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Drei Monate musste Jana George auf diese Papiere warten: In ihren Händen hält sie ihre Exmatrikulationsbescheinigung der Leuphana Universität. Die Absolventin ist genervt, sieht einen Fehler im System. Foto: t&w
Drei Monate musste Jana George auf diese Papiere warten: In ihren Händen hält sie ihre Exmatrikulationsbescheinigung der Leuphana Universität. Die Absolventin ist genervt, sieht einen Fehler im System. Foto: t&w

Leuphana: Das lange Warten auf das Zeugnis

Von Anna Paarmann

Lüneburg. Jana George hat ihren Bachelor in BWL an der Lüneburger Leuphana Universität gemacht. Ihr Zeugnis hätte sie nach vier Wochen bekommen müssen. Die Studentin wartete jedoch drei Monate darauf. „Ich bin da keine Ausnahme“, weiß die 25-Jährige. „Es kommt häufig vor, dass Studenten ihren Noten hinterherrennen.“ Ein Problem, denn ohne Note und Zeugnis gestaltet sich der Start ins Berufsleben überaus schwierig.

Leuphana-Pressesprecher Henning Zühlsdorff spricht dennoch von Einzelfällen: „In rund 1600 Fällen geht es jährlich um die Ausstellung von Abschlusszeugnissen. Es kann im Laufe eines Jahres bei einer Handvoll Fällen je Hauptfach aus unterschiedlichen Gründen zu Verspätungen bei der Übermittlung der Benotung kommen.“ Viele Studenten, der AStA und auch einige Professoren bestätigen hingegen Jana Georges Einschätzung, sehen die Nichteinhaltung von Vier-Wochen-Fristen als bekanntes, keinesfalls seltenes Problem.

Wochenlang nichts gehört

Auf dieses Dokument wartete Jana George ganze drei Monate. Es beweist beim zukünftigen Arbeitgeber, nicht mehr Student zu sein und dient beispielsweise dem Bafög-Amt als Nachweis.
Auf dieses Dokument wartete Jana George ganze drei Monate. Es beweist beim zukünftigen Arbeitgeber, nicht mehr Student zu sein und dient beispielsweise dem Bafög-Amt als Nachweis.

Ihre Hausarbeit im Komplementärbereich war für Jana George der letzte Schritt auf dem Weg zum Abschluss. Noch im Seminar habe sie darauf hingewiesen, dass sie nach diesem Semester fertig sei, die Note zügig brauche. Bei der Abgabe verwies sie noch einmal auf die Dringlichkeit. Dann habe sie wochenlang nichts gehört, mehrfach versuchte sie die Dozentinnen zu kontaktieren. Schließlich suchte sie ihren zuständigen Sachbearbeiter im Prüfungsamt auf. „In der folgenden Woche wollte er die Dozenten anmahnen“. Dann doch eine Antwort der Dozentinnen: „Die Note sollte schon längst im System sein“, hieß es in der E-Mail. Weitere Wochen vergingen, nach mehrfachen Rücksprachen mit dem Prüfungsamt war die Note endlich im System. Derweil lag die Note der Bachelor-Arbeit schon längst vor, „das lief dagegen völlig problemlos ab“, sagt George. Nach drei Monaten des Wartens war auch das Zeugnis im Briefkasten. „Laut Briefkopf wurde es am 20. Oktober ausgestellt, dabei habe ich die Note erst im November bekommen“, sagt George verständnislos.

Sie verdeutlicht die Bredouille: „Am 30. September ist das Semester beendet, wir werden exmatrikuliert, erhalten kein Bafög mehr. Was soll man dann machen? Zwei Monate arbeitslos zu Hause rumsitzen?“, fragt sie. „Einige meiner Freunde mussten wieder bei Mama und Papa einziehen.“ Viele Arbeitgeber stellen keine Bewerber ein, die kein Zeugnis vorweisen können. Sie selbst ergatterte ohne Note eine Stelle und weiß, dass sie mehr Glück hatte als andere, zumal: „Die Note kam so spät, wäre ich durchgefallen, hätte ich mich für keinen neuen Kursus mehr anmelden können.“ Die Amelinghausenerin wünscht sich deshalb: Nicht nur für Studenten sollte es klare Regeln und Sanktionen geben, sondern auch für Dozenten.

Die Erfahrung, dass es im Komplementärbereich an der Leuphana häufig zu Verzögerungen komme, hat auch Geographie-Professor Dr. Peter Pez gemacht. Er spricht sogar von einem „Sonderproblem“, da man in diesem Feld mit einem vergleichsweise großen Anteil an Lehrbeauftragten arbeite. „Auf diese Lehrenden hat man noch weniger Zugriff.“ Gleichwohl sagt der Prüfungsausschussvorsitzende Prof. Dr. Martin Pries zu den Wartezeiten: „Das ist ein absolutes No-Go, darf von universitärer Seite nicht passieren.“ Das Prüfungsamt könne aber nur tätig werden, wenn eine offizielle Beschwerde eingehe.

Doch Sanktionen für Dozenten gibt es an der Leuphana nicht, und somit kein Druckmittel, damit Studenten schneller an ihre Noten kommen. Pries macht deutlich: Die einzige Rahmenbedingung für Dozenten sei in der Rahmenprüfungsordnung (RPO) festgehalten, darin heiße es: „Schriftliche Prüfungsleistungen sind in der Regel vier Wochen nach der Erbringung der Prüfungsleistung zu bewerten.“ Es bleibe lediglich die Möglichkeit, die Erledigung anzumahnen. Das sei aber nicht im arbeitsrechtlichen Sinne zu verstehen, sondern eher als Erinnerung.

Pez greift den Begriff des „Kümmerers“ auf, der einst vom ehemaligen Vize-Präsidenten Holm Keller angebracht wurde. „Das bedeutet, den Finger in die Wunde legen, immer wieder bohren“, erklärt er. Er rät: Betroffene könnten sich auch an die jeweiligen Studiendekane wenden, die nicht in die hiesige Verwaltungshierarchie eingebunden seien. Oder an Ombudsmann Thies Reinck. Er unterliegt der Schweigepflicht, sei eine Hilfe, wenn Probleme vorliegen. Das Problem der langen Wartezeit könne auch er nicht verneinen: „Ich spreche in einem solchen Fall mit den Dekanaten, der Prüfungsadministration und kann mit größerer Vehemenz auf die Dozenten zugehen“, sagt Reinck. Er erwirke stets den Abschluss eines Falles. „Bei mir sollen die Studenten am Ende ihre Dokumente in den Händen halten.“

Dilemma im Prüfungsamt der Leuphana

Pez war selbst Prüfungsausschussvorsitzender: „In meinen früheren Funktionen habe ich mich in solchen Fällen immer persönlich dahinter geklemmt“, sagt er. Anrufe, E-Mails und das persönliche Aufsuchen habe immer geklappt. „Ich kenne das Dilemma im Prüfungsamt. Es gibt dort keine funktionsfähige Vertretungsregelung.“ Dass die Uni über ihren Sprecher bestreitet, dass es hier ein Problem gebe, könne er nicht nachvollziehen. „Das ist keine gute Strategie, man sollte lieber mit offenen Karten spielen.“

Im schlimmsten Fall kann eine Verschleppung auch vor Gericht gehen. Pries sagt: „Wenn man dort beziffern kann, einen Verdienstausfall in Höhe von beispielsweise 2500 Euro gehabt zu haben, dann muss der Dozent Schadensersatz leisten.“

Ein bekanntes Problem: weitere Fälle

Ein bekanntes Problem: weitere Fälle

Nicht nur Jana George musste lange auf ihre Note warten, auch viele weitere Studenten beklagen das Problem. Die meisten wollen nicht namentlich genannt werden, weil ihre Benotung noch aussteht. Andere haben damit kein Problem, vier Beispiele: Maja Sogorski hat im Oktober ihr BWL-Studium abgeschlossen. Zuletzt wartete sie von Ende Mai bis Mitte September auf ihre Note. „Ich musste Angst haben, überhaupt nach der Bachelorarbeit meine 180 Credit Points zusammenzubekommen“, sagt sie. Auf Rat des Studierendenservices hin, meldete sie sich vorsichtshalber fürs Wintersemester an, musste auch erstmal 330 Euro Semesterbeitrag zahlen.

Silke Kauka durchlebt die gleiche Unwissenheit – mit noch größeren finanziellen Folgen. Ende September hatte die Umweltwissenschaftlerin ihre Verteidigung der Bachelorarbeit. Seither reagiert ihre Erstprüferin nicht. „Ich habe sechs E-Mails geschrieben, den Zuständigen beim Prüfungsamt eingeschaltet und sogar gleich zu Beginn gesagt, dass ich die Note bis 31. Oktober benötige wegen der Masterbewerbung.“ Im Bachelor hatte sie ein Stipendium, eine Weiterführung für den Master sei möglich gewesen. „Doch darauf konnte ich mich nicht bewerben.“ Erst wieder im April sei das möglich, 4500 Euro sind der Studentin durch die Lappen gegangen.

Lehramts-Studentin Laura Medrow bangte drei Monate um die Bafög-Zahlungen, weil die Benotung ihrer Bachelorarbeit ausstand. Ohne Bafög hätte sie wohl die Miete nicht aufbringen können. Erst nachdem zwei Erinnerungen vom Prüfungsamt ausgesprochen wurden, stand die Note endlich fest. Die Zweitprüferin meldete sich nie zurück, bei der Erstprüferin warten auch andere Kommilitonen „vergebens“, sagt die Studentin. Sie wolle Beschwerde beim Vorgesetzten der Dozentin einlegen.

Gianna Henkel wartete auf die Benotung einer Klausur von Februar bis Ende September. Sie hatte auch eine Hausarbeit abgegeben, „wir sagten, dass wir die Note schnell bräuchten, weil eine im letzten Semester war und andere ihren Schnitt für die Auslandssemester-Bewerbung brauchten“. Auf vier E-Mails gab‘s keine Rückmeldung: „Das stört mich am meisten, das ist super ignorant, nicht zu reagieren“, schimpft die Studentin der Kulturwissenschaften. „Dass die vier Wochen nicht eingehalten werden, ist Standard.“

Das sagt der AStA

Jasper Kahrs, Sprecher des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), nimmt Stellung zu den Klagen der Studenten: „Das Problem, dass die festgeschriebene Korrekturfrist von vier Wochen teilweise überschritten wird, ist auch uns bekannt. Bei vereinzelten Modulen ist es aber schon zur Normalität geworden, sodass uns nicht viele Beschwerden von Studenten erreichen.“

Ein großes Problem sehe er in Bezug auf die Abschlüsse. Gerade da würden sich Studenten an den AStA wenden, „da sie für ihr weiterführendes Studium den Abschluss dringend benötigen“.

 

One comment

  1. Organisatorische Probleme dieser Art gibt es bei allen Werbeagenturen, die jungen Leuten und potentiellen „Etat“-Gebern die Illusion zu verkaufen versuchen, sie vermöchten noch etwas anderes, außer Reklameparolen in die Welt zu setzen. Außen hui, innen pfui. Die Erwartungen, die sie anderen einreden und denen zu genügen sie ihnen abverlangen, können die Propagandisten des akademischen „Entrepreneurships“ selbst nicht erfüllen. Liegt das vielleicht daran, dass im gehypten Schneeballsystem des rücksichtslos autokratischen „Delegierens“ von selbstausbeuterischer, sogenannter „unternehmerischer Eigenverantwortlichkeit“ die Sehnsucht nach dem royalen Komfort von maximal reduzierten Legitimations- und Leistungsanforderungen an das absolutistische Willkürregime einer präsidialen „Quassel-Elite“ zu „sich selbst“ zu kommen versucht?

    Berni