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Das ehemalige Hotel in der Göhrde stand in Flammen, der Dachstuhl brannte im Juni vergangenen Jahres aus. Der geständige Brandstifter aus Dömitz sagt, er habe aus Frust gehandelt. Foto: rg
Das ehemalige Hotel in der Göhrde stand in Flammen, der Dachstuhl brannte im Juni vergangenen Jahres aus. Der geständige Brandstifter aus Dömitz sagt, er habe aus Frust gehandelt. Foto: rg

Brandstiftung im Wendland: 24-Jähriger gesteht

ca Lüneburg. Die Erklärung klingt so simpel wie aus dem Psychologie-Lehrbuch: zu wenig Anerkennung im Job, daraus folgen Ärger und Wut, dann ein Feuer legen, um Druck abzubauen und als ehrenamtlicher Rettungshelfer für Einsatzbereitschaft Lob und Aufmerksamkeit zu erhalten. Schlicht schildert der Angeklagte vor der 3. Großen Strafkammer am Landgericht, warum er im vergangenen Sommer sechs Brände in der Göhrde und im Wendland legte. Er habe niemanden verletzen wollen, habe nach unbewohnten Gebäuden Ausschau gehalten und so in vier leerstehenden Häusern und zwei Scheunen gezündelt. Wegen dieser Brandstiftungen hat die Staatsanwaltschaft den 24-Jährigen angeklagt. Gestern begann der Prozess.

Brandstiftung im Wendland für mehr Aufmerksamkeit

Der junge Mann, der in seinem Kapuzenpulli und Jeans wirkt wie ein großer Junge, der gern in den Arm genommen werden möchte, hat bereits bei der Polizei gestanden und sich auch mit dem psychiatrischen Sachverständigen, der ihn im Auftrag der Kammer begutachtet, offen unterhalten. Ganz offensichtlich will er erklären, warum er mit seinem Ford Focus losgefahren ist, um Häuser in Schutt und Asche zu legen. Über den Sachschaden habe er sich keine Gedanken gemacht, sagt er. Die Vorsitzende Richterin hält ihm vor: „In den Akten steht eine Million Euro.“

Ich suchte Aufmerksamkeit an anderer Stelle, ein ‚Danke, Du hast etwas gut gemacht‘. Angeklagter

Das erste Feuer legt er in der Nacht zum 19. Juni im ehemalige Hotel Zur Göhrde. Auf dem Rückweg aus Lüneburg nach Dömitz habe er angehalten, sein Auto ein Stück entfernt geparkt. Mit Handschuhen, Taschenlampe und Feuerzeug sei er in das seit wohl zwei Jahrzehnten leerstehende Haus geschlichen. Er habe lediglich eine Platte zur Seite geräumt, die vor dem Eingang stand. „Ich habe in alle Räume gesehen, das Licht der Taschenlampe habe ich gedimmt, damit ich von außen nicht gesehen werde“, erzählte er. Unter dem Dach habe er Papier und Pappe gefunden: „Ich musste nichts zurechtlegen, alles war bereit.“ Dann habe er den Unrat angesteckt und sei aus dem Haus zum Auto gelaufen.

Er habe abgewartet, noch einmal geschaut, ob es brenne, dann sei er nach Hause gefahren. Er habe zwar nicht damit gerechnet, von der einen Staffel des Rettungsdienstes alarmiert zu werden, doch der Einsatzbefehl sei via SMS und Whats App gekommen. So rückte der junge Mann mit aus, um im Zweifel als Rot-Kreuz-Sani Verletzten beistehen zu können. Doch das sei nicht nötig gewesen. Das erhoffte Lob kam dann aber trotzdem: Der Einsatzleiter dankte den „Kameraden“.

Ähnlich läuft es bei den anderen Taten. Vom 30. Juni auf den 1. Juli legt er gleich drei Feuer, in Langendorf, bei Karwitz und abends in einem Ortsteil Dannenbergs. Am 9. Juli folgt eine Scheune in Damnatz und am 20. Juli ein Komplex bei Trebel. Dort steckt der Angeklagte Teppichreste an, kurz darauf steht der Dachstuhl des Hauses in Flammen. Seine Bilanz: Bei sechs Feuern rückt er fünfmal als Rettungshelfer mit aus. Jedes Mal erhält er das so dringend begehrte Lob.

„Ich war sehr aufgewühlt“, sagt der 24-Jährige, der für ein Unternehmen in der Altenpflege arbeitet. „Die Chefin hat uns gedrillt. Ich habe meine Arbeit nicht im Zeitrahmen geschafft. Manche der Leute brauchen ein Gespräch, man kann das nicht immer nur fachlich-medizinisch sehen.“ Sein „Leidensdruck“ habe sich aufgestaut: „Ich suchte Aufmerksamkeit an anderer Stelle, ein ,Danke, Du hast etwas gut gemacht‘.“

Im Prozess wird deutlich, dass der Angeklagte als Heimkind aufwuchs, sich in der Jugendfeuerwehr engagierte, um nicht gehänselt zu werden. Er sei dagewesen, wenn die Erwachsenen in seinem Heimatort ausrücken mussten, dann habe er geholfen, die Feuerwehrwagen auszurüsten – die mussten lospreschen, weil er zuvor „gekokelt“ habe.
Später sei er zum Roten Kreuz gegangen. Als Schüler habe er bei einem Projekttag den anderen Erste Hilfe erklären können: „Ich hatte ’was auf dem Kasten und war nicht nur der ohne Eltern.“

Frust sei auch im Herbst 2013 sein Motiv gewesen, als er 300 Strohballen im Mecklenburgischen ansteckte und dafür später vom Amtsgericht in Hagenow zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde.

All das erzählt der junge Mann so nett und freundlich, als wäre das Landgericht eine große Therapieeinrichtung und dazu da, mit ihm einen Weg aus einem unbefriedigten Leben zu entwickeln. Doch die Kammer unter Vorsitz von Sabine Phi-lipp spricht ein Urteil, und das dürfte berücksichtigen, dass eine Gefahr von dem Angeklagten ausgeht. In einem hellsichtigen Moment sagt er: „Mir ist erst hier in der Haft bewusst geworden, dass ich mich und die anderen Einsatzkräfte in Gefahr gebracht habe.“

Der Prozess wird in zwei Wochen fortgesetzt.