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Thomas Lenzen arbeitet als Arzt in Berliner Krankenhäusern. Seit dem letzten Jahr hilft er auf der MS Sea Watch und versorgt Flüchtlinge im Mittelmeerraum.
Thomas Lenzen arbeitet als Arzt in Berliner Krankenhäusern. Seit dem letzten Jahr hilft er auf der MS Sea Watch und versorgt Flüchtlinge im Mittelmeerraum.

MS Sea Watch: Flüchtlingsretter berichtet von Einsatz

ap Lüneburg. Im Jahr 2015 sind etwa 3700 Flüchtlinge bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, ertrunken. „Und da ist auch noch eine Dunkelziffer“, sagt Thomas Lenzen, der als Arzt einen Einsatz der MS Sea Watch, dem ersten Privatschiff zur Flüchtlingshilfe, im Juli 2015 betreute. Er suchte vor Lampedusa nach Flüchtlingsbooten. Eigentlich arbeitet der 35-Jährige in Berlin, auf Akutstationen verschiedener Krankenhäuser. Nun hielt er einen Vortrag an der Lüneburger Universität als Teil des Seminars „One step at a time – Integration und Flüchtlingspolitik in Deutschland“. Neben den 30 Seminarteilnehmern kamen auch externe Zuhörer.

Das Projekt „Sea-Watch“ wurde Ende 2014 von Harald Höppner, einem Berliner Kleinunternehmer, ins Leben gerufen. Mit einem Betriebsvermögen von 60 000 Euro kaufte er einen 100 Jahre alten holländischen Fischkutter. „Er ist jemand, der zupackt“, sagt Lenzen über den Mann, der mit seinem Projekt mittlerweile an der Rettung von 2000 Flüchtlingen beteiligt war. Dabei dient die MS Sea Watch als „schwimmende Telefonzentrale“, ausgestattet mit Trinkwasser, Rettungswesten und medizinischer Erstversorgung.

Zwei Wochen war Thomas Lenzen zusammen mit einer achtköpfigen Crew aus Kapitän, Einsatzleiter, Maschinenbauingenieuren, Journalist und Rettungssanitätern auf hoher See, hielt tagelang Ausschau nach Booten. Mit einem Fernglas. „Es gibt zwei Typen von Booten. Das eine ist ein vier Meter langes, chinesisches Billigschlauchboot, ausgestattet mit einem Außenbordmotor. Darauf tummeln sich rund 150 Menschen“, weiß Lenzen. Das andere sei ein zehn bis fünfzehn Meter langes altes Fischerboot, es transportiere meist 300 bis 600 Flüchtlinge. Gerade die Schlauchboote sind auf dem Radar schlecht sichtbar. „Wir finden oft Reste dieser Boote, stützende Holzplanken beispielsweise und luftleere Kissen“, sagt der Mediziner.

Er schildert eine Rettungsmaßnahme vom 23. Juli. „Als der Anruf der Seenotzentrale kam, sind wir schnell zu den angegebenen Koordinaten gefahren, haben unser Speedboot ins Wasser gelassen und es mit Rettungswesten ausgestattet.“ Im Wellenschatten eines großen Frachtschiffes entdeckte die Crew ein voll besetztes Schlauchboot. „Wir haben uns vorsichtig genähert, einen englischsprachigen Sprecher bestimmt und versucht, einen Überblick über mögliche Verletzungen zu bekommen“, schildert Lenzen. Unter den 105 Menschen waren drei Schwangere und mehrere Kleinkinder. Nach Rücksprache mit dem Frachtschiff konnten alle an Deck gebracht werden, dort verteilte der Arzt Trinkwasser und Elektrolytlösungen. „Viele der Menschen waren sehr geschwächt, weil sie zwölf Stunden stehen mussten“, sagt der 35-Jährige. Nur selten laufe eine Rettungsmaßnahme so reibungslos ab, da viele Frachtschiffe die viel befahrenen Mittelmeerrouten meiden würden. „Jedes Schiff ist dazu verpflichtet, die Besatzung eines in Seenot geratenen Bootes aufzunehmen“, erklärt Lenzen. Viele wollen gar nicht erst in eine solche Situation kommen. „Wir können auch erst in internationalen Gewässern helfen“, sagt der Arzt, denn sonst könne der Crew Schlepperei unterstellt werden.

Aber das Engagement sei keine Dauerlösung: „Das, was wir machen, ist eine symptomatische Therapie.“ Mit Hoffnung auf eine Signalwirkung. Seit Mitte November hat sich das Projekt „Sea Watch“ um ein 33 Meter langes Boot vergrößert, es wird auf Lesbos eingesetzt. „Viele Boote zerschellen an der Küste an den vielen Klippen und Riffs“, sagt Lenzen. Das Team arbeitet hier mit größerer Küstennähe, zeigt den Booten eine möglichst sichere Stelle zum Anlanden. Doch in den Gewässern zwischen der Türkei und Griechenland werde es den vielen nichtstaatlichen Organisationen, die dort mittlerweile ein dichtes Hilfsnetzwerk bilden, schwer gemacht. Erst in der vergangenen Woche habe man fünf spanische Rettungsschwimmer wegen des Verdachts auf Menschenschmuggel festgenommen, erzählt Lenzen.