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Seit fünf Jahren arbeiten Ackerbauer Axel Schröder (r.) und Mitarbeiter Karsten Wölper mit Beraterin Meike Seidel an einem gezielten Grundwasserschutz. Eine Maßnahme von vielen ist der Anbau von Zwischenfrüchten, in diesem Fall von Ölrettich. Foto: phs
Seit fünf Jahren arbeiten Ackerbauer Axel Schröder (r.) und Mitarbeiter Karsten Wölper mit Beraterin Meike Seidel an einem gezielten Grundwasserschutz. Eine Maßnahme von vielen ist der Anbau von Zwischenfrüchten, in diesem Fall von Ölrettich. Foto: phs

Ackerbau: Erst analysieren dann düngen

off Barnstedt. Beim Düngen hat sich Ackerbauer Axel Schröder früher auf drei Dinge verlassen: sein Fachwissen, seine Erfahrung und die Ergebnisse regelmäßiger Bodenuntersuchungen. Heute greift der Barnstedter bei der Planung auf mehrere Ordner voller Daten zurück, jede Fahrt mit dem Düngerstreuer wird haargenau geprüft und die Nährstoffversorgung der Ackerfrüchte während des Wachstums fortlaufend analysiert. Um 10 bis 20 Prozent konnte Schröder dank der gezielten Grundwasserschutz-Beratung seinen Stickstoffeinsatz im Laufe der Zeit reduzieren. Ein guter Grund, warum sein Einsatz als Modellbetrieb unter Landwirten Schule machen könnte.

Schon seit Jahren sind zu hohe Nährstoffkonzentrationen in Gewässern und Grundwasser bundesweit ein Problem, jüngst hatte eine Anfrage der Grünen an die Bundesregierung erneut den Finger in die Wunde gelegt und ergeben: Auch Ende 2015 verstießen noch 82 Prozent von 9900 Oberflächengewässern gegen die Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Von den 1000 getesteten Grundwasserkörpern lagen die Werte bei 36 Prozent über den Vorgaben von 50 mg Nitrat pro Liter. Als Haupteintragsquelle der Nährstoffe gilt die Landwirtschaft. Und genau da setzt die Beratung auf Modellbetrieben wie in Barnstedt an.

So steht es um den Nitratgehalt im niedersächsischen Grundwasser (Stand 2012). Alle roten Punkte kennzeichnen Messpunkte, an denen die Werte die Qualitätsnorm der EU von 50 mg Nitrat proi Liter überschritten wurden. In den rot schraffierten Gebieten ist der Handlungsbedarf besonders hoch, deswegen wurden sie zu speziellen Beratungsgebieten ernannt. Das Gebiet "Mittlere Elbe" umfasst auch Teile des Landkreises Lüneburg.  Grafik: nlwkn
So steht es um den Nitratgehalt im niedersächsischen Grundwasser (Stand 2012). Alle roten Punkte kennzeichnen Messpunkte, an denen die Werte die Qualitätsnorm der EU von 50 mg Nitrat proi Liter überschritten wurden. In den rot schraffierten Gebieten ist der Handlungsbedarf besonders hoch, deswegen wurden sie zu speziellen Beratungsgebieten ernannt. Das Gebiet „Mittlere Elbe“ umfasst auch Teile des Landkreises Lüneburg. Grafik: nlwkn

 

Zur Verbesserung der Wasserqualität hat das Land 2010 insgesamt elf Beratungsgebiete in Niedersachsen bestimmt – und zwar dort, wo der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) besonders hohe Nitratwerte im Grundwasser gemessen hat. Axel Schröder liegt mit seinem Betrieb im Gebiet „Mittlere Elbe“, das sich auf rund 122 000 Hektar über die Kreise Lüneburg und Uelzen erstreckt. Als einer von 20 Modellbetrieben in dem Gebiet hat er sich entschieden, die kostenlose Intensivberatung durch das Ingenieur-Büro INGUS in Anspruch zu nehmen. Und so den Düngereinsatz auf seinen 300 Hektar so weit wie möglich zu reduzieren.

Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Einsatz von Nitrat. Pflanzen brauchen die Stickstoffverbindung zum Wachsen, „doch alles, was von den Pflanzen nicht aufgenommen wird oder nicht aufgenommen werden kann, sammelt sich im Boden und kann so ins Grundwasser gelangen“, sagt INGUS-Beraterin Meike Seidel. Im Körper des Menschen droht Nitrat schließlich zu Nitrit umgewandelt zu werden – und damit zu dem eigentlich gesundheitsgefährdenden und gefürchteten Stoff.

Axel Schröder arbeitet seit mittlerweile fünf Jahren mit Meike Seidel an seiner Düngeplanung – und versucht so, vor allem eine Nitratbelastung des Grundwassers zu vermeiden. „Dazu gehört, dass wir im Winter die Düngung für jeden Schlag zunächst am Computer planen“, sagt Meike Seidel, „während der Vegetation wird die Düngung dann an die aktuelle Pflanzenentwicklung, Nährstoffversorgung und Witterung angepasst.“ Um sicher zu gehen, wird die Versorgung von Böden und Pflanzen fortlaufend analysiert. „Und auf der Datenbasis dann nur so viel gedüngt, wie die Pflanze auch wirklich braucht.“

Mit dem Beratungsmodell sowie weiteren Maßnahmen wie Agrarumweltmaßnahmen setzt das Land Niedersachsen beim Wasserschutz auf Freiwilligkeit. Der Bund will die Landwirte unter anderem mit einer neuen Düngeverordnung künftig zu mehr Wasserschutz zwingen. Der Erfolgsdruck auf Deutschland ist groß – gelingt es nicht, die Qualitätsnormen der EU zu erfüllen, drohen Strafen aus Brüssel.

Axel Schröder wird seine Düngung noch mindestens drei Jahre mit Meike Seidel planen, gerade ist die Verlängerung der Beratung bis zum Jahr 2018 genehmigt worden. Er hat bisher nie bereut, Modellbetrieb zu werden. „Zum einen ist es gelungen, trotz geringerem Düngereinsatz gleich gute Ernten einzufahren“, sagt er, „zum anderen, sehe ich den Handlungsbedarf.“ Sicherlich sei das keine angenehme Wahrheit. „Trotzdem müssen wir uns als Landwirtschaft beim Blick auf die Grundwasserwerte eingestehen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann.“

Wasserversorger schoben Beratungen in den 1990er-Jahren an

Die Gewässerschutz-Beratung in Niedersachsen ist nicht neu. Schon bevor die im Jahr 2000 verabschiedete EU-Wasserrahmenrichtlinie das Land zum Handeln gezwungen hat, gab es ähnliche Kooperationen in Trinkwassergewinnungsgebieten – auch im Landkreis Lüneburg. „Dort haben letztlich allerdings nicht die Behörden, sondern die Wasserversorger die Beratung angeschoben“, sagt Meike Seidel vom Beratungsbüro INGUS.

Im Landkreis Lüneburg kümmert sich INGUS seit 1995 um die Gewässerschutz-Beratung der Landwirte in den sieben Trinkwassergewinnungsgebieten mit einer Gesamtgröße von 10 000 Hektar. Auch dort ist das Ziel, die Nährstoffeinträge ins Grundwasser so weit wie möglich zu reduzieren.