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Der Griff in eine gut gefüllte Kartoffelkiste: Verbraucher sind gewöhnt, dass die Knollen immer zu haben sind. Doch neue Schädlinge stellen die Anbauer vor Herausforderungen. Foto: A/t&w
Der Griff in eine gut gefüllte Kartoffelkiste: Verbraucher sind gewöhnt, dass die Knollen immer zu haben sind. Doch neue Schädlinge stellen die Anbauer vor Herausforderungen. Foto: A/t&w

Kartoffelanbau in Gefahr

off Lüneburg. Sie sind klein, außerordentlich zäh und eine der ganz großen Herausforderungen für den Kartoffelanbau der Zukunft: Nematoden. Schon seit Jahrzehnten kämpfen Landwirte und Züchter gegen die Schädlinge, sie züchteten neue, resistente Kartoffelsorten und bauten diese konsequent an. Doch während der Kampf gegen die eine Nematodenart Erfolg zeigte, breitete sich eine andere immer weiter aus: der sogenannte Weiße Kartoffelnematode. „Heute wissen wir, dass diese Art inzwischen dominierend in Niedersachsen ist“, sagt Dr. Stefan Krüssel von der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen. Eine Gefahr für den gesamten Kartoffelanbau im Land.

Über den aktuellen Stand zur Ausbreitung des Kartoffelnematoden informierte Krüssel beim jüngsten Vortragsabend des Arbeitskreises Junger Landwirte in der Wassermühle in Heiligenthal. Sein Ziel: Der Leiter des Sachgebiets Zoologie im Pflanzenschutzamt der LWK will die Landwirte im Land für das Thema sensibilisieren. Denn auch wenn die Züchter mit Hochdruck daran arbeiten: Noch sind die meisten Kartoffelsorten der Weißen Nematodenart schutzlos ausgeliefert.

Das Problem: Die Kartoffel­sorten, die resistent sind gegen den Gelben Kartoffelnematoden, haben keinerlei Wirkung auf den Weißen Kartoffel­nematoden. Und das heißt: Die Züchter mussten beim Nematodenschutz nochmal von vorne anfangen. „Im Bereich der Stärkekartoffeln gibt es inzwischen eine Reihe von Sorten, die resistent sind auch gegen den Weißen Kartoffelnematoden“, sagt Krüssel. Bei den Speisekartoffeln ist das bisher noch die Ausnahme.

Beim Lüneburger Kartoffelzucht-Konzern Europlant kümmert sich unter anderem Ulf Hofferbert um das Thema. Und er ist derselben Meinung wie Krüssel: „Das ist für den Kartoffelanbau eine der ganz großen Herausforderungen der Zukunft.“ Europlant suche schon seit Jahren sehr intensiv vor allem nach neuen Speisekartoffelsorten, die resistent sind gegen den Weißen Kartoffelnematoden — und gleichzeitig noch alle anderen Anforderungen an eine Speisekartoffel erfüllen. „Das ist kompliziert“, sagt Hofferbert, „und das braucht Zeit.“ In der Regel vergehen rund zehn Jahre, bis eine neue Sorte marktreif ist. Jahre, in denen nun die Bauern gefragt sind.

„Um eine weitere Verbreitung des Weißen Nematoden zu verhindern, ist die Fruchtfolge wichtig“, sagt Krüssel. Soll heißen: Auf einem Feld dürfen in keinem Fall zu häufig Kartoffeln angebaut werden. „Es sollte mindestens eine zweijährige Anbaupause eingehalten werden“, betont Krüssel, „noch besser sind drei Jahre.“ Wichtig sind zudem das Sauberhalten der Maschinen, der sorgfältige Umgang mit der Resterde, die etwa beim Knollensortieren anfällt, und die Feldhygiene.

Chemische Mittel zur Bekämpfung der Kartoffelnematoden sind heute nicht mehr zugelassen. Die Larven der Nematoden wandern gezielt in die Wurzeln der Kartoffeln und bringen dort ganze Wurzelpartien zum Absterben. Die Kartoffel kann sich nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgen, der Bestand bricht zusammen. „Hinzu kommt, dass die Larven gut geschützt in einer Zyste auch nach dem Kartoffelanbau als zukünftiges Infektionspotential im Boden über Jahre erhalten bleiben.“

Wann es den Züchtern gelingt, ausreichend neue Kartoffelsorten gegen den Weißen Kartoffelnematoden zu schützen, kann auch Krüssel nicht sagen. Doch der Druck ist groß, auch kleinere Züchter wie Biolandwirt Karsten Ellenberg aus Barum im Kreis Uelzen arbeiten daran. Für Ellenberg ist der Weiße Kartoffelnematode allerdings nur ein Problem. „Schadorganismen entwickeln sich immer neu“, sagt er. Sein Rezept dagegen: die Vielfalt. „Je mehr Sorten wir haben, desto größer ist doch die Wahrscheinlichkeit, dass eine der Sorten die entscheidende Eigenschaft besitzt, die wir suchen.“ In diesem Fall: die Resistenz gegen den Weißen Kartoffelnematoden.

Ganz neuer Schädlingstyp im Emsland
Noch verschärft wird die Problematik im Kartoffelanbau durch die Entdeckung einer weiteren, noch widerstandsfähigeren Nematodenpopulation. „Woher dieser Typ kommt, ist unklar“, sagt Dr. Krüssel. „Fest steht aber, dass er alle bisher bekannten Resistenzen in Kartoffelsorten überwinden kann.“
Nachgewiesen wurde diese Population auf mehreren Flächen entlang der niederländischen Grenze, daher der Name des Virulenztyps „Emsland“. An Untersuchungen zur Charakterisierung des Typs und zu seiner Verbreitung arbeiten derzeit das Pflanzenschutzamt der Landwirtschaftskammer sowie das Julius-Kühn-Institut.