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Schön, aber nicht schön genug: die Heide am Wilseder Berg. Die Landschaft hat es nicht geschafft, auf die Liste des Welterbes der UNESCO zu gelangen. Foto: A./t&w
Schön, aber nicht schön genug: die Heide am Wilseder Berg. Die Landschaft hat es nicht geschafft, auf die Liste des Welterbes der UNESCO zu gelangen. Foto: A./t&w

UNESCO Weltkulturerbe: Doku erzählt Scheitern Lüneburgs

ca Lüneburg. Es war ein Wort, welches kaum jemand kannte und das dann doch vielen Lüneburgern geläufig von den Lippen kam: Tentativliste. Es bedeutet versuchs- und probeweise und meint die Liste der UNESCO, auf der sich Bewerber für den Titel Weltkulturerbe eintragen lassen können. Auf eben diese Liste wollte auch die Hansestadt. Vor zehn Jahren, im Februar 2006, gründete sich der Förderkreis Welterbe Lüneburg, im Sommer 2013 starb er einen gnädigen Tod. Die Mitstreiter gaben das Projekt auf. Eine Dokumentation erzählt nun einen Teil der Geschichte des Scheiterns.

Man muss eigentlich ein wenig weiter zurückgehen. Denn schon Mitte der 90er-Jahre hatte Lüneburg versucht, zum Welterbe erklärt zu werden. Der Grund ist simpel: Wer auf der Liste steht, darf auf mehr internationale Gäste hoffen. Lübeck ergatterte den Titel beispielsweise 1987, Wismar und Stralsund gemeinsam 2002. Sie profitierten von ihrer schönen, jahrhundertealten Kulisse. In Lüneburg waren sich viele sicher: Rathaus, alter Kran, Giebelfronten und Salzgeschichte wären ein Pfund, mit dem die Hansestadt wuchern könnte. Doch die Reaktion auf den vermeintlichen Selbstgänger aus Hannover war ernüchternd: Baugeschichte reiche nicht, hieß es im Jahr 2000.

Lüneburg lockt Touristen, Stadtführerin Hilke Hardow gehört zu denen, die Besuchern die Schönheit der Hansestadt erklärt. Doch auch wenn jedes Jahr Hunderttausende kommen, für den Status Welterbe hat es bisher nicht gereicht.
Lüneburg lockt Touristen, Stadtführerin Hilke Hardow gehört zu denen, die Besuchern die Schönheit der Hansestadt erklärt. Doch auch wenn jedes Jahr Hunderttausende kommen, für den Status Welterbe hat es bisher nicht gereicht.

2005 hatte man sich von diesem Schlag berappelt. Ein neuer Anlauf. Stadtärchäologe Prof. Dr. Edgar Ring nannte neben den Bauten die Region: Bardowick, die Heide, die Landwehr und den Treidelpfad an der Ilmenau, die Ideengeschichte der Renaissance.

Das Rathaus blies Attacke: Kulturreferent Jürgen Landmann, Alt-Landrat Wolfgang Schurreit und der erfahrene Spendensammler Winfried Kopp sollten einen Antrag zu Stande bringen und für Unterstützung werben. Mehr als 420 000 Euro hatte Oberbürgermeister Ulrich Mädge einkalkuliert, ein Drittel sollte aus dem Stadtsäckel klimpern, der Rest über Spenden zusammenkommen.

Schließlich gründet sich der Welterbeverein. 22 Gäste kommen am 6. Februar 2006 in die Industrie- und Handelskammer, 28 Mitglieder zählt das Gremium unter Vorsitz von Schurreit, davon 10 juristische Personen, also Institutionen. Die Sparkassen-Stiftung, immer wieder kommunaler Finanzier, bewilligt 2007 einen Zuschuss von mehr als 16 000 Euro, zwei Jahre später noch einmal 20 000, nur die Hälfte wird abgerufen.

Wer schnelle Erfolge erwartet, wird enttäuscht. Wie gesagt, hanseatischer Backstein alleine begeistert nicht. Nun will der Verein den großen Wurf. Das alte Fürstentum Lüneburg soll Grundlage sein, von der Elbtalaue bis zum Aller-Weser-Urstromtal und der Wümme-Niederung. Denn die Heide ist eine 5000 Jahre alte Kulturlandschaft, die der Mensch sich nutzbar machte. Also gehören auch die Heideklöster hinein und die Heide als solche. Zwei Wissenschaftler schreiben 2008 eine daumendicke Arbeit zur Geschichte und ihren Schätzen. Doch auch das überzeugt nicht wirklich.

Neue Marschroute. Die UNESCO hätte es gern international. Nun soll quasi ein geografischer Chor zum Meisterkonzert antreten. Heidelandschaften von Norwegen bis Spanien und Portugal, dazu Schottland und Irland als große Union Europas.

„Die Heideregion und die Stadt Lüneburg sind sich durchdie Arbeit an einem bedeutendenGemeinschaftsprojekt näher­gekommen, auch wenn
das Ergebnis nicht unserenHoffnungen entsprach.“
Wilfried HoltmannVNP-Vorsitzender

Schließlich, im Jahr 2010, steigt der Naturschutzpark Lüneburger Heide (VNP) mit auf den Ausflugs-Kutschwagen, um gemeinsam mit Stadt Lüneburg und Förderkreis zu trotten. Im Rathaus reagiert der Chef genervt, weil die Bemühungen im Postkutschentempo, auf die Tentativliste zu gelangen, nicht fruchten. Also startet die Stadt Ende 2011 sozusagen mit einem Rennjockey, sie besinnt sich auf eigene Stärken. Und scheitert.

Parallel geht im Wissenschaftsministerium ein Antrag des Fördervereins ein. „Totengrund und Steingrund im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide“, der später um die Wilseder Heide ergänzt wird. All das löst keine Begeisterungsstürme an der Leine aus. Eine Jury reist nicht mal an, um an Erika und Co. zu schnuppern, der Blick in Akten offenbar so trocken wie Heidesand reicht. Die Rundlingsdörfer im Wendland erhalten mehr Zuspruch.

Im August 2013 läutet das Totenglöckchen für den Totengrund. Das zunächst stürmisch begrüßte Thema Welterbe beschäftigt Lüneburg da noch so sehr wie Windstille auf dem Wilseder Berg. Der Verein löst sich auf. Alle versichern sich, einen guten Job gemacht zu haben. Leider hätten die anderen das nicht erkannt. Immerhin ein Teil der Ergebnisse habe Widerhall in der Konzeption des neuen Museums gefunden.

Der Vögelsener VNP-Vorsitzende Wilfried Holtmann zieht ein frohes Fazit: „Die Heideregion und die Stadt Lüneburg sind sich durch die Arbeit an einem bedeutenden Gemeinschaftsprojekt nähergekommen. Im Ergebnis haben wir gemeinsam eine außerordentlich interessante und spannende Aufgabe bewältigt.“ Schön, dass man sich über die Jahre so gut kennengelernt hat, „auch wenn das Ergebnis nicht unseren Hoffnungen entsprach“.

Es gibt ein bleibendes Ergebnis: Ein Teil aus der Reste-Kasse, nämlich 8000 Euro, weist der Verein auf dem Totenbett für die Dokumentation eben der Geschichte der gescheiterten Bewerbung an. 19 Seiten zum Thema, danach ein ellenlanger Anhang, der die Historie der Heidelandschaft beleuchtet. All das findet sich nach ein wenig Suche im Internet unter der Adresse www.stiftung-naturschutzpark.de unter „Der VNP – Downloads – Weitere Veröffentlichungen“.