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Zwei Monate früher als gewöhnlich steht der Schneeball in voller Blüte. Gärtnermeister Franz Darger sagt: Die Pflanze kennt keinen Kalender, denkt aber, es ist Frühling. Foto: t&w
Zwei Monate früher als gewöhnlich steht der Schneeball in voller Blüte. Gärtnermeister Franz Darger sagt: Die Pflanze kennt keinen Kalender, denkt aber, es ist Frühling. Foto: t&w

Winterwärme sorgt für Irritationen

cec Lüneburg. Bienen bekommen Frühlingsgefühle. Menschen vermissen die richtige Weihnachtsstimmung. Pferde schwitzen beim Ausritt unter ihrem dicken Winterfell. Stare und andere Kurzstreckenzieher verzichten auf die Kraftanstrengung des Vogelzuges und suchen sich ihr Futter lieber hier. Und so mancher macht momentan im Garten außergewöhnliche Entdeckungen, weil zum Beispiel die Rosen immer noch und die Narzissen schon wieder blühen. Der Dezember irritiert mit milden Temperaturen. Und die sind nicht nur gefühlt. Bis ins Jahr 1853 reichen die Wetter-Aufzeichnungen für den Raum Lüneburg zurück, sagt Eckhard Möller von der Klimaabteilung des Deutschen Wetterdienstes, doch der letzte Monat in 2015 breche sämtliche Rekorde: „Das wird mit einer prognostizierten Durchschnittstemperatur von 7,3 Grad der mit Abstand wärmste Dezember seit mehr als 160 Jahren. Silvester wird mit schätzungsweise noch fünf Grad der kühlste Tag. Das ist unglaublich und außergewöhnlich.“

Damit schlägt er locker den bisher wärmsten Dezember von 1974 mit 6,3 Grad im Schnitt. Das wärmste Jahr werde 2015 aber nicht, das bleibe 2014. Einen Rekord stellt jedoch die Sonne auf, die mit 1610 Stunden schon über dem Jahresmittel von 1590 Stunden liegt.

Zurückzuführen ist die anhaltend milde Witterung auf den Jetstream, der meteorologische Begriff für Starkwindbänder, die in fünf bis sechs Kilometern Höhe die Luftmassen bewegen. Eigentlich weise der Jetstream ein Wellenmuster auf, das alle zwei, drei Wochen wechsele. Doch seit Anfang Dezember zeigt sich der Luftstrom stabil, bringt Luftmassen über den Atlantik, Spanien und Frankreich nach Deutschland und sorgt hier für eine frühlingshafte Großwetterlage. Und nicht nur hier: Selbst in Lappland ließe Väterchen Frost derzeit noch auf sich warten. Auch bestehe in nächster Zeit keine Aussicht auf Veränderung: „Zu allem, was über den 7./8. Januar hinaus geht, kann man nichts Seriöses sagen. Aber einige Klimamodelle prognostizieren auch einen zu warmen Januar.“

Langanhaltende Jetstream-Einflüsse habe es durchaus schon häufiger gegeben, erklärt der Meteorologe: „2010 beispielsweise hatten wir aufgrund dessen den kältesten Dezember.“ Dennoch schließt er den Klimawandel als Verursacher nicht aus: „Dadurch scheint das Jetstream-Wellenmuster öfter mal länger zu verweilen.“

Auf die meisten Menschen würden sich die milden Temperaturen nicht negativ auswirken, so der Wetterexperte: „Leuten mit Kreislaufschwäche oder niedrigem Blutdruck geht es vielleicht nicht so gut.“

Sorgen äußern allerdings Landwirte wie Jochen Hartmann aus Rettmer: „Die Kartoffeln, die beim Roden daneben fallen, frieren nicht kaputt.“ Im Folgejahr wachsen sie mitten im Getreide-Acker, bilden neue Knollen. „Und wir haben jedes Jahr mehr Kartoffeln auf dem Feld.“ Auch hätten Viren leichtes Spiel, die über Blattläuse übertragen werden, wenn die alten Läuse nicht absterben. Winterweizen und -gerste könnten mit dem Gelbzwergvirus infiziert werden, Kartoffeln mit dem Blattrollvirus. Um präventiv einzugreifen, sei es zu spät. „Die Maschinen sind eingewintert, die Felder sowieso zu nass zum Befahren.“ Mäuseplagen wie im Süden Deutschlands habe es hier noch nicht gegeben, sind für Hartmann aber durchaus vorstellbar. „Es ist schon so, dass in den letzten Jahren immer mehr Mäuse da waren.“ Er hofft jetzt auf einen fetten Frost, „um einmal den Tisch sauber zu machen“.

Leichte Verschiebungen macht Gärtner Franz Darger aus. Einige Pflanzen würden früher blühen als sonst. „Die Zierkirsche beispielsweise fängt jetzt schon an zu schieben, auch der Schneeball steht seit Ende November in voller Blüte, normalerweise erst ab Januar, Februar.“

Durcheinander auch im Bienenstock: An sich können die Insekten Frost gut ab, ziehen sich zu einer Wintertraube zusammen, in der sie sich durch Muskelzittern gegenseitig wärmen. „Aber bei diesen Temperaturen werden sie munter und fliegen raus“, erklärt Gundolf Irle vom Kreisimkerverein. „Beim Kuscheln im Stock sparen sie Energie, wenn sie rumfliegen, brauchen sie mehr Nektar, den finden sie aber draußen nicht, verbrauchen darum ihre Wintervorräte.“ Dramatisch sei das nicht. „Gegebenenfalls füttern die Imker im Frühjahr zu.“

Lebensgefährlich werde es aber für Wildbienen und Hummeln, wenn der Winter doch noch einbricht, meldet die Deutsche Wildtier Stiftung. Krabbeln diese im Frühlingsmodus zu früh aus ihren Winterquartieren, finden sie bei einsetzendem Frost keine Nahrung mehr und sterben. Andererseits profitierten von der Wärme Wildschweine, Reh- und Rotwild, Sing- und Greifvögel, denen die Nahrungssuche jetzt leicht fällt. Großer Gewinner sei der Eisvogel, der auf eisfreie Gewässer angewiesen ist. „In strengen Wintern können bis zu 50 Prozent aller Eisvögel sterben“, sagt Dr. Andreas Kinser von der Wildtier Stiftung.

Generell verändern die hiesigen Vögel ihr Verhalten, heißt es vom NABU. Kurzstreckenzieher wie Stare, Bachstelzen und Hausrotschwänze blieben hier, Zaunkönig und Rotkehlchen würden kräftiger singen. Auch der Kranich, Symbol für Glück, findet ohne geschlossene Schneedecke ausreichend Nahrung — sicher ein gutes Omen für 2016.