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Kirstin Linck, stellvertretende Vorsitzende des Behindertenbeirates, empfindet die Grünphasen der Lüneburger Ampeln als zu kurz. Man schaffe es meist nur auf die Mittelinsel, das sei nicht schön für Sehbehinderte, da die Autos vor und hinter einem langbrausen würden. Foto: t&w
Kirstin Linck, stellvertretende Vorsitzende des Behindertenbeirates, empfindet die Grünphasen der Lüneburger Ampeln als zu kurz. Man schaffe es meist nur auf die Mittelinsel, das sei nicht schön für Sehbehinderte, da die Autos vor und hinter einem langbrausen würden. Foto: t&w

Kurze Ampel-Grünphasen erschweren Senioren und Menschen mit Behinderungen das Überqueren einer Straße

ap Lüneburg. Immer wieder beschweren sich Lüneburger am LZ-Lesertelefon über die aus ihrer Sicht oft zu kurzen Ampel-Grünphasen. Vor allem Senioren und Menschen mit Behinderungen schaffen es bei Grün oft nicht über die Straße, werden auch mal angehupt oder machen auf halbem Wege kehrt. Die LZ hat nachgefragt, was den Senioren- und Behindertenbeirat konkret stört und wie das Lüneburger Ampelsystem eigentlich funktioniert.

Kirstin Linck ist stellvertretende Vorsitzende des Behindertenbeirats. Sie ist fast blind und hat bei vielen Ampeln in Lüneburg Probleme. Es seien zwar viele schon mit akustischen Signalen ausgestattet, aber die Grünzeit sei immer noch sehr kurz. Meist schaffe man es nur mit einem Halt auf der Mittelinsel über die Straße. „Das ist nicht angenehm, wenn vor und hinter einem die Autos entlangbrausen. Zumal man da auch komplett ungeschützt steht“, moniert sie. Auch wenn sie selbst die Autofahrer meist als rücksichtsvoll erlebe, gebe es da eben auch welche von der ungeduldigen Sorte.

Die Überquerungshilfen, die Kirstin Linck kritisiert, empfindet Wolfgang-Peter Paul vom hiesigen Seniorenbeirat dagegen als hilfreich: „Da können ältere Menschen sicher stehen bleiben. Außerdem stören sie den Verkehr nicht“, erklärt er. Die angesprochene Problematik der zu kurzen Grünphasen kann er allerdings bestätigen, denn das grüne Licht sei auch in den Sprechstunden des Seniorenbeirats ein Dauerbrenner. „Senioren gehen bei Grün los, nach Dreiviertel des Weges wird die Ampel Rot. Sie fragen sich dann oft: Darf ich trotzdem zu Ende gehen?“, erzählt er. Hier müsse die Stadt seiner Meinung nach dringend aufklären, wie man sich in solchen Fällen zu verhalten habe.

Fragt man Kirstin Linck nach einer konkreten Ampel, muss sie nicht lang überlegen: „Die Kreuzung beim Bürgeramt — da schaffen es nicht mal Normalmenschen bei einer Grünphase über die Straße“, sagt sie und stellt eine Vermutung auf: „Die Lüneburger Ampeln sind meiner Meinung nach so eingestellt, dass sie für Autos optimal sind.“

Tatsächlich läuft das Lüneburger Ampelsystem nach den Richtlinien für Lichtsignalanlagen, kurz RiLSA. In Kapitel 2.5.2 „Überfahrzeiten und Räumzeiten“ heißt es: „Der Regelwert für die Räumgeschwindigkeit von Fußgängern ist 1,2 Meter pro Sekunde. Variationen von 1,0 bis 1,5 sind möglich. Der untere Grenzwert soll nur dort eingesetzt werden, wo Furten überwiegend zum Schutz für mobilitätseingeschränkte Menschen eingerichtet werden. An allen anderen Lichtsignalanlagen ist eine Abminderung der Räumgeschwindigkeit nicht notwendig.“ Die Grünzeiten sollen also so lang sein, dass Fußgänger mit einer Gehgeschwindigkeit von 1,2 Metern pro Sekunde mindestens zwei Drittel der Fahrbahn überqueren können (Beispiel siehe unten).

Weiterhin gebe es Standards der Firma Siemens, „die wir mindestens einhalten, und zwar zugunsten von Fußgängern und Radfahrern“, sagt Stadtpressesprecher Daniel Gritz. Dennoch könne es mal zu Schwankungen bei den Grünphasen kommen, da die Ampeln miteinander koordiniert seien. „Sollte zum Beispiel mal eine gewartet werden oder es einen technischen Defekt geben, schaltet sie sich erst im nächsten Zyklus wieder mit zu, wenn sie im festgelegten Abfolge-Rhythmus wieder dran ist.“ Ein zu frühes Rot gebe es nicht, denn wer einen Fuß auf die Fahrbahn gesetzt hat, dürfe sie auch zu Ende überqueren, klärt der Stadtpressesprecher auf.

Die Grundregeln in §1 der Straßenverkehrsordnung untersagen es Autofahrern sogar, dann einfach loszufahren, selbst wenn für sie die Ampel auf Grün steht. „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr als nach den Umständen unvermeidbar behindert oder belästigt wird“, heißt es in der StVO.

Wer also hupt, wenn Senioren oder gehbehinderte Menschen sich bei Rot noch auf der Straße befinden, der macht sich eines Verstoßes gegen die Straßenverkehrsordnung schuldig. Lüneburg verstehe sich als fußgänger- und fahrradfreundliche Stadt. „Wir holen für Fußgänger und Radfahrer alles raus, was geht“, teilt der zuständige Fachbereich der Stadt mit.

Grünphasen zum Nachrechnen

Wie lange das grüne Licht an den Lüneburger Ampeln mindestens leuchten muss, kann man sich leicht selbst ausrechnen.

Die Stadt rechnet mit einer Durchschnitts-Gehgeschwindigkeit von 1,2 Metern pro Sekunde, wobei einzelne Ampeln auch kürzer oder länger getaktet sein können. Maßgebend für diesen Wert ist die Voraussetzung, dass jemand in dieser Zeit mindestens zwei Drittel der Fahrbahn überqueren kann.

Verfügt die Straße beispielsweise über zwei Spuren, die jeweils drei Meter breit sind, und einen Mittelstreifen von ebenfalls dieser Breite, muss der Passant bis zur anderen Straßenseite eine Strecke von neun Metern zurücklegen. Die Ampel muss also mindestens so lange auf Grün stehen, dass bei einem Tempo von 1,2 Metern pro Sekunde sechs Meter zurückgelegt werden können. 6 geteilt durch 1,2 ergibt 5. Zu diesen fünf Sekunden kommt noch die sogenannte Schutzzeit hinzu, da ein Fußgänger bei roter Ampel zu Ende gehen darf, wenn er sich bei Grün schon auf der Fahrbahn befand. Die Schutzzeit ist so bemessen, dass jemand die gesamte Strecke schaffen kann, also in diesem Fall eine Neun-Meter-Fahrbahn. 9 geteilt durch 1,2 ergibt 7,5, also aufgerundet 8 Sekunden Schutzzeit. Ein Fußgänger hat also insgesamt 13 Sekunden Zeit (5 + 8), um eine neun Meter breite Straße zu überqueren.