Mittwoch , 28. September 2016
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Katinka Berg hilft ihrem Schüler Hussien Ahmad aus Syrien bei einer Übung. Foto: phs
Katinka Berg hilft ihrem Schüler Hussien Ahmad aus Syrien bei einer Übung. Foto: phs

Sprachförderklasse: Wenn fast alle bei Null anfangen

Von Maximilian Matthies

Lüneburg. Kurz nachdem der Schulgong geläutet hat, steht Katinka Berg an ihrem Pult im Klassenzimmer und wartet auf ihre Schüler. Die lassen sich Zeit, um zum Unterricht zu kommen. Wie immer. Pünktlich erscheint selten jemand. Es gebe aber schon Verbesserungen, sagt Katinka Berg, „minutenweise“ kämen ihre Schüler pünktlicher.

Rund fünf Minuten nach dem Gong öffnet sich die Tür zum Klassenzimmer. Muhialddin, ein Junge mit schwarzen Haaren, blauem Pulli, silberner Halskette, Jeans und Turnschuhen tritt als Erster ein, grüßt seine Lehrerin freundlich, setzt sich in die erste Reihe, steht nochmal auf, um sein Smartphone in einem Steckkasten auf dem Pult abzulegen, setzt sich wieder. Die anderen Schüler folgen gemächlich. Der Unterricht kann endlich losgehen.

Lehrerin macht vieles anders Katinka Berg ist Berufsschullehrerin mit der Fachrichtung Sozialpädagogik. Sie lehrt Deutsch, ist 47 Jahre alt und macht in ihrem Leben als Lehrerin eine ganz neue Erfahrung, eine, die bisher erst wenige Kolleginnen vor ihr gemacht haben. Sie unterrichtet eine ganze Klasse jugendlicher Migranten, die allesamt kaum ein Wort Deutsch konnten, als sie im September neu an ihre Schule kamen.

Der Unterricht ist eben lebendig, es wird viel gesprochen, gelesen und geschrieben. Man muss Offenheit zulassen und vorleben. Es geht immer darum, die Eigenmotivation der Schüler zu stärken.
Lehrerin Katinka Berg

Inzwischen haben sich die Sprachkenntnisse merklich verbessert, nachdem sie nun schon seit mehreren Monaten ein besonderes Berufsvorbereitungsjahr durchlaufen. Sie gehen in eine Sprachförderklasse, von denen es etwa 100 in Niedersachsen gibt, zwei davon an der Berufsbildenden Schule III in Lüneburg. Katinka Berg ist Klassenlehrerin der einen Gruppe. Sie darf Deutsch als Zweitsprache (DaZ) unterrichten, hat sich dafür ein entsprechendes Zertifikat an der Universität erarbeitet. Um ihren Schülern Deutsch beizubringen, muss Katinka Berg vieles anders machen als es sonst in ihrem Beruf üblich ist.

Sie drückt beide Augen zu, wenn ihre Schüler im Pulk verspätet zum Unterricht kommen. Was die Pädagogin jedoch auch in ihrer jetzigen Klasse nicht duldet, ist die private Benutzung von Smartphones im Unterricht, „die Ablenkung wäre sonst zu groß“. Eine Ausnahme lässt sie zu: Die Verwendung der Mobiltelefone für Übersetzungen ist erlaubt. Die Muttersprache der Schüler ist Arabisch, Persisch oder Kurdisch.

Eigentlich umfasst die Klasse 14 Jugendliche. Die elf Schüler, die an diesem Tag vor Katinka Berg sitzen, kommen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, aber auch aus Bosnien, Kroatien, Spanien und Italien. Muhialddin ist vor etwas über einem halben Jahr aus Syrien geflüchtet und lebt jetzt seit knapp vier Monaten in Lüneburg in einer eigenen kleinen Wohnung, sein Onkel kümmere sich um ihn.

Katinka Berg verteilt gelbe Zettelstreifen an ihre Schüler. Darauf stehen einfache Fragen. Muhialddin liest eine vor: „Was machst Du am Wochenende?“ Er soll selbst darauf antworten: „Fußball spielen und in der Stadt spazieren gehen.“ Eine leichte Aufwärm-Übung für den 16-Jährigen, der mittlerweile viele deutsche Wörter kennt, aus dem Kurdischen aber keine Artikel. Mit der Verwendung von „der, die oder das“ habe er daher seine Schwierigkeiten. Auch die Wörter aufzuschreiben, sei für ihn nicht so leicht, wie sie auszusprechen. Muhialddin lernt wie seine Mitschüler fleißig. Jeden Tag in der Schule, danach am Nachmittag und Abend, nur nicht am Wochenende, „da sind Ferien“.

Fünf Studentinnen unterstützen den Unterricht in den Sprachförderklassen. Nur heute nicht. Katinka Berg ist allein. Es ist laut. Die Schüler reden viel, auch wenn sie nicht gefragt werden, scherzen herum, Katinka Berg hat damit kein Problem, im Gegenteil: „Der Unterricht ist eben lebendig, es wird viel gesprochen, gelesen und geschrieben. Man muss Offenheit zulassen und vorleben“, sagt sie. Ihr gehe es besonders um eines: „Interkulturelle Toleranz.“ Bei „zu viel Lebendigkeit“ bremst sie allerdings, erinnert ihre Schüler, dass sie doch Deutsch lernen wollten: „Es geht immer darum, ihre Eigenmotivation zu stärken.“

Manchmal ist die Motivation der Jugendlichen im Keller. Es kommt vor, dass ein Schüler den Schreibtisch vor sich als Kopfkissen nutzt und ein kleines Nickerchen einlegt. Dann greift Katinka Berg natürlich ein. Ihre Schüler tragen es mit Humor. Wie Muhialddin. Bei der nächsten Übung muss er Gegenständen den richtigen Namen geben. Auf die Frage, wofür ein Tisch genutzt werden könnte, antwortet er: „Zum Kartenspielen und schlafen.“ Seine Mitschüler lachen, ihre Lust am Lernen ist wieder spürbar.

Sie ist ihnen nach ihrer Flucht aus ihren Heimatländern nicht vergangen. Analphabeten seien nicht dabei. Ihre Schüler hätten alle in ihren Heimatländern lesen und schreiben gelernt. Einige müssen aber noch lernen, von links nach rechts zu schreiben, verdeutlicht Katinka Berg.

Eines Tages sollen sie ein Sprachniveau erreichen, das Betriebe für die Einstellung von Auszubildenden verlangten, ein Niveau von B1 nach dem Europäischen Referenzrahmen, sagt die Rektorin Christiane Pätz. Es gibt Prüfungen, die Schüler können ein Sprachdiplom erwerben. Die Vorbereitung dazu bedeute aber auch zusätzliche Unterrichtsstunden. Unter den Lehrern gebe es „eine hohe Motivation“, sich den neuen Aufgaben zu stellen, hat die Schulleiterin ausgemacht.
Die Doppelstunde bei Katinka Berg ist vorüber. Die Schüler gehen in ihre Pause. Muhialddin holt sich sein Smartphone aus dem Steckkasten, starrt auf sein Display, als ob er was verpasst hätte in der Welt da draußen, auf die ihn Katinka Berg vorbereiten möchte.

Fördermittel vom Land

Neben den beiden Sprachförderklassen an der BBS III gibt es in Lüneburg an der BBS II weitere vier. Seit Anfang Dezember 2015 ist an der BBS III eine sogenannte Sprint-Klasse hinzugekommen, die es von Februar an auch an der BBS I geben soll. Sprint steht dabei für Sprach- und Integrationsprojekt für jugendliche Migranten. In Niedersachsen wollten bisher 53 Schulen daran teilnehmen, 42 Anträge wurden genehmigt, 25 Schulen haben mit der Umsetzung inzwischen begonnen.

Das Ziel: die Jugendlichen auf einen Berufseinstieg vorzubereiten, die deutsche Sprache zu vermitteln und sie so mit der Kultur vertraut zu werden. Das Land bezahlt den Schulbesuch, stellt über das Förderprogramm Finanzmittel im Gegenwert von 100 Lehrerstellen zur Verfügung, erklärt Schulleiterin Christiane Pätz. Das sind etwa 5,6 Millionen Euro. Geld, das es ihr auch erlaube, Personal „unterhalb einer Lehramtsqualifikation“ einzustellen. Zum Beispiel Quereinsteiger aus Industrie oder Handwerk, aber auch Studenten, die in Lüneburg Lehramt studieren und jeweils schon einen ersten anderen Beruf ausgeübt haben.