Aktuell
Home | Lokales | Bienenbüttel | Bienenbüttel, das neue Lüneburg?
Sämtliche Bauplätze im Baugebiet Stadtkamp im Bienenbütteler Ortsteil Grünhagen sind verkauft. Um einen Anreiz für junge Neubürger zu schaffen, gewährt die Gemeinde Familien mit mindestens einem Kind eine Ermäßigung des Kaufpreises um einen Euro pro Quadratmeter. Foto: t&w
Sämtliche Bauplätze im Baugebiet Stadtkamp im Bienenbütteler Ortsteil Grünhagen sind verkauft. Um einen Anreiz für junge Neubürger zu schaffen, gewährt die Gemeinde Familien mit mindestens einem Kind eine Ermäßigung des Kaufpreises um einen Euro pro Quadratmeter. Foto: t&w

Bienenbüttel, das neue Lüneburg?

emi Bienenbüttel. 32 Jahre lang lebten Wolfgang Schneider und seine Frau in Hamburg, dann hatten sie die Nase voll vom Großstadtleben. Sie wollten raus aufs Land und als Altersvorsorge ein Haus bauen. Ihre erste Wahl fiel auf ein Grundstück in Lüneburger Randlage, doch schnell stellten sie fest: zu teuer. In der Gemeinde Bienenbüttel wurden sie schließlich fündig — günstiges Bauland und die gute Verkehrverbindung zum Arbeitsplatz in Hamburg hatten den Ausschlag gegeben. Seit zwölf Jahren lebt das Paar nun im eigenen Haus zwischen Bienenbüttel und Hohnstorf. „Es ist einfach schön hier“, sagt der 63-jährige Journalist.

Wie Wolfgang Schneider und seiner Frau geht es offenbar immer mehr Menschen. „Bienenbüttel ist das neue Lüneburg“, meinte kürzlich sogar die Hannoversche Allgemeine Zeitung. Dahinter steckt folgendes: Einst zogen Hamburger, denen das Leben in der Metropole zu teuer wurde, bevorzugt nach Lüneburg. Seit auch in der kleinen Hansestadt bezahlbarer Wohnraum rar wird, zieht es die Großstädter noch weiter in den Süden. Dahin, wo Häuser und Grundstücke noch verhältnismäßig günstig sind. Bevorzugt werden dabei infrastrukturell gut angebundene Orte, zeigt eine aktuelle Studie des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts.

In der Gemeinde Bienenbüttel wurden in den vergangenen Jahren in den Ortsteilen Grünhagen, Rieste und Steddorf neue Baugebiete ausgewiesen, inzwischen sind fast alle der rund 80 verfügbaren Grundstücke verkauft. Bürgermeister Dr. Merlin Franke sagt: „Vier von fünf Interessenten kommen aus Hamburg oder Lüneburg.“

Die Gründe für den Zuzug liegen für das Gemeindeoberhaupt auf der Hand, dazu gehören für ihn die gute Verkehrsanbindung für Pendler per Pkw und per Bahn. Um die Attraktivität weiter zu steigern, setzt er sich für eine Vollmitgliedschaft des Landkreises Uelzen im Hamburger Verkehrsverbund ein. Weitere Vorzüge seiner Gemeinde sieht Franke in der hohen Lebensqualität, der Verfügbarkeit aller Waren des täglichen Bedarfs, aber auch im bezahlbaren Bauland. Der Quadratmeterpreis für ein voll erschlossenes Baugrundstück in mittlerer Lage betrug für private Hausbauer in Bienenbüttel zuletzt 50 Euro, in der Stadt Lüneburg dagegen schon stattliche 190 Euro (Bodenrichtwert, Stand 31. Dezember 2014).

Franke und seine Mitstreiter setzen vor allem auf junge Familien, wollen sie mit unterschiedlichen Maßnahmen anlocken und in der Gemeinde halten. So wurde in den vergangenen Jahren etwa ein neues Kindertagesstättenkonzept mit erweiterten Betreuungszeiten auf den Weg gebracht, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Auch eine Ferienbetreuung wurde eingeführt. Beim Grundstückskauf gibt es ebenfalls einen besonderen Rabatt: Familien mit mindestens einem Kind erhalten pro Kind eine Ermäßigung des Kaufpreises um einen Euro pro Quadratmeter — und das drei Jahre rückwirkend.

Das Konzept zeigt offenbar schon Wirkung. Einwohner- und Geburtenzahlen steigen und auch die Schülerzahlen nehmen zu, sodass der neue Jahrgang in der Grundschule Bienenbüttel erstmals nach langer Zeit voraussichtlich wieder vierzügig wird. 80 neue Erstklässler werden zur Einschulung 2016 erwartet.

Schon jetzt sieht man sich in der Kommune nach neuem Bauland für die Zukunft um. Doch der Wachstumskurs hat auch Schattenseiten. Viele Landwirte leiden ohnehin unter dem zunehmenden Kampf um Ackerflächen. Als die Gemeinde kürzlich einen Aufstellungsbeschluss zur Änderung des Flächennutzungsplanes fasste, gingen sie auf die Barrikaden. Denn der Plan sieht vor, am nordöstlichen Ortsrand Bienenbüttels Richtung Hohnstorf ein umfangreiches Wohngebiet auszuweisen — ihr Ackerland müsste dafür weichen.

Angesichts dieser Problematik warnt auch Wolfgang Schneider vor zu viel Euphorie um die Entwicklung Bienenbüttels. Der Journalist lebt in unmittelbarer Nachbarschaft der anvisierten neuen Baufläche, hat den Streit zwischen Bauern und Bürgermeister miterlebt. Dennoch schwärmt auch er von seiner Wahlheimat, der Nähe zur Natur, der guten Lage: „In ein paar Schritten ist man auf dem Acker oder im Wald, schnell am Elbe-Seitenkanal und der Bahnhof ist bequem mit dem Rad erreichbar.“ Den Umzug nach Bienenbüttel — der ehemalige Großstädter hat ihn nicht bereut.