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Der ehemalige Jugendtrainer verbirgt sein Gesicht vor den Kameras zu Prozessbeginn in Saal 121 des Landgerichts. Im Hintergrund ist sein Verteidiger Thorsten Heß zu sehen. Foto: phs
Der ehemalige Jugendtrainer verbirgt sein Gesicht vor den Kameras zu Prozessbeginn in Saal 121 des Landgerichts. Im Hintergrund ist sein Verteidiger Thorsten Heß zu sehen. Foto: phs

Missbrauchs-Prozesses: Jugendtrainer lehnt Richter ab

rast Lüneburg. Der Angeklagte betritt in Begleitung seines Verteidigers Thorsten Heß das Landgericht, der Haftbefehl gegen ihn wurde am 28. Juli 2015 nach einer Haftbeschwerde beim Oberlandesgericht Celle außer Vollzug gesetzt. Ruhig geht er in Saal 121, scheut aber die Kameras, zieht die Kapuze seines Blousons tief ins Gesicht. Nachdem die Kameraleute den Raum verlassen haben, zieht er die Winterjacke aus, setzt sich so neben seinen Anwalt, dass er nicht in Richtung der Journalisten blicken muss, die hinten im Saal sitzen. Direkt nach der Anklageverlesung stellt der 27-jährige Lüneburger, der hier jahrelang bei einem Sportverein als Trainer wirkte und heute in Kiel lebt, über seinen Anwalt einen Befangenheitsantrag – er lehnt die drei Berufsrichter ab, er habe Zweifel an ihrer Unvoreingenommenheit.
Übergriffebei Ausflügen

Der Prozess gegen den ehemaligen Jugendtrainer startete bereits im vergangenen Jahr, platzte allerdings aus mehreren Gründen. So hatte der Mann ein Geständnis angekündigt. Was er dann allerdings vortrug, reichte der Kammer nicht, sie wollte also mehrere Zeugen dazu hören – und das hätte mehr als die anberaumten sieben Verhandlungstage in Anspruch genommen. So wurde das Verfahren ausgesetzt und startete gestern erneut.

Die Vorwürfe gegen den 27-Jährigen wiegen schwer, drei seiner Schutzbefohlenen soll er missbraucht, dabei bei einem möglicherweise unter Autismus leidenden Jungen dessen Widerstandsunfähigkeit ausgenutzt haben. Die Vorwürfe reichen von sexuellen Handlungen an zwei Kindern und einem Jugendlichen bis hin zum schweren sexuellen Missbrauch. Die Anklage geht von insgesamt 71 Fällen aus. Zu Übergriffen sei es in seiner Wohnung – etwa nach Weihnachtsfeiern seines Vereins oder nach einer Silvesterparty bei sich – gekommen, aber auch bei Ausflügen. Der Oberstaatsanwalt listete Wanderfahrten nach Lübeck und Bergedorf ebenso auf wie Biwaks eines Vereins, der bei der Darstellung historischer Schlachten wie der Göhrde-Schlacht dabei ist und in dem er Mitglied war.

Eine Tat soll der Angeklagte sogar mit seinem Smartphone aufgezeichnet haben. Einem seiner Schützlinge hat der Mann laut Anklage jeden Montag in seiner Wohnung ein „Einzeltraining“ angeboten, doch er habe nur Sex gewollt und das Opfer moralisch unter Druck gesetzt, ihm beispielsweise etwas von einer – erfundenen – Krebserkrankung erzählt.

Der 27-Jährige hört dem Ankläger ruhig zu, schreibt einiges fleißig mit. Dann ist sein Verteidiger am Zug, er stellt das Ablehnungsgesuch wegen der Besorgnis der Befangenheit der drei Berufsrichter. Das wird unter anderem begründet mit dem Haftbefehl, den die Jugendkammer Mitte Juli 2015 nicht aufgehoben hatte und dies mit Flucht- und Wiederholungsgefahr begründete. Bei ihrer Entscheidung seien die Richter davon ausgegangen, dass sein Mandant „mindestens sieben Fälle eingeräumt hat“, doch das habe er weder mündlich in der Verhandlung noch in seiner schriftlichen Einlassung, die den Gerichtsakten beiliege, getan. Laut Anwalt Thorsten Heß hat er „allenfalls zwei Fälle“ gestanden, auch einer der Jungen habe bei seiner Videovernehmung von lediglich zwei Fällen geredet. Nach einer entsprechenden Beschwerde beim Oberlandesgericht Celle wurde der Angeklagte am 28. Juli auf freien Fuß gesetzt.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 19. Januar, fortgesetzt. Dann ist auch mit einer Entscheidung über den Befangenheitsantrag zu rechnen. Sollte er abgelehnt werden, stehen zunächst weitere zehn Prozesstage an.