Eigentlich müsste mein Bett hier stehen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. „Wenn alle Lichter aus sind und man denkt, hier ist keiner mehr, wusel ich noch irgendwo hier rum.“ Auch heute, an Heiligabend, wird sie die Tür aufschließen.
Kein Camp wollte sie haben

Warum kommt jemand aus Neuseeland, um zu helfen? Angelina Yve Grace hat am anderen Ende der Welt mitbekommen, wie viele Flüchtlinge plötzlich nach Deutschland kamen. Eine besondere Situation, die besonderen Einsatz erforderte: Am 21. Oktober stieg sie in den Flieger nach Deutschland. „Anfangs fühlte ich mich verloren, weil ich kein Camp fand, das mich helfen lassen wollte“, erinnert sie sich. Dann stößt sie durch eine Bekannte auf das „Welcome and Learning Center“ in Lüneburg, hier wurde sie gebraucht.

Ihre Empathie, die soziale Ader — das rühre aus ihrer Kindheit: „Ich bin auf einer Farm aufgewachsen ohne Strom. Tiere haben an meinem Fußende geschlafen“, erzählt sie. Man könne sich das vorstellen wie in einer großen Garage. Mit sechs anderen wurde sie auch zu Hause unterrichtet. „Das System war nicht gut. Als ich mit zwölf Jahren auf eine normale Schule kam, habe ich mich wie ein Idiot gefühlt“, erinnert sie sich. Es stellte sich heraus: Angelina Yve Grace ist Legasthenikerin. „Zahlen machten für mich noch nie Sinn“, scherzt sie. Immer wieder muss sie laut vor der Klasse lesen, wird immer schüchterner und schüchterner.

„Ich habe mir geschworen, Kinder anders zu behandeln“, sagt die Neuseeländerin, die in Lüneburg heute selbst unterrichtet, Kindern Englisch beibringt, ihnen in der aktuellen Krise und in der neuen Heimat durch Bildung erstmal eine Aufgabe geben will, auf die sie sich fokussieren können. Doch auch die Eltern will sie erreichen, ihnen Hoffnung und Inspiration geben.

50 Flüchtlinge kommen über den Tag verteilt ins Lernzen­trum. Zehn feste Ehrenamtliche und etwa 60, die hin und wieder mal aushelfen, gehören zum Team. „Ich habe Stifte, Papier, Essen und auch Transportkosten für Flüchtlinge aus eigener Tasche bezahlt“, sagt die Neuseeländerin, die das Zentrum kurz nach der Eröffnung in einem spärlich ausgestatteten Zustand vorfand. So langsam aber gehe auch ihr das Geld aus, im Januar müsse sie sich wohl noch einen Nebenjob suchen, einen bezahlten. „Ich lebe den Tag, darüber mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist.“ Der spontane Auto-Verkauf verschafft etwas Luft. In ihrer Heimat habe sie als Lehrerin für Kinder und als Babysitterin gearbeitet, habe Reitunterricht für Menschen im Rollstuhl gegeben. Zuletzt habe sie ein Bed and Breakfast Hostel in Wellington geführt. „Es gehört sehr guten Freunden von mir, ich kann jederzeit zurückkommen und wieder anfangen“, weiß Angelina Yve Grace, der diese Sicherheit viel Rückhalt gibt.

Aber momentan werde sie an anderer Stelle dringender gebraucht. „Ich bleibe lieber hier bei dieser Familie als bei meiner richtigen“, sagt sie frei heraus, denn ihr Herz sei jetzt an diese Kinder gebunden. Und die Motivation steige immer noch. Täglich holt sie Kinder aus der Theodor-Körner-Kaserne ab, um sie zu unterrichten. „Tagsüber haben sie nichts zu tun. Hier haben sie eine Chance, etwas zu lernen.“ Besonders die abendlichen Klavierstunden nach dem Sprachunterricht kommen gut an.

„Langeweile ist das große Problem für viele Flüchtlinge“, glaubt die 23-Jährige. „Manche fangen an zu trinken, zu rauchen — und plötzlich stehen die Flüchtlinge schlecht da.“ Dabei sei das nicht ihre Schuld, in diese schreckliche Situation ohne Zuhause, ohne Bildung, ohne Job geraten zu sein, findet Angelina Yve Grace. „Alkohol wird zu einer Art Freizeitbeschäftigung, und das ist nicht gut.“ Die Menschen seien so gebildet, talentiert und wissbegierig. Doch sie befürchtet auch: „Wenn das so weiter geht, dass die Bewilligung der Anträge so lange dauert, werden wir vielleicht das Schlechteste in diesen Menschen zu Gesicht bekommen.“