Dienstag , 27. September 2016
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Drehbuchautor Arne Nolting stammt aus Uelzen, hat in den vergangenen Jahren vor allem Drehbücher für Action- und Krimiserien geschrieben. Foto: nh
Drehbuchautor Arne Nolting stammt aus Uelzen, hat in den vergangenen Jahren vor allem Drehbücher für Action- und Krimiserien geschrieben. Foto: nh

Club der roten Bänder: Drehbuchautor Arne Nolting aus Uelzen

Lüneburg. Sie liefern sich Wettkämpfe, sie verlieben sich und brüten über Mathematik­aufgaben – und doch ist für Emma, Alex, Leo, Jonas, Toni und Hugo alles anders. Ihr Leben spielt sich im Krankenhaus ab. Die Serie Club der roten Bänder des Privatsenders „Vox“ erzählt die Geschichte der schwerkranken Jugendlichen nach der Romanvorlage des Spaniers Albert Espinosa, der selbst vom 14. bis zum 24. Lebensjahr mit Krebs im Krankenhaus lag. Inzwischen ist der Bestseller in 18 Ländern verfilmt worden. Für die deutsche Version hat der aus Uelzen stammende Arne Nolting gemeinsam mit Jan-Martin Scharf das Drehbuch geschrieben. Seit November verfolgen 2,5 Millionen Zuschauer Woche für Woche die Folgen der ersten Staffel, die für den deutschen Fernsehpreis 2016 nominiert wurde, der am 13. Januar vergeben wird. Im LZ-Interview spricht Drehbuchautor Nolting über das Erfolgsrezept der Serie, die Angst vor dem heiklen Thema Krebs und die Arbeit an der zweiten Staffel.

Die erste Staffel des Clubs der roten Bänder hat große Beachtung gefunden. Auch vor Kritikern konnte das Format bestehen. Hat Sie dieser Erfolg überrascht?
Arne Nolting: Ich habe da­rauf gehofft, weil ich das Gefühl hatte, dass wir da etwas sehr Schönes und sehr Besonderes gemacht haben – aber gerade weil es so etwas Besonderes war, war es auch schwer einzuschätzen. Es ist die erste fiktionale, eigenproduzierte Serie von „Vox“ – und dann hat man sich gleich an dieses heikle Thema der schwerkranken Jugendlichen herangewagt. Ich hatte schon Bedenken: Vielleicht ist es ein zu schwieriges Thema für die Uhrzeit – die Serie lief im Abendprogramm um 20.15 Uhr. Darum bin ich umso glücklicher, dass sie so gut angekommen ist. Die Reaktionen waren überwältigend. Es haben sich beim Sender Kranke gemeldet, die sich in der Serie wiedergefunden haben. Einige haben den Club und den damit verbundenen Freundschaftsgedanken regelrecht inhaliert.

Sie haben zuletzt Drehbücher für das Actionformat „Alarm für Cobra 11“ und andere Krimiserien geschrieben. Wie sind Sie von der Polizei ins Krankenhaus gekommen?
Nolting: Als wir gefragt wurden, ob wir die Serie machen wollen, hatte ich echt Zweifel. Ich wusste nicht, ob ich mich mit so einem schwierigen Thema auseinandersetzen will. So ein Thema ist ja ein Wagnis… Aber das Originalformat hatte schon so viel Wärme. Die Ausflüge ins Magische und Surreale fangen die tragischen Momente sehr gut auf. Das Original hat bei uns schon so viel Kreatives freigesetzt, dass klar war, wir müssen es machen – auch wenn diese Art von Film eigentlich nicht unser Genre ist. Der Schlüssel zu dem Genre waren die Figuren. Wenn es gelingt, zu ihnen Kontakt aufzunehmen, kann man überall und über alles Geschichten erzählen.

Wovor hatten Sie am meisten Angst?
Nolting: Am schwierigsten war es sicher, die verschiedenen Tonlagen aufzugreifen. Das Tragische, das alles grundiert, musste mit Humor verknüpft werden, der auch mal schwarz sein darf. Die Jugendlichen hauen in der Serie einfach einen derben Spruch raus – weil es Jugendliche sind! Und magische Momente, wie die, in denen der im Koma liegende Hugo in seiner Zwischenwelt – dem Schwimmbad – gezeigt wird, galt es ins Realistische einzuweben. Diese Szenen im Schwimmbad zu schreiben, hat mir übrigens besonders großen Spaß gemacht: Weil sehr harte Momente durch Poetisches aufgefangen wurden. Hugo kommentiert aus seiner Zwischenwelt heraus das, was seinen Freunden im Krankenhaus passiert. Er ist der gute Geist, der alles zusammenhält, obwohl er nicht richtig anwesend ist.

Der Club der roten Bänder ist sehr emotional, aber niemals kitschig. Wie haben Sie das geschafft?
Nolting: Der Grad ist sehr schmal. Und ab wann man etwas als Kitsch empfindet, ist sehr individuell – genauso wie die Art, wie Menschen mit tödlichen Krankheiten umgehen, sehr individuell ist. Wir haben es mit unterschiedlichen Charakteren zu tun, die alle unterschiedlich mit ihren Krankheiten umgehen – so wie die Menschen im realen Leben auch.

Wie haben Sie sich auf das Schreiben des Drehbuchs vorbereitet?
Nolting: Wir haben uns bewusst entschieden, nicht auf eine Station zu gehen. Wir haben uns mit dem Autoren Albert Espinosa unterhalten, der das Leben im Krankenhaus selber erlebt hat. Und dann darf man auch nicht vergessen, dass jeder mit Krankheiten und mit dem Tod konfrontiert ist, auch wenn wir uns das nicht gerne eingestehen. Für die medizinischen Fragen hatten wir Fachleute an unserer Seite – um möglichst wenig Fehler zu machen. An einigen Stellen mussten wir aber zum Beispiel Abläufe straffen, weil die Geschichte im Vordergrund stehen sollte.

Gab es deswegen kritische Töne?
Nolting: Ja, aber erstaunlich wenige. Ein Punkt war zum Beispiel, dass die jugendlichen Krebspatienten am Kopf ihre Haare verlieren, aber im Film ihre Augenbrauen behalten. Ein Grund dafür war, dass die Schauspieler durch das Entfernen der Augenbrauen an Mimik verlieren würden.

Haben Sie sich grundsätzlich an das spanische Original gehalten oder haben Sie viele eigene Schwerpunkte in ihrem Drehbuch gesetzt?
Nolting: Die Figurenkonstellation entspricht der spanischen Verfilmung. Die amerikanische ist etwas anders gelagert – zum Beispiel hinsichtlich des Verhältnisses der männlichen und weiblichen Rollen. Aber wir haben das Kernensemble der spanischen Vorlage beibehalten und haben eher bei Nebenfiguren variiert.

Die erste Staffel endete damit, dass die Erzählerfigur Hugo aus dem Koma erwacht. Damit geht die surreale Ebene seiner Zwischenwelt verloren, die übergeordnet den Alltag der Freunde im Krankenhaus beschrieb.
Nolting: Ja, wir haben uns bewusst für diese runde Sache entschieden. Wir wussten lange nicht, ob es eine zweite Staffel geben wird, also wacht er am Ende der ersten Staffel auf. Ich denke, es sind auch noch genug erzählerische Bälle in der Luft, mit denen man spielen kann. Gerade schreiben wir an der zweiten Staffel, im Sommer wird gedreht und im Herbst dann ausgestrahlt.

Das Interview führte
Wiebke Brütt