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Unscheinbar steht der Stein an der Schießgrabenstraße. Er zeigt die Entfernung nach Berlin an, aber er ist auch ein Symbol, das an die Diktatur der DDR und die deutsch-deutsche Grenze erinnert. Foto: ca
Unscheinbar steht der Stein an der Schießgrabenstraße. Er zeigt die Entfernung nach Berlin an, aber er ist auch ein Symbol, das an die Diktatur der DDR und die deutsch-deutsche Grenze erinnert. Foto: ca

Meilenstein an der Schießgrabenstraße: Nur 260 Kilometer, aber fast unerreichbar

ca Lüneburg. Wenn die Ampel an der Scholze-Kreuzung Rot zeigt, fällt der Blick vielleicht auf den Stein, der auf der Lösegrabenseite der Schießgrabenstraße steht: Ein Bär ist hineingeschnitten und die Information „Berlin 260 Kilometer“. Was wie eine eigentümliche Entfernungsangabe wirkt, erinnert aber an ein Stück verblassender deutsch-deutscher Geschichte: die Teilung — und an den ehemaligen Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt.

Man muss sich ein bisschen Zeit nehmen, um im Stadtarchiv in vergilbten Aktenvermerken, LZ-Artikeln und flammenden Pamphleten eine Stimmung aufzuspüren, die sechs Jahrzehnte zurückliegt. Deutschland hatte einen Krieg angezettelt, der Millionen Menschen das Leben kostete und der sich bald nach 1945 in einem kalten Krieg fortsetzte. Die Welt teilte sich in zwei Blöcke, die Grenze lief durch Deutschland und Berlin, zwischen Bundesrepublik und Deutscher Demokratischer Republik (DDR). Das Bild: hüben die Freiheit, drüben der Kommunismus, der die „Brüder und Schwestern“ in der Ostzone unterdrückte.

Ein entscheidendes Datum — auch für den Stein — ist der 17. Juni 1953. Damals gingen in Ostberlin Arbeiter auf die Straße, sie hatten bei zwei Großbaustellen die Arbeit niedergelegt. Der Hintergrund: Die DDR hatte Arbeitsnormen erhöht — mehr arbeiten für das gleiche Geld aus Begeisterung für den Sozialismus. Doch von dem hatten die Menschen die Nase voll. Die Staatsführung schlug den Aufstand mithilfe der sowjetischen Roten Armee blutig nieder. Empörung im Westen.

Hans-Christoph Seebohm, Verkehrsminister im Kabinett Adenauer, gab im November 1953 die Anweisung, dass „Meilensteine“ die Verbindung Westdeutschlands mit Berlin dokumentieren sollten. Die Regierung gab 17 solcher Steine in Auftrag, den ersten weihte Bundespräsident Theodor Heuss im Januar 1954 an der Autobahn Köln-Frankfurt ein, 25 Kilometer vom Regierungssitz Bonn entfernt. Aus diesem Anfang wurde eine Bewegung.
Die griff das äußerst konservative „Kuratorium unteilbares Deutschland“ auf. Auch in Lüneburg gab es einen Bezirksverband, dessen Vorsitzender, Oberverwaltungsgerichtsrat Alard von Schack, trat an die Stadt heran: Sie brauche so einen Stein — sichtbar. In einem Verwaltungsvermerk aus dem April 1957 heißt es, man möge als „Zeichen der Verbundenheit mit der früheren Reichshauptstadt und der Ostzone einen Meilenstein für Berlin auf dem Sand aufstellen“. Und zwar pronto, nämlich in Anlehnung des niedergeschlagenen Aufstands bereits am 17. Juni.

Drei Wochen später liegt ein Kostenvoranschlag vor, 750 Mark soll der geschliffene Sandstein kosten. Doch vom Sand hält die Verwaltung nichts: Das Gedenken verschwände aus dem Blick, zwischen parkenden Autos wäre er nicht zu sehen. Der Sand war damals Hauptverkehrsstraße, die B4 lief über den Platz. Besser sei die „Entlastungsstraße“, also die Schießgrabenstraße.

Doch so schwer das nationale Herz den Takt der damals noch unvorstellbaren Wiedervereinigung auch pocht, aufs Geld gucken die Herren im Rathaus und Rat durchaus. Die Stadt werde den Erinnungsklotz alleine nicht finanzieren. Lange Gesichter bei von ­Schack und seinen Mitstreitern, die 200 Mark als Beteiligung in Aussicht gestellt hatten. Der 17. Juni verstreicht. Ohne Stein.

Doch von Schack macht weiter, findet Geldgeber. Erntet im Januar 1958 Zustimmung im Verwaltungsrat. Die Stadt gibt 200 Mark und sichert zu, „die Kosten für die laufende Unterhaltung zu übernehmen“. Am 17. Juni 1958 ist es soweit. Der Meilenstein steht. Für ein Foto reihen sich Pfadfinder rechts und links auf, später feiert Lüneburg auf dem Markt. Nicht nur Konservative, auch die Gewerkschaften sind dabei.

Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von Westberlin und der Mann, der als Bundeskanzler später in Warschau niederkniet und um Vergebung für die Kriegsgräuel bittet, schickt ein Telegramm: „Für die Errichtung des Berlinsteins am Tage der Deutschen Einheit, an dem überall die Menschen zusammenfinden, um der Opfer der Gewaltherrschaft zu gedenken, sage ich im Namen aller meiner Mitbürger in Ost und West herzlichen Dank.“

Über den Standort diskutieren die Herren noch einmal. Die Ecke Munstermannskamp/Uelzener Straße wäre fein, zur Begrüßung gleich an die Einheit und Berlin denken. Am Ende bleibt es bei der Schießgrabenstraße. Und wenn wir heute im Stau stehen, gucken wir auf ein Stück Geschichte und einen Zeitensprung, der vor 60 Jahren wohl nur für realistische Phantasten wie Willy Brandt vorstellbar war: ein wiedervereintes Deutschland.

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  1. Auszüge aus dem Artikel von Alard von Schack
    »Der geistige Kampf in der Koexistenz«, den er 1962 in der BRD-Zeitschrift
    »Außenpolitik« :

    „Schack schreibt: »Wie bei uns das Entstehen von Revolutionslagen zu verhindern ist und bestehende Revolutionslagen gemildert und beseitigt werden müssen, so sind auf der Gegenseite im unerbittlichen
    geistigen Wettbewerb der Koexistenz Revolutionslagen zu schaffen
    und zu verschärfen. Unser Gedankengut ist in das öffentliche Leben der kommunistischen
    Staaten mit allen Mitteln der modernen Propaganda auf psychologisch geschickte Weise einzuschleusen. Unter Ausnutzung nationaler Verschiedenheiten, religiöser Überlieferungen, auch menschlicher Schwächen wie der Neugier, der weiblichen Eitelkeit, der Sehnsucht nach Vergnügen ist
    die Indifferenz zu den Zielen der kommunistischen Staatsführung zu fördern.
    Wirtschaftliche, moralische und andere Mißstände, … sind schonungslos aufzuzeigen
    mit dem Ziel, die Bevölkerung bis zum passiven Widerstand (›Arbeite langsam!‹) und zur Sabotage zu bringen.“