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Der 24-Jährige Mann aus Dömitz hatte gestanden, im vergangenen Sommer auch das ehemalige Hotel in der Göhrde in Brand gesteckt zu haben. Am Mittwoch wurde am Landgericht Lüneburg das Urteil gegen ihn verkündet. Foto: rg
Der 24-Jährige Mann aus Dömitz hatte gestanden, im vergangenen Sommer auch das ehemalige Hotel in der Göhrde in Brand gesteckt zu haben. Am Mittwoch wurde am Landgericht Lüneburg das Urteil gegen ihn verkündet. Foto: rg

Verbranntes Leben: Fünf Jahre, drei Monate für Feuer im Wendland

ca Lüneburg. Abwertungen und Anerkennung sind die Gegenpole, dies sich durch das Leben und den Prozess vor der 3. Großen Strafkammer ziehen. Als Heimkind fühlte der Angeklagte sich ausgegrenzt und ungeliebt, morgens vorm Spiegel glaubt er, seine Art, sein Aussehen, seine Kleidung würden nicht genügen. Da will er gegenhalten, Engagement erst in der Feuerwehr, später im Rettungsdienst sollen das ausgleichen: „In einer Uniform war ich wer, ich war stolz.“ Als es Ärger im Job gibt, zieht er los und legt sechs Brände. Das Kalkül: Als Rettungshelfer beim Roten Kreuz muss er zur Absicherung der Feuerwehrleute mit ausrücken, im Anschluss kann er Lob der Kameraden und des Einsatzleiters ernten.

Am Mittwoch sprach die Vorsitzende Richterin Sabine Philipp das Urteil: fünf Jahre und drei Monate Haft. Es sei eine „moderate“ Entscheidung der Kammer gewesen. Der Strafrahmen hätte deutlich höher ausfallen können. Doch das Geständnis und die Entschuldigungen bei den Besitzern der ausgebrannten Gebäude seien unter anderem Gründe für das milde Urteil.

Die Fälle sind bekannt: Im vergangenen Sommer steckte der 24-Jährige sechs leerstehende Gebäude und Scheunen in der Göhrde und im Wendland an. Der Schaden wird mit mindestens einer Million Euro beziffert. „Sie haben gewusst, was Sie tun, und Sie hätten es unterlassen können“, sagte Philipp. Der Dömitzer war gezielt vorgegangen: Er habe sich die Objekte angeschaut, sei leise eingedrungen und mit dem Auto davongefahren, ohne das Licht einzuschalten. Er wollte so die Gefahr der Entdeckung minimieren.

Das so oft benutzte Klischee der schweren Kindheit trifft auf den Angeklagten zu: zerstrittene Eltern, ein saufender Vater, Prügel, Unterbringung im Heim, gehänselt in der Schule. Alles tragisch, aber kein Grund, zum Brandstifter zu werden – zu diesem Schluss kam Gutachter Dr. Frank Wegener. Der Psychiater zeichnete nach, wie der Angeklagte als Jugendlicher Feuer gelegt habe, wie er in der Schule ausgegrenzt wurde, sich in sich zurückzog, dreimal in der Kinder- und Jugendpsychiatrie wegen seiner Auffälligkeiten behandelt wurde.

Doch der Angeklagte habe Tritt gefasst: Zwar blieb er zweimal sitzen, schloss aber die Schule ab. Durch sein ehrenamtliches Engagement beim DRK und als Schul-Sani fand er Freunde und brachte es bis zum Schulsprecher. Er schloss eine Ausbildung zum Altenpfleger ab und hatte eine, wenn auch turbulente, Beziehung.
Allerdings steckte er nach einem Streit mit der angehenden Krankenschwester im Herbst 2013 rund 300 Strohballen an. Dafür wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Bei Frust reagierte sich der Angeklagte mit dem Legen eines Feuers ab. So auch bei der Brandserie im Juni und Juli 2015: eine angeblich biestige Chefin als Grund.

Der Sachverständige hält den Angeklagten für steuerungsfähig: Er weiß, was er tut. Gleichwohl empfahl er in der Haft eine Behandlung, um das Selbstwertgefühl des Angeklagten zu stärken.

Ein Gericht ist keine Therapie-Anstalt. Es muss urteilen, auch den Opfern zeigen, dass Taten Konsequenzen haben. Die Kammer schickt den Angeklagten ins Gefängnis, wo er wohl behandelt wird. Das nutzt nicht nur ihm, sondern auch der Gesellschaft, denn die Begründung des Haftbefehls lautet auf Wiederholungsgefahr. Die Richterin sagte zum Angeklagten: Er habe keinen Grund, sich abgewertet zu fühlen. Beruf, Freunde alles erfolgreich. Ärger mit der Chefin, dass in einer „Beziehung mal die Fetzen fliegen – das ist das Leben“. Eben kein Grund, Brände zu legen.

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