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Über drei Jahrzehnte arbeitete Ute Gailing im Lüneburger Frauenhaus. Zudem engagierte sie sich auch stark politisch. Für Frauenrechte werde sie auch künftig auf die Straße gehen, sagt die 64-Jährige. Foto: t&w
Über drei Jahrzehnte arbeitete Ute Gailing im Lüneburger Frauenhaus. Zudem engagierte sie sich auch stark politisch. Für Frauenrechte werde sie auch künftig auf die Straße gehen, sagt die 64-Jährige. Foto: t&w

Frauenhaus Lüneburg feiert Jubiläum

as Lüneburg. Hilfe für Frauen in Not und politische Arbeit leisten, wenn es um die Rechte von Frauen geht, dafür standen die Mitarbeiterinnen des Lüneburger Frauenhauses von Anfang an. 1979 wurde die Einrichtung eröffnet. Fast genauso lange, nämlich 34 Jahre, gehörte Ute Gailing zum Mitarbeiter-Team. Jetzt wurde die 64-Jährige in den Ruhestand verabschiedet. Im Gespräch mit der LZ blickt sie zurück und verrät, was sie aus ihrer Arbeit in den neuen Lebensabschnitt mitnimmt.
Interview

Frau Gailing, als Fachkrankenschwester für Sozialpsychiatrie haben Sie mehrere Jahre in der Betreuung von psychisch Kranken gearbeitet. Wie kamen Sie zum Frauenhaus?
Ute Gailing: 1981, meine Tochter war damals Baby, habe ich mich mit anderen Müttern im Frauenbuchladen „Hexenhaus“ getroffen. Dort habe ich Frauen kennengelernt, die 1979 den Verein „Frauen helfen Frauen“ gegründet hatten. Der hatte in der Bardowicker Straße im Hinterhaus eine Wohnung gemietet, wo von Gewalt betroffene Frauen beraten wurden und gegebenenfalls einen Schlafplatz erhielten. Es gab neben einem kleinen Büro einen Wohnraum mit Waschbecken, Zweiplattenkochherd, abends wurden Matratzen auslegt.

Wie wurde das Frauenhaus in Lüneburg aufgenommen?
Gailing: Gewalt gegen Frauen war damals noch ein Tabu-Thema. Das erste Frauenhaus bundesweit war 1976 in Köln und Berlin eröffnet worden. Uns wurde häufig unterstellt, dass wir Frauen instrumentalisieren. Und wir wurden oft als männerfeindliche Feministinnen abgetan. Uns ging es darum, bei der Politik und Verwaltung einzufordern, dass wir Geld für die Miete für unsere Beratungsstelle bekommen und Frauen, die aus der Spirale häuslicher Gewalt heraus wollen, Anrecht auf finanzielle Unterstützung haben. Um dem Nachdruck zu verleihen, haben wir auch schon mal ungewöhnliche Aktionen gestartet, zum Beispiel Mist vors Rathaus gekarrt.

Haben Lüneburger Frauen das im Alleingang gemacht?
Gailing: Ja, ein Großteil der Aktionen wurden von Frauen getragen. Wir haben aber auch Unterstützung von Männern erfahren.

Wie lange hat es gedauert, bis die Einrichtung nicht nur anerkannt, sondern auch finanziell unterstützt wurde?
Gailing: Stark unterstützt worden sind wir zu Beginn von der Frauenkommission des Rates, der unter anderem die inzwischen verstorbene Politikerin Susanne Pulsfort sowie die FDP-Politikerin Birte Schellmann angehörten. Die haben das Thema in die Öffentlichkeit getragen. Anfang der 90er-Jahre hat das Land dann Richtlinien erarbeitet, die den Frauenhäusern feste Budgets garantierten, Stadt und Landkreis finanzieren gegen. Das gibt Planungssicherheit. Aber für vieles reicht das Geld nicht und deshalb ist das Frauenhaus für Spenden dankbar.

Wie geht man damit um, wenn man immer wieder erlebt, dass Frauen von Gewalt betroffen sind?
Gailing: Ich bin nicht zur Männerfeindin geworden. Aber die Arbeit hat mich dafür sensibilisiert zu gucken, ob Frau und Mann in einer Beziehung auf Augenhöhe leben und respektvoll miteinander umgehen.

Ist die Zahl der Frauen, die Beratung und Schutz vor Gewalt suchen, in den vergangenen Jahren gestiegen?
Gailing: Studien belegen, dass inzwischen jede dritte Frau von Gewalt betroffen ist – vor einigen Jahren hieß es noch jede vierte. Dabei geht es nicht nur um körperliche Gewalt, sondern auch um psychische, die sich zum Beispiel in Demütigungen und täglicher Entwertung ausdrückt. Was mich nach all den Jahren immer wieder empört, ist: Wie kann es angehen, dass ein Mensch über den anderen Macht ausübt? Von Gewalt Betroffene gibt es in allen sozialen Schichten. Meiner Erfahrung nach fällt es jenen Frauen, die einen gewissen gesellschaftlichen Status haben, manchmal sogar schwerer sich zu outen und Hilfe anzunehmen. Und nicht jede Frau, die vor häuslicher Gewalt flieht und Unterstützung im Frauenhaus sucht, schafft es, einen Schlussstrich unter die Beziehung zu ziehen. Mir war es immer wichtig, Respekt vor dem Handeln der einzelnen Frau zu haben, egal welche Wege sie geht. Als Beraterin kann ich mich doch nicht ermächtigen zu sagen, was gut oder schlecht für einen Menschen ist. Ich kann nur unterstützen, damit jemand seinen Weg findet.

Suchen inzwischen mehr Migrantinnen die Einrichtung auf?
Gailing: Sicher, auch Frauen mit Migrationshintergrund wenden sich an uns. Das war schon immer so. Dass es im Moment im Verhältnis mehr sind, liegt daran, dass zurzeit viele Flüchtlinge nach Lüneburg und in die Region kommen. Ich möchte aber nicht, dass hier der Eindruck entsteht, dass bei Asylsuchenden das Problem der Gewalt höher anzusiedeln ist.

Sie haben sich auch immer für die Gleichberechtigung eingesetzt. Ist inzwischen alles zum Besten bestellt?
Gailing: In der Theorie ist vieles passiert, die Praxis hinkt aber bei manchen Dingen noch hinterher. Das gilt unter anderem für gleiche Bezahlung bei gleicher Tätigkeit. Es gibt noch einiges zu tun, was Frauen und Männer gemeinsam auf den Weg bringen sollten.

Fällt Ihnen der Abschied nach dreieinhalb Jahrzehnten vom Frauenhaus schwer?
Gailing: Die Arbeit hatte für mich eine hohe Identität, weil ich auch selbstbestimmt und von meiner politischen Überzeugung geleitet tätig sein konnte. Daneben habe ich mich in bundesweiten Gremien für Frauenrechte engagiert. Ich verabschiede mich zwar vom Frauenhaus, aber ich kann jederzeit wieder für die Rechte der Frauen auf die Straße gehen.