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Viele Lüneburger kennen Martina Forster aus der katholischen St.-Marien-Gemeinde, wo sie seit mehr als einem Vierteljahrhundert tätig ist. Vor eineinhalb Jahren übernahm die 49-Jährige darüber hinaus die Aufgabe, sich um Häftlinge zu kümmern, als Seelsorgerin. Foto: cb
Viele Lüneburger kennen Martina Forster aus der katholischen St.-Marien-Gemeinde, wo sie seit mehr als einem Vierteljahrhundert tätig ist. Vor eineinhalb Jahren übernahm die 49-Jährige darüber hinaus die Aufgabe, sich um Häftlinge zu kümmern, als Seelsorgerin. Foto: cb

Seelsorgerin hinter Gittern

cb Lüneburg/Uelzen. Wie wird es sich anfühlen, während der Arbeitszeit immer hinter Gittern zu sein? Und: Werde ich permanent darüber nachdenken, was mein Gegenüber wohl getan hat, warum er im Gefängnis sitzt? Über diese Fragen hatte Martina Forster intensiv nachgedacht, als sie mit dem Gedanken spielte, eine halbe Stelle als Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Uelzen, zu der die Lüneburger Abteilung am Markt gehört, zu übernehmen. Mehr als 25 Jahre lang wirkt sie als Gemeindereferentin bei der katholischen St.-Marien-Gemeinde in Lüneburg. Doch manchmal sei es gut, etwas Neues zu wagen, dachte sich die 49-Jährige und wagte den Schritt. Heute ist sie Gemeindereferentin in St. Marien und Gefängnisseelsorgerin in Uelzen.

Ein echtes Gefängnis hatte sie bis dahin noch nicht von innen gesehen. Eine 14-tägige Hospitation in der JVA Hannover, die mit fast 700 Plätzen zu den großen Gefängnissen in Niedersachsen gehört, brachte die notwendige Klarheit: „Ja, ich kann das und ich habe richtig Lust auf diese Aufgabe.“

Seit eineinhalb Jahren teilt sie nun ihre Arbeitszeit möglichst gleichmäßig zwischen Lüneburg und Uelzen auf, was mehr Organisation verlange als vorher. „Es hat aber auch viele Vorteile“, hat Martina Forster festgestellt. Zum Beispiel könne sie eventuelle Hilfeaufrufe gleich an die Mitglieder der Marien-Gemeinde weiterleiten. So wie aktuell beim Wunsch eines Häftlings nach einer Mundharmonika. Kaum hatte sie dies im Gemeindebrief kundgetan, gab es auch schon drei Angebote, ein solches Musikinstrument abzugeben. „So können beide Seiten voneinander profitieren“, freut sich Martina Forster, die inzwischen sehr froh und dankbar ist, sowohl „drinnen“ als auch „draußen“ tätig zu sein. Und die Themen Schuld, Strafe und Versöhnung beträfen doch eigentlich jeden Menschen.

In der JVA betreut sie zwar keine Sommerfreizeiten oder Kommunionskinder, doch viele Tätigkeitsbereiche seien doch gar nicht so anders als ihre bisherigen. „Als Gemeinde­referentin führe ich zahlreiche seelsorgerische Gespräche.“ Eine Aufgabe, die auch in der JVA Teil ihres Berufsalltags ist. Ebenso die Gestaltung des sonntäglichen Gottesdienstes, den sie im Wechsel mit ihrem evangelischen Kollegen hält. Mit ihrer herzlichen und gleichzeitig zupackenden Art hat sie inzwischen das Vertrauen vieler Gefangener gewonnen. „Für einige Häftlinge sind unsere regelmäßigen Angebote eine gute Gelegenheit, der Routine in der Anstalt zu entkommen“, gibt sie sich keinen Illusionen hin. Denn nach dem Gottesdienst gibt es Kaffee und die Möglichkeit zum Gespräch untereinander oder mit den Seelsorgern. Doch für manch einen der meist etwa 20 bis 40 Gottesdienstbesucher habe ihr Angebot eine viel größere Bedeutung, ist sie sicher.

Einer von diesen Gefangenen ist Friedhelm D., wegen eines Tötungsdeliktes sitzt der 54-Jährige nun nach Zwischenstationen in Hannover und Celle seit 2013 in der Sozialtherapeutischen Abteilung der JVA Uelzen. „Inzwischen verbüße ich schon das 18. Jahr meiner Haftzeit“, berichtet der Mann, auf dessen Konto mehrere Banküberfälle gingen. Er sei spielsüchtig gewesen. Es habe sechs Jahre gedauert, bis er mit Hilfe von Anti-Gewalttrainingseinheiten, einer Suchttherapie und vielen, vielen Gesprächen erstmals gespürt habe, dass er selbst Verantwortung tragen müsse. „Vorher waren immer nur die anderen schuld, egal ob Anwälte, Richter oder die Lebensumstände“, beschreibt er. An diesem Punkt seines Lebens habe er sich endlich selbst wahrnehmen und schließlich auch einen Zugang zum Glauben finden können. Heute sagt er, dass er vor allem Gesundheit, Freunde und eine gesunde Beziehung zu Gott brauche. Er versuche, das aufzuholen, was er in den vielen Jahren zuvor verpasst habe.

Mit dem Glauben hat er seine vielfältigen Talente in der Musik und Malerei entdeckt, die er nun als Autodidakt immer weiter perfektioniert. Friedhelm D. spielt Gitarre, er singt im Kirchenchor und ist seit einigen Jahren „der Magie der Ölmalerei“ verfallen, wie er selbst sagt. „Damit kann ich anderen etwas geben und bringe mich in die Gesellschaft ein“, sagt der Häftling. Wenn er in etwa zwei Jahren voraussichtlich entlassen wird, wolle er diesen Weg weiter gehen. „Dann fängt für mich ein zweites Leben an.“ Ein Leben, in dem Gott und der Glauben weiter eine Rolle spielen sollen und in dem er nun die Verantwortung für sich selbst übernehmen will.

Bis es soweit ist, steht er Martina Forster erstmal zur Seite, um Gottesdienste auf der Gitarre zu begleiten und den Kirchenchor stimmlich zu unterstützen.