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Labrador-Retriever Tommy  führt Auren Charo um Hindernisse herum. Hat er seine Sache gut gemacht, wird er gelobt. Passanten sollten den Hund allerdings nicht bei der Arbeit streicheln  das lenkt ihn ab. Foto: t&w
Labrador-Retriever Tommy führt Auren Charo um Hindernisse herum. Hat er seine Sache gut gemacht, wird er gelobt. Passanten sollten den Hund allerdings nicht bei der Arbeit streicheln das lenkt ihn ab. Foto: t&w

Blindenführhund Tommy schenkt Auren Charo mehr Freiheit im Alltag

emi Reppenstedt. „Such Bank!“, sagt Auren Charo, und Tommy läuft los. Wenige Meter weiter bleibt der schwarze Labrador-Retriever vor einer freien Sitzgelegenheit in einem Buswartehäuschen stehen. „Fein“, sagt Auren Charo, und tätschelt dem knapp drei Jahre alten Rüden zärtlich den Kopf. Seit eineinhalb Jahren sind die Reppenstedterin und ihr vierbeiniger Begleiter ein unzertrennliches Team. Streicheleinheiten, Futter, Pflege und Auslauf — das und mehr erhält Tommy von seiner Besitzerin. Der Hund zahlt die liebevolle Behandlung tausendfach zurück. Denn Auren Charo ist fast blind, und Tommy der 52-Jährigen eine treue Hilfe im Straßenverkehr.

Lange Zeit bleibt Charos erbliche Augenkrankheit unentdeckt. Erst, als sie sieben Jahre alt ist, fällt ihrer Tante auf: „Das Kind sitzt zu dicht am Fernseher.“ Daraufhin ziehen die Eltern mit ihrer Tochter ein Jahr lang von Arzt zu Arzt. Doch niemand kann erklären, warum das Mädchen in der Schule in der ersten Reihe sitzt und trotzdem nichts an der Tafel erkennen kann, warum Freundinnen ihr immer öfter vorlesen müssen und die Schülerin schließlich die dritte Klasse wiederholen muss. Endlich erhält Auren Charo an der Eppendorfer Uniklinik die fast schon erleichternde Diagnose: juvenile Makula-Degeneration. Dabei zerfällt das Gewebe in der Mitte der Netzhaut — die Sehschärfe nimmt schleichend ab. Im Alter von 13 Jahren wird Auren Charo nach Hamburg auf die Blinden- und Sehbehindertenschule geschickt, wo sie unter anderem die Blindenschrift Braille lernt.

Nach ihrem Abschluss macht sie eine Ausbildung zur Masseurin und medizinischen Bademeisterin, lässt sich später zur Telefonistin umschulen. Inzwischen arbeitet die gebürtige Lüneburgerin seit 20 Jahren in der Telefonzentrale der Leuphana. Ihr zentrales Sehvermögen hat sie verloren. „Das ist so, wie wenn man durch Nebelschwaden guckt“, sagt Auren Charo, „ich sehe nur noch am Rand Silhouetten.“

Früher spaziert die Reppenstedterin gern von der Uni nach Hause. Aber von Jahr zu Jahr fällt ihr das mit Blindenstock schwerer. Als sie gegen eine geschlossene Tür läuft, weiß Auren Charo, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Bei einem Seminar lernt die lebenslustige Frau Menschen kennen, die einen Blindenführhund haben — und plötzlich tut sich ihr eine bisher unbekannte Alternative zum Stock auf. Doch es soll noch sehr lange dauern, bis ihr Wunsch Wirklichkeit wird.

„Die Krankenkassen haben den Hund nicht bewilligt, obwohl ich alle Voraussetzungen erfüllt habe“, sagt Auren Charo. Der Streit landet vor Gericht, doch die Reppenstedterin gibt nicht auf. Nach sechs Jahren langem und zähem Ringen erhält sie endlich den lang ersehnten Stempel. Als sie Tommy zum ersten Mal in der Blindenführhundschule in Arnstadt in die Arme schließt, kann sie ihr Glück kaum fassen. Der Vierbeiner ist damals 18 Monate alt und frisch ausgebildet.

Eine Woche lang muss Auren Charo zunächst in der Blindenführhundschule Befehle auswendig lernen, anschließend klappert eine Trainerin in Reppenstedt sämtliche Wege mit ihr und dem Hund ab. Schließlich kommt ein Prüfer von der Krankenkasse und schaut nach, wie Tommy und sein Frauchen miteinander zurechtkommen. Das Gespann besteht.

Heute hört der Labrador-Retriever auf zahlreiche Befehle von „Such Bank!“ über „Such Weg!“ bis „Geh Mitte!“. Er führt Auren Charo gezielt um Wasserpfützen herum oder an Baustellen vorbei, sucht ihr freie Plätze an der Bushaltestelle oder den Eingang zu einem Geschäft. Sobald er sein Geschirr trägt, ist er im Dienst und völlig konzentriert — deshalb darf man ihn auch nicht durch Streicheln ablenken oder erschrecken.

Erst, wenn die Führhilfe abgestreift ist, ist seine Arbeit beendet. Dann darf er kuscheln, fressen und toben — eben all das, was jeder Hund gern tun. Tommy ist für Auren Charo viel mehr als eine Gehhilfe: Er ist Beschützer, Vertrauter und ihr Tor zur Freiheit.

Hintergrund
Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) hat eine Broschüre zum Thema Blindenführhund herausgegeben. Einige Auszüge hat die LZ zusammengestellt:

Unter den verschiedenen Alternativen, die blinden Menschen als Mobilitätshilfe zur Verfügung stehen, ist der Blindenführhund eine ganz besondere. Er gibt nicht nur ein großes Stück Selbständigkeit zurück, sondern ist auch ein tierischer Freund, der oft die seelische und körperliche Verfassung des Halters verbessert. Daneben fördert der Führhund als Gesprächsthema den Kontakt seines Halters zu nicht behinderten Mitmenschen.

Generell haben blinde (unter zwei Prozent Sehvermögen) und hochgradig sehbehinderte Menschen (unter fünf Prozent Sehvermögen) einen Anspruch auf die Versorgung mit einem Blindenführhund. Das Halten eines Hundes ist jedoch mit vielen Verpflichtungen verbunden. Es genügt nicht nur Tierliebe, sondern man muss bereit sein, 365 Tage im Jahr die Verantwortung für ein Lebewesen und seine artgerechte Haltung zu übernehmen. Interessierte sollten sich vor der Entscheidung bei einem Blinden- und Sehbehindertenverein beraten lassen.

Hat man sich dafür entschieden, muss der Antrag auf Kostenübernahme beim zuständigen Kostenträger gestellt werden. Dafür wird eine Verordnung vom Augenarzt benötigt.

Für die Ausbildung zum Führhund eignen sich nur absolut friedfertige Hunde. Sie werden von der Führhundschule selbst gezüchtet oder als Welpen angekauft. Die Zeit zwischen ihrem dritten und dem 12. bis 15. Lebensmonat verbringen sie häufig in sogenannten „Patenfamilien“, die die jungen Hunde unter der Anleitung der Führhundschule aufziehen. Danach beginnt die eigentliche Ausbildung zum Blindenführhund. Sie dauert meist zwischen sechs und neun Monaten und ist in jeder der rund 35 Führhundschulen in Deutschland unterschiedlich.

Weitere Infos, Rat und Hilfe gibt es beim DBSV unter der bundesweiten Rufnummer Tel.01805/666456.