Donnerstag , 8. Dezember 2016
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In der Moschee am Lüner Weg versammeln sich immer mehr Gläubige. Durch die Flüchtlinge steigt die Zahl der Moslems, die vor allem freitags zum Mittagsgebet kommen. Langsam wird der Platz knapp. Foto: t&w
In der Moschee am Lüner Weg versammeln sich immer mehr Gläubige. Durch die Flüchtlinge steigt die Zahl der Moslems, die vor allem freitags zum Mittagsgebet kommen. Langsam wird der Platz knapp. Foto: t&w

Islam in Lüneburg: Gläubige beten vor der Tür

ca Lüneburg. Am Freitag reicht der Platz nicht. Zum Mittagsgebet rollen Moslems an hohen Feiertagen Teppiche vor der Moschee am Lüner Weg aus – der Zustrom von Flüchtlingen hat auch das Leben in der überwiegend türkischen Gemeinde verändert. „Der Gebetssaal ist voll“, sagt Nayef Dirawi vom Vorstand des Trägervereins. In die Gemeinschaftsräume im Keller würden Gebetsteppiche gelegt, doch auch das reiche nicht. Noch mehr Andrang herrsche an Feiertagen, wenn beispielsweise Ramadan ende. Dann kämen mehr als 800 Besucher, um dem Imam zuzuhören. Fast nur Männer, denn für Frauen sei kaum Platz. Der Koran sieht kein gemeinsames Gebet vor.
Seit Monaten nehme die Zahl der Gläubigen zu. Viele wollen nicht nur dem Vorbeter folgen, sondern am Gemeindeleben teilnehmen. Wie auch andere helfen die Moslems den Neuankömmlingen. „Wir haben gerade erst zwei Kleinbusse voller Kleider in eine Unterkunft gefahren“, berichtet Dirawi. Beim Dolmetschen, der Wohnungssuche und religiösen Fragen helfe man ebenfalls: „Wir gucken im Internet, in der Zeitung, beim Makler oder bei Wohnungsgesellschaften in Kaltenmoor.“

Canan Erdogan und Nayef Dirawi begrüßen in der Moschee am Lüner Weg immer mehr Flüchtlinge. Die Größe des Gebetssaals reicht für den Andrang nicht mehr aus. Foto: ca
Canan Erdogan und Nayef Dirawi begrüßen in der Moschee am Lüner Weg immer mehr Flüchtlinge. Die Größe des Gebetssaals reicht für den Andrang nicht mehr aus. Foto: ca

Die Aufgabe fordere die rund 150 Mitglieder zählende Gemeinde, doch Dirawi zuckt mit den Schultern: „Was willst du machen? Die Leute sind da, wir leben mit ihnen. Und ist doch klar: Menschen helfen Menschen.“

Die Lage der Zuwanderer aus Syrien, dem Iran und Irak, aus dem Sudan und den Balkan-Staaten kann der Vereinsvorstand gut verstehen: „Ich bin Palästinenser und vor 30 Jahren aus dem Libanon gekommen.“ Seine zwölf Geschwister und die Mutter leben im Libanon, in Syrien, Deutschland und Dänemark. Manche habe er seit Jahrzehnten nicht gesehen. Sein Schicksal erinnert ihn ständig an das Los der Flüchtlinge.

Canan Erdogan, die seit langem zu den engagierten Frauen im Moscheeverein gehört, hilft Flüchtlingen. Auch sie hat Kleidung gesammelt und in eine Unterkunft gebracht. Sie berichtet, dass am Wochenende Frauen und Kinder der Zuwanderer in das Gotteshaus kommen, um Informationen über das Leben im neuen Land sowie Beistand in religiösen Fragen zu erhalten.

Zwar glaubt Dirawi, dass ein Großteil der Flüchtlinge irgendwann in die Heimat zurückkehren wird, wenn sich dort die politischen Verhältnisse verbessern. Aber das dürfte dauern. Die Gemeinde habe bereits in der Vergangenheit überlegt, ob und wo sie wachsen könnte. Doch angesichts der Immobilienpreise sei ein Umzug, ein An- oder Neubau nicht drin. Über Jahre habe der Verein mittels Spenden viel Geld in den Kauf und das Herrichten des Hauses am Lüner Weg gesteckt.

Selbst ein zusätzlicher Imam, also ein Vorbeter, sei nicht drin. Dessen Gehalt werde zwar von der Türkei bezahlt, doch die Wohnung müsse die Gemeinde stellen und für die Kosten aufkommen. Nicht einfach, wenn alles aus Spenden finanziert werden müsse. So werde erst einmal alles bleiben, wie es ist: An Frei- und Festtagen überträgt die Gemeinde den Gottesdienst vor die Tür, sagt Dirawi: Auf den Parkflächen hinter dem Gebäude wäre auch noch Platz.

„Der Islam verbietet das“

Scharf verurteilen Nayef Dirawi und Canan Erdogan die Übergriffe in Köln, Hamburg und anderswo. Aus dem Koran heraus seien solche Taten ebensowenig zu erklären wie der Terror des sogenannten Islamischen Staates. Der muslimische Glaube biete keine Rechtfertigung für dieses Verhalten.

Dirawi: „Als Moslem machst du so etwas nicht. Der Islam verbietet es.“ Canan Erdogan ergänzt, dass die Übergriffe sie allerdings nicht überrascht haben: Türkische Medien würden immer wieder darüber berichten, dass es an Silvester in Istanbul zu solchen Taten komme.