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Links: Astriede Singh zog mit ihrem Mann vor anderthalb Jahren von Hamburg nach Lüneburg. Die Stadt an der Ilmenau will sie nicht mehr missen. Rechts: Silvia Buchwald zog aus der Altmark nach Lüneburg, weil sie sich in ihrem Bauernhaus verloren gefühlt hat. In Lüneburg hat sie alles in Fahrradnähe, liebt den Wald, die Stadt und vor allem: das SaLü. Fotos: t&w
Links: Astriede Singh zog mit ihrem Mann vor anderthalb Jahren von Hamburg nach Lüneburg. Die Stadt an der Ilmenau will sie nicht mehr missen. Rechts: Silvia Buchwald zog aus der Altmark nach Lüneburg, weil sie sich in ihrem Bauernhaus verloren gefühlt hat. In Lüneburg hat sie alles in Fahrradnähe, liebt den Wald, die Stadt und vor allem: das SaLü. Fotos: t&w

Liebeserklärungen an Lüneburg

ap/us Lüneburg. Ein Jahr nicht arbeiten — damit hat sich Silvia Buchwald nach ihrem Umzug nach Lüneburg selbst beschenkt. „Ich habe mir geschworen, wenn ich eine Wohnung bekomme, bleibe ich erstmal zu Hause“, erzählt die 54-Jährige. Seit gut einem Jahr wohnt und lebt sie in Lüneburg. Genau wie Astriede Singh. Für die LZ erzählen die beiden Frauen, warum sie hergekommen sind und wie sie ihr erstes Jahr in Lüneburg erlebt haben.

Silvia Buchwald ist eigentlich Ur-Berlinerin, nach der Wende zog sie mit der ganzen Familie in die Altmark. Dort kaufte sie ein Bauernhaus mit einem 7000 Quadratmeter großen Grundstück, zog ihre beiden Kinder groß. „Wir haben zusammen das Land erkundet, dazu gehörte auch Hamburg, Uelzen und Lüneburg“, erzählt Buchwald, die mittlerweile sogar zweifache Oma ist. „In Lüneburg waren wir immer zum Shoppen oder im Kino“, erinnert sie sich. „Da habe ich die Stadt schon geliebt.“ Ihre Töchter zogen fürs Studium nach Hamburg, sie blieb allein zurück. „Da fragte ich mich: Was mache ich mit meinem Leben?“. Die lebenslustige Frau mit dem leichten Berliner-Akzent entschied, dass ihr Leben leichter werden sollte — ohne Verantwortung für Haus und Hof. „Ich wollte etwas für mein Herz tun, Sicherheiten waren nicht wichtig.“

Innerhalb einer Woche krempelte Silvia Buchwald daraufhin ihr ganzes Leben um. Sie kündigte ihren Job, zuletzt arbeitete sie in einer WG für Essgestörte, entschied sich kurzerhand für Lüneburg und lud das Auto mit ihren Habseligkeiten voll. Sie erkundete die Stadt, genoss die kurzen Wege, nutzte die Zeit, um zu lesen, zog Bahnen im SaLü und knüpfte neue Kontakte. Dann verwirklichte sie sich sogar noch einen kleinen Lebenstraum, achtete dabei erstmals nicht aufs Geld: eine Ausbildung zum Transformationstherapeuten. „Ich übe mich im Jetzt, als junger Mensch plant man ständig“, sagt sie. Flexibel wolle sie künftig mit sich sein, gut für sich sorgen, denn ihrer Meinung nach lebe jeder „viel zu sehr im Außen“.

Mittlerweile arbeitet Silvia Buchwald auch wieder, im August bekam sie eine Stelle als Kita-Leitung in Hamburg-Ochsenwerder. In Lüneburg habe es einfach nicht geklappt, 30 Jahre im sozialen Bereich seien hier nichts wert gewesen, sagt sie. „In Hamburg hat man meinen Lebenslauf angeguckt und war begeistert“, sagt die Neu-Lüneburgerin, die die täglichen Autofahrten nach Hamburg deshalb nicht nervig finde, weil sie „sehr schön an der Elbe entlang“ über Geesthacht fahre. Auch wenn der Alltag sie wieder eingeholt hat, mit dem Umzug nach Lüneburg hat Silvia Buchwald das erste Mal eine Entscheidung nur für sich getroffen. Nur eine afrikanischen Tanzgruppe fehle ihr noch zum Glück. „Ob ich für immer hier bleibe, weiß ich nicht. Das kommt darauf an, was mir noch so begegnet.“

Astriede Singh wollte nur noch raus. „Es war von allem zu viel: zu viel Lärm, zu viel Dreck, zu viel Verkehr und zu viel Straßenmusik“, erzählt die Ex-Hamburgerin, die zusammen mit ihrem Mann im Juni nach Lüneburg kam. Mehr als dreißig Jahre lebte sie zuvor im Hamburger Schanzenviertel, bewohnte dort eine geräumige 4-Zimmer-Wohnung im vierten Stock. Nur ihr Job als Sekretärin bei der Frauenzeitschrift „Brigitte“ hielt sie noch in Hamburg, danach war für beide klar, Hamburg endgültig den Rücken zu kehren.

Die Hansestadt an der Ilmenau hatten sie dabei aber noch nicht im Blick. „Zufällig sind wir im Internet über die Wohnung in der Goethestraße gestolpert“, berichtet die 66-Jährige. Lüneburg kannten beide zuvor nicht, hatten keine Vorstellung, was sie hier erwartet. Doch die Begeisterung für die kleine Hanse-Schwester kam schnell. „Es ist das totale Kontrastprogramm, wir sind vollkommen begeistert.“

Auch wenn sie Backstein eigentlich nicht so mag, „aber der dunkle von den alten Häusern und die Atmosphäre gerade um die Weihnachtszeit sind schon etwas Besonderes“, schwärmt die gebürtige Österreicherin. Von den Lüneburgern ist sie ebenfalls begeistert: „Die Menschen hier sind viel netter und ausgesprochen hilfsbereit.“ So wie die ältere Dame, die extra noch mal kam und ihr einen Zettel mit dem Namen eines Baumes hinter die Windschutzscheibe ihres Autos klemmte, nur, weil sie beiläufig danach gefragt hatte. „An einem einzigen Tag hatten wir drei solcher Erlebnisse, das waren wir gar nicht gewohnt.“

Zwar vermisst sie gelegentlich noch ihre große Wohnung in der „Schanze“, doch die Vorteile hier überwögen eindeutig. Dazu zählt sie neben den vielen Angeboten der Stadt — „Wahnsinn, was einem hier alles geboten wird“ — auch das idyllische Umland, das beide an Wochenenden oft gemeinsam mit dem Auto erkunden. „Nach Hamburg zieht mich fast gar nichts mehr.“