Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Links: Tagsüber dient der Lüneburger Stintmarkt als Filmkulisse. Rechts: Die Nacht ist zum Feiern da -- in einigen Lokalen tanzen und trinken die Gäste bis zum Morgengrauen. Immer wieder kommt es zu Schlägereien. Fotos:  t&w/ca
Links: Tagsüber dient der Lüneburger Stintmarkt als Filmkulisse. Rechts: Die Nacht ist zum Feiern da -- in einigen Lokalen tanzen und trinken die Gäste bis zum Morgengrauen. Immer wieder kommt es zu Schlägereien. Fotos: t&w/ca

Eine Nacht in der Feierzone am Lüneburger Stintmarkt

ca Lüneburg. Tapfer leuchtet die gelbe Rose im schummrigen Licht. Sie steht wie ein Zeichen für Sanftmut und Versöhnung in einem großen Bierkrug aus Glas. Die beiden dazugehörenden Frauen haben offensichtlich schon ein paar Biere intus. Eine schiebt sich auf die Tanzfläche, sie möchte sich „noch einen greifen“, erzählt sie ihrer Freundin. Sie ist geschätzt Anfang 40, hat leichte Sprachprobleme und tänzelt zurück, als ein übergewichtiger Junge kommt: „Mein Sohn.“ Der vielleicht Zwanzigjährige knutscht die Freundin. Beste Stimmung nachts um eins. Der junge Mann ist keine halbe Stunde später vor der Tür der Kneipe in eine Rangelei verwickelt, er schubst einen Kontrahenten. Andere können die beiden gerade noch zurückhalten, sonst ginge die Sache wohl schmerzhafter aus.

Wochenende am Stint. Lüneburg feiert. Aber es feiert unterschiedlich, einheitlich allerdings mit viel Alkohol. Vor dem Schallander steht eine bunte Truppe. Gläser mit König Pilsener in den Händen. Mancher dürfte ganz dankbar sein, sich am Stehtisch abstützen zu können. Haltungsprobleme. Drinnen im Restaurant haben vier Gruppen opulent getafelt, erzählt der Tresenmann. Sanft plätschert John Lennons „Imagine“ aus den Boxen. Der Laden ist immer noch gut gefüllt. Einige der Gäste sind es auch. Es wird viel gelacht, alles sehr friedlich. Imagine-Laune eben.
Vor der Tür des Schallanders schaut es anders aus. Der Barmann sagt: „Es gibt zwei Zonen, die Grenze läuft am Pesel entlang.“ Das ist die tiefergelegte Diskothek. Tanzen im Keller. Am Eingang Türsteher. Und die lassen einen Mann nicht rein: „Du hast genug. Hier kommst du heute nicht rein.“

Das will der Fünfziger nicht einsehen. Er ist sonst ein friedlicher türkischer Geschäftsmann, den man aus der Stadt kennt. Einer, der gerne lächelt und freundlich ist. Jetzt ist der betrunkene Türke wie ausgewechselt. „Ich fick dich!“, brüllt er immer wieder. Für die Torwächter ist der Fall erledigt, weil er inzwischen die Treppen nach oben steigt. Aber ein Gast, ein Glatzkopf im T-Shirt, mischt sich ein. Dass es zu keiner Prügelei kommt, ist Zufall. Auf der Straße taucht ein Muskelpaket auf, der wuchtige Kerl kennt beide. Beruhigt. Schließlich liegen sich die beiden Hitzköpfe in den Armen.

In dieser Nacht bleibt es ruhig. Doch für die Polizei ist der Stint an Wochenenden Kampfgebiet. 2013 registrierten die Beamten 36 einfache und 21 gefährliche Körperverletzungen, gefährlich meint, dass eine Waffe im Spiel war, ein Glas beispielsweise oder ein Schuh — einer tritt auf den anderen ein. 2014 blieben die Zahlen ähnlich. In diesem Jahr sackte der Wert ein wenig ab, mehr als 40 Fälle waren es bis vor Weihnachten.

Polizeisprecher Kai Richter berichtet, dass seine Kollegen in der Regel mit mindestens zwei Streifenwagen anrücken, wenn sie gerufen werden. Auffällig sind vor allem drei Lokale in beziehungsweise vor denen es immer wieder rummst. Er nennt keine Namen, aber auf der Wache ist klar, wohin die Fahrt geht: Burlala, Galerie und Pesel. Es gebe selten Ärger zwischen Kunden und Personal. Es sind zumeist die Gäste, die sich zum schlagkräftigen Meinungswechsel treffen.

Richter sagt, nicht nur die Kneipenmeile sorge freitags und sonnabends für Einsätze, sondern auch die bekannten Diskotheken Garage und Vamos. Andere, nämlich am Bilmer Berg und in Adendorf, haben bekanntlich geschlossen, das Nachtleben hat sich verlagert. Am Tag ist von dieser rauen Kante nichts zu spüren. Da zeigt sich die Meile von ihrer idyllischen Rote-Rosen-Seite: Hunderte Touristen und Einheimische entspannen sich auf den Terrassen bei Essen und Cappuccino. Das Dramatischste, was passiert, ist, dass Glas runterfällt oder ein Taschendiebstahl — so wie anderswo auch.
Lange Nächte herrschen seit Jahrzehnten im alten Hafen. Verändert hat sich die Lage vor rund zehn Jahren, als Hannover die Sperrzeitverordnung kippte. Nun dürfen Kneipen rund um die Uhr öffnen. Vorher zogen Nachtschwärmer weiter in die legendäre Sülze zu Schlachter-Horst und in den Sülfmeister zu Max. Die Läden sind längst verschwunden.

Nachts wandelt sich der Stint nun in Erlebnispark und Bühne. Manche der Gäste rotieren regelrecht zwischen den Kneipen. Der Glatzkopf, der sich erst prügeln wollte, gehört dazu. Galerie, Burlala, Pesel. Ein Damenkränzchen stöckelt vorbei an Männern und Frauen, die auf der Straße stehen, rauchen, reden und trinken. Nicht nur der Stint gehört zur Feierzone. In einem türkischen Imbiss um die Ecke wird in dieser Nacht geklaut. Der Polizeibericht notiert gegen zwei Uhr einen Diebstahl. Nicht jeder, der hier Döner kauft, behält ihn bei sich. Servietten und Alu-Folie liegen auf der Straße. Am Berge haben zwei Schnellrestaurants geöffnet. Ein Dutzend Hungriger grölt. Wer hier wohnt, braucht Ohropax.
29Die Nacht geht, der Tag kommt. Während in Annas Café am Stint die ersten Gäste Platz nehmen bei Brötchen, Marmelade und Kaffee, stehen auf der anderen Seite noch die Übriggebliebenen. Mit einem Bier zum Frühstück.