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Das Haus an der Egersdorffstraße muss abgerissen werden. Die Stadt fordert dafür ein Konzept vom Eigentümer. Foto: t&w
Das Haus an der Egersdorffstraße muss abgerissen werden. Die Stadt fordert dafür ein Konzept vom Eigentümer. Foto: t&w

Mit Lüneburg geht‘s abwärts — Senkungen und ihre Folgen

ca Lüneburg. Mit Lüneburg geht‘s abwärts – seit Jahrhunderten: An der Egersdorffstraße fordern die Senkungen jetzt Tribut. Das Haus des ehemaligen Friseurgeschäftes Wichel muss abgerissen werden, Einsturzgefahr. Stadtbaurätin Heike Gundermann berichtet, dass die Stadt vom neuen Eigentümer dafür ein Konzept gefordert hat, es ist noch nicht ganz vollständig. Klar ist: Ein Kettenbagger trägt das Haus Stück für Stück vorsichtig ab – unter Aufsicht eines Statikers. So soll verhindert werden, dass die Fassade einstürzt. Denn die Arbeiten müssen im Senkungsgebiet „erschütterungsarm“ erfolgen, damit umstehende Gebäude keinen Schaden nehmen.
Es wirkt fast wie eine böse Ironie, dass die Oberfläche an der Egersdorffstaße relativ wenig nachgibt. Sinkt das Haus im Jahr aktuell um 2,7 Zentimeter pro Jahr, liegen die Werte an Messpunkten am Ochtmisser Kirchsteig bei 12 Zentimetern und bei 8,5 Zentimeter an der Frommestraße. An der Egersdorffstraße spiele neben den Senkungen der weiche Untergrund und auftretendes Grundwasser dem Gebäude so übel mit, dass es nicht zu retten sei.

An der Frommestraße in Lüneburg sind die Senkungen beträchtlich. 85 Zentimeter waren es zuletzt seit 2010, sogar 2,27 Meter seit 1953. Foto: t&w
An der Frommestraße in Lüneburg sind die Senkungen beträchtlich. 85 Zentimeter waren es zuletzt seit 2010, sogar 2,27 Meter seit 1953. Foto: t&w

Senkungsteufel nannten die Lüneburger das Phänomen in vergangenen Jahrzehnten verniedlichend, das der Hansestadt zu schaffen macht. Handwerker brachen um 1861 die Lambertikirche ab, weil sie einzustürzen drohte, im vergangenen Jahrhundert folgten Dutzende Häuser, zum Beispiel an Vierorten und der Neuen Sülze. Vor vier Jahren fielen zwei Häuser aus der Gründerzeit an der Frommestraße.

Die Stadtbaurätin und ihre Mitarbeiterin Jana Baumann berichten, wie im Jahr 2009 schon per Augenschein auffiel, dass dort Fassaden zweier Gebäude sich stärker neigten. Im Frühjahr 2011 zerknautschen gewaltige Bewegungen im Untergrund die Straße. Auch wenn die Bewohner und Unterstützer für den Erhalt kämpften, die Stadt entschied schließlich den Abriss der Gebäude aus Sicherheitsgründen.
Bewegungen reißen nicht ab

Wer heute an der Straße entlangfährt, sieht wie sie in Richtung Bastion quasi durchhängt. Tiefenmessungen ergaben: 2013 sackte der Boden im Zentrum am stärksten ab, nämlich um 23 Zentimeter im Jahr, von 2010 bis 2015 summiert es sich auf 85 Zentimeter. Aber das ist nicht alles: Am sogenannten Tor zur Unterwelt, einer alten Pforte aus der Gründerzeit, gab die Erde seit Beginn der Messungen im Jahr 1953 um 2,27 Meter nach. Die eher beruhigende Nachricht für die Nachbarn drumherum: Die Senkungen betreffen unbebaute Flächen und den Park, andere Messpunkte wie an der Hindenburgstraße bleiben recht stabil.

Am Ochtmisser Kirchsteig begann der Boden massiv Anfang der 2000er-Jahre nachzugeben. Während Anwohner einen Zusammenhang mit dem Bau des Kreisels Bei Mönchsgarten als Auslöser sehen, kommen Gutachter, die im Auftrag der Stadt unterwegs waren, zu anderen Schlüssen: In der Tiefe werde der Boden ausgespült durch versickernden Regen und Schnee. Die Stadt ließ 2005 und 2007 drei Bohrungen auf 85 beziehungsweise 120 Meter Tiefe treiben. Ergebnis: keine Hohlräume, die einzustürzen drohen. Trotzdem gibt der Boden nach, das kann jeder dort sehen. Im Zentrum waren es in Spitzenzeiten gut 20 Zentimeter pro Jahr, in den vergangenen beiden Jahren hat sich der Wert auf rund 12 Zentimeter reduziert, seit 2005 sind es 1,55 Meter. Ein Stillstand ist hier ebenso wenig abzusehen wie an der Frommestraße.
Aktuell sind laut Bauamt noch vier Gebäude so sehr von den Senkungen betroffen, dass ein Statiker sie einmal pro Jahr auf Schäden überprüft. Eigentümer mussten ihre Häuser in den vergangenen Jahren unter anderem mit Ankern im Mauerwerk gegen ein Auseinanderbrechen sichern oder abstützen, doch bewohnbar sind noch alle. Die Straße und die Versorgungsleitungen sind regelmäßig in Reparatur.

An der Egersdorffstraße sollen die Abbrucharbeiten so schnell wie möglich beginnen. Ob und wann die Fläche wieder bebaut wird, steht in den Sternen. Die Stadtbaurätin sagt, der Keller bleibe erhalten und werde ausgesteift, um den Untergrund möglichst wenig zu verändern. Wasserfachleute sollen ein hydrologisches Gutachten erstellen, um eine Prognose zu geben. All das werde dauern.

Lüneburger Schicksal

Salz ist das Schicksal Lüneburgs: Es machte die Stadt reich, das ist noch heute an den prächtigen Fassaden der Backsteinhäuser am Platz Am Sande oder dem stolzen Rathaus abzulesen. Doch tausend Jahre Soleförderung haben Folgen: Der Boden gibt nach. Zu merken ist es, wenn man zum Beispiel vom Markt zur Michaeliskirche geht, man schreitet Auf dem Meere wie in ein kleines Tal.

Als die Saline, ein Industriebetrieb, der seinen Ursprung im Mittelalter hat, 1980 schloss, ließen die Senkungen zwei, drei Jahre später merklich nach. Zu Ende sind sie noch immer nicht. Die Stadt hat ein Netzwerk von 700 Messpunkten ausgebreitet, rund 300 davon sind aktiv und werden ausgelesen. Bewegungen des Bodens sind so gut zu verfolgen. ↔ca